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Fernsehen im SWR

Kosten-Nutzen-Analyse in der Krebstherapie

aus der Sendung vom Donnerstag, 9.10.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Seit knapp zehn Jahren drängt eine neue Generation von Krebsmedikamenten in die Behandlung: Zielgerichtete Therapie nennen die Hersteller ihre neuen Substanzen und wollen damit sagen, dass hier nicht wie bei der herkömmlichen Chemotherapie der ganze Körper mit einer Giftdusche behandelt wird, sondern dass ganz gezielt nur die Krebszellen angegriffen werden. Leider sind die Behandlungserfolge dieser Substanzen gering - die Kosten für das Gesundheitssystem dagegen erheblich.

Außerdem können die Nebenwirkungen zum Teil noch gravierender sein als bei der herkömmlichen Chemotherapie. Dass schon die eine große Belastung sind, weiß Heike Leunig aus Salzgitter. Sie hatte 2002 nach einer operativen Entfernung ihres Eileiterkrebses zur Sicherheit eine klassische Chemotherapie gemacht: „Ich habe im Bett gelegen, konnte wirklich nur vom Bett bis zur Toilette gehen. Ich hatte Gliederschmerzen, unruhige Beine - also die Beine haben so gezappelt. Und ich hatte wahnsinnige Schmerzen in den Beinen. Also das sind Schmerzen, die sind unbeschreiblich.“

Rückfall

Im Moment geht es Heike Leunig so gut, dass sie mit ihrer Stute Kaschaya ausreiten kann. Die Frage ist allerdings, wie lange noch. Denn in ihrem Unterleib haben sich Krebsmetastasen ausgebreitet. Nach der Krebsoperation und einer zusätzlichen Chemotherapie hatte sie fünfeinhalb Jahre Ruhe. Vor einem Jahr wurde dann der schlimme Rückfall entdeckt. Das Rezidiv.

Heike Leunig erinnert sich noch an ihre erste Reaktion, damals: „Als ich diese Diagnose bekommen habe, eben auch mit dem Vorwissen, dass es bei einem Rezidiv – und gerade bei einem so ausgeprägten Rezidiv – keinerlei Heilungsmöglichkeiten gibt, hatte ich für mich beschlossen, dass ich keine Chemotherapie mehr machen möchte. Eben wegen der Nebenwirkungen. Bei der ersten Chemotherapie waren die die Hölle.“ Möglicherweise hat Heike Leunig von ihrer ersten, klassischen Chemotherapie aber wenigstens profitiert. Jahre ohne Beschwerden gewonnen.

Neue Präparate – teuere Behandlung

Bei den neuen Krebsmedikamenten ist das die absolute Ausnahme. Ganz präzise sollen sie – so die Hersteller – nur auf Krebszellen wirken. Der Schönheitsfehler: Bei den meisten Patienten wirken sie überhaupt nicht. Die plagen sich nur mit den teils schweren Nebenwirkungen.

Professor Wolf-Dieter Ludwig ist Krebsmediziner und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzte. Er kennt die Studien zu den neuen Medikamenten. Seine Einschätzung: „Wir haben bisher nur sehr wenige Substanzen, die tatsächlich einen Fortschritt für die Patienten bedeuten. Wir haben gleichzeitig eine Kostenexplosion aufgrund der sehr hohen Kosten für diese neuen Arzneimittel, die unser Gesundheitssystem in Zukunft stark belasten werden.“

Neue Krebspräparate wirkungslos?

Er nennt Tarceva gegen Krebs der Bauchspeicheldrüse. Laut Hersteller ein großer Fortschritt. Aber, so Prof. Ludwig: „In der Studie, die zur Zulassung geführt hat, ist die Verlängerung des Überlebens gerade mal in der Größenordnung von zehn bis zwölf Tagen, die Lebensqualität wird durch diesen Wirkstoff nicht verbessert. Und dieser Wirkstoff hat natürlich unerwünschte Arzneimittelwirkungen, die in der Studie deutlich stärker waren als die Nebenwirkungen des herkömmlichen Zytostatikums.“ Besonders bitter: Die Behandlung mit diesen Mitteln gleicht einem Glücksspiel. Die Chancen auf den Gewinn: oft nur etwa eins zu zehn.

Wie bei Torisel gegen Nierenkrebs. Laut Zulassungsstudie profitieren nur neun Prozent der behandelten Patienten. Die Kosten liegen bei 57.000 Euro pro Jahr und Patient. Oder Vectibix gegen Darmkrebs. Wirkt nicht einmal bei jedem zehnten behandelten Patienten. Kostet: 75.000 Euro pro Jahr und Patient. Und weil die meisten Behandlungen Nieten sind, kostet ein Erfolg das Gesundheitssystem eigentlich Hunderttausende Euro. So viel wie für ein Haus – für ein paar Monate Leben?

Längere Behandlungsdauer

Dirk Jäger leitet das Tumor-Kompetenzzentrum in Heidelberg. Auch er sagt uns: Die neuen Medikamente helfen nur selten, und wenn nur wenig: „Wenn wir beispielsweise die Situation bei Dickdarmkrebs anschauen, dann ist das durchschnittliche Überleben der Patienten in einer fortgeschrittenen Situation ohne Therapie etwa acht bis neun Monate. Mit der herkömmlichen Chemotherapie sind es ungefähr um die 20 Monate. Durch den Einsatz der neuen, zusätzlichen, modernen Substanzen - zum Beispiel Antikörper - sind es wahrscheinlich einige wenige Monate mehr.“´

Wachsender Druck auf Patienten

Heike Leunig wollte nach der Rückkehr ihres Tumors eigentlich keine Chemotherapie mehr machen. Aber: „Ich habe mich dann entschieden, dennoch eine Chemotherapie zu machen. Ärzte haben mir dazu geraten, auch Bekannte. Es baut sich ein ungeheuerer Druck auf, etwas zu tun. Aber mit den Nebenwirkungen, die ich hatte, kann ich eigentlich die Hälfte der Zeit streichen.“

Die Bestandsaufnahme zur neuen, „zielgerichteten Krebstherapie“ ist bitter: Dennoch greifen Hunderttausende Patienten jedes Jahr nach diesem Strohhalm. Auch wenn die Aussichten auf Erfolg bescheiden sind, die Nebenwirkungen gewonnene Lebenswochen auffressen und gigantische Kosten entstehen.

Keine Auswertungen

Unverzeihlich ist aber, dass die millionenfach anfallenden Daten aus den Behandlungen nicht ausgewertet werden. Es gibt kein zentrales Register, in dem Erfolge und Misserfolge, Wirkungen und Nebenwirkungen systematisch erfasst werden, um für Patienten wenigstens den besten Umgang mit den Substanzen zu ermitteln.

Das kritisiert auch Prof. Dirk Jäger, Leiter des nationalen Tumor-Kompetenzzentrums in Heidelberg: „Von 95 Prozent der Patienten kennen wir die Daten nicht systematisch. Und da sind wir in Deutschland sicher in einer katastrophalen Situation. Wir brauchen dringend eine neue Struktur, eine Registerstruktur, die es uns erlaubt, tatsächlich auch Verlaufsbeurteilungen von unseren behandelten Patienten zu erheben.“

Heike Leunig hat sich entschieden: Sie will sich nicht mehr auf Teufel komm raus ans Leben klammern: „Die Frage ist auch, ob mir ein Monat länger überleben, ob mir das wichtiger ist als die Lebensqualität. Also für mich ist es eher sinnvoll, den Tagen Leben zu geben, als dem Leben Tage.“

Draußen in der freien Natur, unterwegs mit ihrer Stute Kaschaya und Hund Ludwig, das sind wertvolle Tage, die Heike Leunig noch genießen möchte.

Frank Wittig

Letzte Änderung am: 09.10.2008, 12.02 Uhr

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