aus der Sendung vom Donnerstag, 25.9.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Keine Frage: Plastikmüll belastet die Umwelt. Ganz ohne Tüten, Flaschen oder Folien aus Kunststoff geht es aber auch nicht. Was viele Verbraucher nicht wissen: Es gibt bereits Produkte aus Bioplastik, hergestellt aus nachwachsenden und kompostierbaren Materialien.
Zu erkennen sind diese Produkte an dem sogenannten Sämlingssiegel. Es garantiert eine biologische Entsorgung ohne umweltschädliche Rückstände, erklärt Dr. Harald Käb von European Bioplastics: „Der Sämling steht für die geprüfte, nachgewiesene Kompostierbarkeit. Das heißt, die Produkte können in der Bioabfallsammlung verwertet werden, werden dann zu Kompost, zu Erde. Und zwar in der gleichen Zeit wie ein Salatblatt oder eine Kartoffelschale.“ Übrig bleiben nur Wasser, Kohlendioxid und Humus.
Und so entsteht Bioplastik: Maiskörner oder Kartoffeln liefern den Rohstoff, herkömmliches Stärkepulver. Im sogenannten Extruder vereinigen sich Stärkemoleküle zu langen Molekülketten. Das Ergebnis: eine zähe Masse, die zu Granulat zerkleinert wird. Und daraus lassen sich Kunststoffe mit ganz verschiedenen Eigenschaften herstellen.
Was nach einem komplizierten High-Tech-Verfahren klingt ist eigentlich ein alter Hut. Schon seit über 100 Jahren kann man aus Naturstoffen wie Stärke oder Cellulose Plastik herstellen, bestätigt die Produktentwicklerin Ute Honert: „Kunststoffe aus Naturstoffen herzustellen, das ist nicht neu. Das ist ein Thema, mit dem wir uns in der Industrie schon sehr lange beschäftigt haben. Ich denke, hier haben eben nur Weiterentwicklungen stattgefunden, so dass wir heute sagen können, diese Produkte sind einfach industriell angepasst, so dass man damit vernünftige Verpackungen herstellen kann.“
So ist es längst kein Problem mehr, Biokunststoff zu Folien zu ziehen und daraus beispielsweise Tüten zu machen. Die Hersteller müssen ihre alten Anlagen dafür nicht einmal umrüsten. Und die Biobeutel sind genauso haltbar und reißfest wie herkömmliche Plastiktüten. Trotzdem hatten die Hersteller lange mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen.
Das ändert sich allmählich: Auf der Interpack in Düsseldorf, der Branchenmesse der Verpackungsindustrie, waren Produkte aus Bioplastik in diesem Frühjahr der Publikumsmagnet. Vor allem gefragt: kurzlebige Einwegverpackungen aus Biokunststoff. „Kompostierbare Verpackungen sind gut für kurzlebige Lebensmittel. Das sind vor allem frisches Fleisch, Obst, Gemüse. Da haftet dann oft noch ein Rest von Lebensmitteln an der Verpackung, sehr gut zu kompostieren. Das macht in Deutschland einen Markt von etwa 200.000 Tonnen aus, den wir auf diese Art und Weise mit Biokunststoffen besetzen können“, erklärt Dr. Harald Käb vom Branchenverband European Bioplastics.
Ein lohnendes Ziel, fand man bereits im Jahre 2001 in Kassel. Zwei Jahre lang wurde dort in einem weltweit einmaligen Projekt die Zukunft geprobt: Über 200.000 Bürger, 1.000 Lebensmittelgeschäfte, die Stadtentsorgung und diverse Hersteller waren mit von der Partie. Im Angebot: Ein gutes Dutzend Produkte, bestehend aus oder verpackt in Bio-Kunststoff, der vollständig auf dem Kompost entsorgt, und so in den Stoffkreislauf zurückgeführt werden sollte.
Die Resonanz war enorm. Die Kassler waren sogar bereit, den etwas höheren Preis für die Produkte zu zahlen. Und sie hatten keine Probleme, das Bioplastik als solches zu erkennen und zusammen mit den Grünabfällen in die Biotonne zu entsorgen. Laut Jöran Reske vom beteiligten Entsorgungsunternehmen Interseroh war das Kassler Projekt ein Erfolg auf der ganzen Linie. Sogar die Rückführung der Bioplastikabfälle in den organischen Stoffkreislauf sei gelungen: „Der Kompost, der erzeugt worden ist, inklusive der kompostierbaren Verpackungen, ist anschließend in der Landwirtschaft ausgebracht worden, auf Felder. In dem Fall waren es Grünkohlkulturen, die mit dem Kompost gedüngt wurden, und wir haben dabei in keinster Weise Auffälligkeiten festegestellt. Der Kompost ist ganz genau so gut wie üblicher Qualitätskompost.“
Schnell zeigte das Kassler Modell Wirkung – zunächst allerdings nur in der Ferne. Einige europäische Nachbarstaaten wie die Niederlande oder Großbritannien setzten im großen Stil kompostierbare Kunststoffe ein. Deutschland kam erst spät, mit den explodierenden Erdölpreisen, auf den „Bio-Trip“. Inzwischen hat aber auch hierzulande die Industrie ihr „ökologisches Gewissen“ entdeckt.
Zwei Gründe sind für den Trend ausschlaggebend, so Harald Käb: „Die Biokunststoffe befinden sich heute im Aufwind wegen der Diskussion um Klimaschutz und die Teuerung von fossilen Rohstoffen, darauf geben sie Antworten. Außerdem haben sie Vorteile durch die Gesetzgebung. Sie sind von den Auflagen beim grünen Punkt befreit, sparen dadurch auch Entsorgungsgebühren ein.“
Hält dieser Trend an, dann könnte in fünf Jahren ein Viertel aller Plastikprodukte in Deutschland auf kompostierbaren Kunststoffen basieren. Und auch für die vermüllten Weltmeere besteht Hoffnung: Schon jetzt gibt es Bioplastik, das bei Kontakt mit Wasser binnen weniger Minuten in Kohlendioxid und essbaren Stärkeschleim zerfällt.
Volker Arend
Letzte Änderung am: 25.09.2008, 17.18 Uhr