aus der Sendung vom Donnerstag, 25.9.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Biogas - das klingt nach glücklichen Kühen und Landwirten, die im Einklang mit der Natur Gas produzieren, das bio, also „gut“ und „sauber“ ist. Doch so idyllisch, wie es sich anhört, ist es nicht, sagen Umweltschützer. Einer ihrer Kritikpunkte: hinter dem Etikett Biogas stecke eine fragwürdige Verbindung zwischen Öko-Energie und Massentierhaltung.
„Die Zukunft der Energie ist ganz natürlich“ oder „Die Natur macht uns unabhängig“ lauten die Slogans auf den Internetseiten des Biogasanbieters „Lichtblick“. Im Call-Center des Unternehmens verkaufen die Lichtblick-Mitarbeiter den grünen Energieträger an ihre Kunden. Allerdings gibt es in der schönen Geschichte von produktiven Kühen, sauberem Gas vom Bauernhof und umweltbewussten Kunden eine traurige Zahl: 5 Prozent. Nur so wenig Biogas ist drin, im Lichtblick-Angebot - 95 Prozent sind gewöhnliches Erdgas. Warum?
„Weil das Biogas einfach doppelt so teuer ist wie Erdgas“, lautet die Antwort von Lichtblick-Unternehmenssprecher Gero Lücking. “Das heißt, wenn wir im Wettbewerb konkurrenzfähig bleiben wollen, dürfen wir die Quote nicht überreizen, weil sonst unser Produkt zu teuer wird und es dann keiner mehr kaufen würde.“
Das russische Erdgas etwa ist vergleichsweise günstig. Und auch wenn die Wege zum Verbraucher lang sind, die Pipelines sind seit Jahrzehnten ausgebaut. Der Markt wird mit diesem unökologischen Produkt überschüttet. In dieses etablierte Netz Biogas aus deutschen Landen einzubringen, ist für jeden Anbieter eine echte Herausforderung. So ist das Biogasprojekt von Lichtblick ehrgeizig - trotz der zarten fünf Prozent! Denn, so Lücking: „Wir wollen uns als bundesweiter Gasanbieter etablieren. Wir wollen den etablierten Gasversorgern Konkurrenz machen, wie wollen den Markt und die Strukturen aufbrechen. Das machen wir mit einem Produkt, das ökologisch aufgewertet ist, das anders ist als ein reines hundertprozentiges Erdgasprodukt.“
Schön und gut, aber ist dieses fünfprozentige Biogasangebot nicht doch vielmehr eine hundertprozentige Mogelpackung? Wir fragen Dr. Ludger Eltrop, Experte für Energiewirtschaft und rationale Energieanwendung an der Universität Stuttgart. Der sagt: „Es ist keine Mogelpackung. Biogas ist aus meiner Sicht eine regenerative Energiequelle, die zukünftig einen wichtigen Anteil an der Energieversorgung in Deutschland einnehmen wird. Es ist ein Start in Deutschland, und wir haben andere Unternehmen in Deutschland, die ein ähnliches Konzept verfolgen und erste Möglichkeiten bieten, regenerativ ihre Gasversorgung sicherzustellen. Von daher halte ich das für ein wichtiges Element einer sich entwickelnden nachhaltigeren Energieversorgung.“
Auch wenn es also ein zartes Pflänzchen ist, dem Biogas gehört die Zukunft - selbst wenn derzeit der Löwenanteil in den Angeboten noch immer aus Erdgas besteht. Doch die Geschichte hat schon wieder einen Haken. Kritiker vermuten nämlich hinter dem Biogasangebot eine Riesenschweinerei. Denn um viel Gas an einem Ort produzieren zu können, braucht man schließlich viele Tiere, sprich: Massentierhaltung.
Die Natur würde wechseln, wenn sie könnte - aber nicht zum Biogas, glaubt Marcel Keiffenheim von Greenpeace Energy. Diese Genossenschaft der Umweltaktivisten bietet Strom an, aber kein Biogas wie der Konkurrent Lichtblick. „Wir halten es nicht für ökologisch sinnvoll, deshalb tun wir es auch nicht. Wir erkennen aber an, dass Lichtblick da eine andere Sicht der Dinge hat und die Kunden sind da aufgefordert, sich zu entscheiden. Für uns ist wichtig, dass ein Unternehmen auch glaubwürdig argumentiert, das heißt: einerseits Massentierhaltung und industrielle Landwirtschaft abzulehnen und andererseits die Produkte davon zu verkaufen, erachten wir nicht für sinnvoll. Deswegen machen wir das nicht.“
Klare Worte, die bei Lichtblick eher als Eigenwerbung ankommen: „Es ist ja ganz interessant, dass Greenpeace als Umweltorganisation einerseits den massiven Ausbau von Biogas fordert, und Greenpeace Energy andererseits aber sagt: das ist uns nicht ökologisch genug! Ich glaube, dass das nicht sehr glaubwürdig ist. Greenpeace Energy hatte nie vor, in den Gasmarkt einzusteigen. Und sich jetzt insofern auf unsere Kosten ein Stück weit zu profilieren, ist, glaube ich, sehr durchsichtig“, so Gero Lücking.
Aber was ist dran, am Greenpeace-Vorwurf? Tatsächlich entstehen seit Jahren gigantische Biogasanlagen. Viele beziehen ihre Energie aus Pflanzen. Die Förderung solcher Anlagen durch die Politik könnte also ungewollt den Ausbau großer naturfeindlicher Monokulturen von Energiepflanzen befördern, und eben auch die Massentierhaltung unterstützen. Denn den Fleischerzeugern geht es um die möglichst billige Herstellung ihrer vierbeinigen Produkte. Deren Gülle günstig an Biogasanlagen loszuwerden, statt sie gegen hohe Gebühren auf Felder auszubringen, erleichtert also der ungeliebten industriellen Landwirtschaft das Leben.
Der Energieexperte Ludger Eltrop sieht das ähnlich: „Biogas steht in der Gefahr, Massentierhaltung, beziehungsweise einen großflächigen Anbau bestimmter Energiepflanzen, zu bevorzugen. Der Bund ist auch dabei, die Nachhaltigkeitsgrenzen für diesen Anbau zu entwickeln. Von daher gehe ich davon aus, dass wir in der Zukunft sehr sorgfältig prüfen müssen, dass hier der Rahmen auch richtig gesetzt wird. Dann sehen ich keinen Grund, warum nicht auch die Biogasproduktion nachhaltig gestaltet werden kann.“
Und daran können wir alle mitwirken, indem wir nicht zu dem Fleisch aus Massentierhaltung greifen, das nach der Billig-Billig-Methode auf den Markt geworfen und mit der Futter-Energie aus Monokulturen erzeugt wird, sondern eine Landwirtschaft unterstützen, die sich an den artgerechten Lebensbedingungen der Tiere orientiert.
Letzte Änderung am: 25.09.2008, 16.58 Uhr