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Fernsehen im SWR

Wie grün ist Ökostrom wirklich?

aus der Sendung vom Donnerstag, 25.9.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Die Kraft des Windes, der Sonne und des Wassers liefern die alternative Energie für unsere Haushalte. Immer mehr Menschen wollen den grünen Strom. Doch wer als Ökostromkunde glaubt, über das Stromnetz auch wirklich Ökostrom zu erhalten, der irrt.

„Fast alle Gebäude hängen am öffentlichen Stromnetz, also am Netz der allgemeinen Versorgung. Und in dieses Netz speisen eben auch Kohlekraftwerke, Atomkraftwerke und Gaskraftwerke ein“, erklärt Professor Frithjof Staiß vom Stuttgarter Zentrum für Sonnenergie und Wasserstoffforschung (ZSW) den Hintergrund.

Ist die „grüne Steckdose“ also nur eine Illusion? „In gewisser Hinsicht, ja! Man kann es sich vielleicht vorstellen wie einen großen Stromsee. Wir haben unterschiedliche Zuflüsse, nämlich die Energieträger, die vermischen sich in diesem See. Und am Ende, wenn wir Wasser aus dem See entnehmen, nämlich den Strom, ist es ein Mix. Und deswegen ist die Steckdose eigentlich nicht grün, sondern weiß oder grau oder braun - wie sie eben ist“, bestätigt der Energieexperte Staiß.

Kraftwärmekopplung – grüner Strom aus grauer Quelle?

Wer also über die eigene Steckdose als Verbraucher die alternativen Energien unterstützen will, muss in Kauf nehmen, dass derzeit der theoretische Stromsee auch aus Atom- und Kohlekraft gefüllt wird. Dennoch haben Wind, Solar und Wasserkraft eine Chance, denn Ökostromanbieter unterstützen den Ausbau dieser erneuerbaren Energietechnik. Und genau darum geht es Frithjof Staiß. Als Geschäftsführer im Stuttgarter Zentrum für Sonnenergie und Wasserstoffforschung arbeitet er an der Energietechnik der Zukunft. Auf diesem Weg muss er mit seinem Team im Moment noch versuchen, auch fossile Energieträger durch so genannte Kraftwärmekopplungsanlagen so effizient wie nur irgend möglich nutzbar zu machen.

Diese Anlagen erzeugen zwar gleichzeitig Kraft und Wärme, was energiesparend ist, betrieben werden sie allerdings mit Erdgas. Wind, Sonne und Wasser können den Strombedarf eben alleine nicht decken. Bleibt die grüne Steckdose also auch in Zukunft eine Illusion? Prof. Staiß ist optimistisch: „Also das wäre sicher die falsche Botschaft. Unsere Steckdose ist heute noch nicht grün, aber sie soll grün werden. Heute ist sie grau und so müssen wir den Übergang finden von grau zu grün. Die Erneuerbaren sind der grüne Teil der Steckdose, die Kraftwärmekopplung, also die effiziente Nutzung von fossiler Energie, stellt sozusagen den grauen Anteil dar. Aber sie ist sinnvoll und wir müssen natürlich auch längerfristig diesen Anteil reduzieren, so dass die Steckdose am Ende doch ganz grün ist.“

Ökostrom als Mogelpackung

Wer der grünen Energie helfen will, sollte also trotz Graustich Ökostrom beziehen. Doch das ist gar nicht so einfach. Die Anbieter konkurrieren um die Kunden mit den unterschiedlichsten grünen Energiepaketen, meistens eine undurchsichtige Mischpackung von grauem und grünem Strom. Da heißt es, den Überblick bewahren. Das Label „Grüner Strom“ etwa wird von Frithjof Staiß kontrolliert. Die Einnahmen der Stromkunden müssen, wie auch bei anderen Anbietern, zumindest teilweise in erneuerbare Energietechnik investiert werden.

Dem Aufruf „werden Sie Klimaschützer“ folgen mehr und mehr Stromkunden. Und das mit Recht, denn sie tun etwas für die Umwelt. Und günstiger als die „graue“ Konkurrenz sind manche Anbieter obendrein. Doch Vorsicht, so manches grüne Paket, das auf so genannten „Naturstromwechselpartys“ feilgeboten wird, ist in Wirklichkeit grau. Denn grüne Energie aus dem Ausland kann über so genannte RECS-Zertifikate in Deutschland eingekauft werden. So ist es deutschen Anbietern von Atom- oder Kohlekraft möglich, ihre graue Energie in Ökoenergie umzuschreiben und als solche zu verkaufen. Durch diese Umbenennung wird kein Gramm CO2 eingespart. Und durch Ökostrom aus alten Kraftwerken wird auch der Ausbau neuer Anlagen nicht unterstützt.

Öko-Eurovision

Ökostrom – ein Etikettenschwindel? „Es ist sicher richtig, zu hinterfragen, ob das der richtige Weg in eine ökologische Stromerzeugung ist. Auf der anderen Seite darf man den Hintergrund des Zertifikathandels nicht vergessen, denn wir haben nicht nur nationale Ziele für den Ausbau der erneuerbaren Energien, sondern auch europäische Ziele. Und wir sind alle Europäer. Da liegt es nahe, daran zu denken, den Ausbau so zu gestalten, dass er dort stattfindet, wo es am effizientesten geht“, glaubt der Energieexperte.

Die Sonnenenergie sollte also vor allem dort unterstützt werden, wo sie die meiste Kraft entwickelt - etwa in Spanien. Die europäische Wasserkraft sollte aus den Quellen Skandinaviens sprudeln. Und die Windkraft schließlich an den Küsten der Nordsee geerntet werden. Doch nach Ansicht von Prof. Staiß ist diese Öko-Eurovision ist nur möglich, wenn auch überall in erneuerbare Energien investiert wird: „Wir haben heute insgesamt ungefähr 15 Prozent Energie aus Erneuerbaren. Wir werden in 2020 vielleicht dreißig Prozent, und bis Mitte des Jahrhunderts wollen wir 80 Prozent haben. Da gibt es verschiedene  Maßnahmen. Eine Maßnahme ist es, über solche Stromangebote den Zufluss auch durch die Eigeninitiative bei den Erneuerbaren zu erhöhen.“

Die Zukunft des Stroms. Unser Verhalten entscheidet mit, wann wir uns von Kohle- und Kernkraft verabschieden können.

Axel Wagner

Letzte Änderung am: 23.09.2008, 18.15 Uhr