Hindernisse und Chancen
aus der Sendung vom Donnerstag, 18.9.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Wer mit Firmenwagen und Tankkarte unterwegs ist, dem können steigende Spritpreise ziemlich egal sein – schließlich trägt ja die Firma die Kosten. Und die wiederum ist so großzügig, weil der Staat sie mit Steuererleichterungen für Dienstwagen belohnt. Kein Wunder also, dass 62 Prozent aller Neuwagenzulassungen Firmenwagen sind. Doch das ist nicht nur ungerecht, sondern in Zeiten des Klimawandels auch unverantwortlich. Schließlich sind viele Dienstwagen dicke Spritschlucker mit vernichtender CO2 Bilanz. Inzwischen haben zwar manche Firmen begriffen, dass es tatsächlich auch Vorteile hat, die Firmenflotte auf Sparmodelle umzustellen. Die Umsetzung allerdings ist keine ganz leichte Mission.
Ein Mann im Paradies: Dirk Gerull bekommt ein neues Auto - seinen neuen Dienstwagen. In der repräsentativen Düsseldorfer Niederlassung des Münchner Automobilherstellers bekommt er das Fahrzeug genau erklärt. Keine Frage: Der Wagen macht etwas her. Und doch: Dem Bereichsleiter eines Handelskonzerns hätte ein noch größeres Modell zugestanden. Dass Dirk Gerull dennoch das kleinere Modell wählte - schmälere Reifen, kleinerer Motor - ist bemerkenswert in einer Welt, in der das Auto klar macht, wer man ist und was man darstellt – vor allem in der strengen Dienstwagen-Hierarchie von Unternehmen.
Warum also hat Dirk Gerull „nur“ einen „Dreier“ anstatt des dickeren „Fünfer“ genommen? „Hier haben sicher zwei Argumente geholfen. Das eine ist sicherlich diese Diskussion um ökologische Gesichtspunkte, dem auch gerecht zu werden. Und das zweite ist auch, dass das Unternehmen mir klar gesagt hat, ich habe auch einen gewissen persönlichen Vorteil davon.“
Sein neuer Wagen stößt 128 Gramm CO2 pro Kilometer aus, im Vergleich ein guter Wert. Der Mann liegt im Trend: Laut einer Studie des großen Leasingunternehmens ARVAL würden rund 80 Prozent der Dienstwagenfahrer sofort ein umweltfreundlicheres Auto nehmen. Allerdings: Nur 15 bis 35 Prozent akzeptieren einen kleineren Wagen. Da ist Dirk Gerull also eher die Ausnahme.
Eine Umfrage der Sendung „Hart aber Fair“ illustriert, wie groß die Bereitschaft zum PS-Abspecken ist. Die Frage der Reporterin auf einem Rastplatz an Dienstwagenfahrer: Wie wär’s mit einem abgasarmen Drei-Liter-Auto als Dienstwagen? „Ich fahr sehr, sehr viel und das Auto ist erst mal untermotorisiert, zweitens hat es nicht den nötigen Komfort, den ich auf Reisen brauche“, glaubt einer der Befragten. Ein anderer findet das Modell „ein bisschen klein. Mit 1,90 Meter würde ich mich wahrscheinlich nicht wohl drin fühlen.“ Und auch der nächste wehrt ab: „Sie, ich glaub’ das geht nicht. Ich fahre 75.000 Kilometer im Jahr...“ Der nächste setzt der Höchstgeschwindigkeit von 165 km/h bei dem Spritspar-Modell entgegen: „Und da gehen 210!“ Ein anderes Argument: „Ich hab´ da sogar `ne Kühlbox in der Mittelarmlehne drin - das hat der nicht!“
Da müssen sich Firmen wirklich etwas einfallen lassen, um Maß halten zu fördern: 2.000 Dienstwagen hat der Essener Handels- und Touristikkonzern Arcandor. Der Umbau zum CO2-reduzierten Fuhrpark funktioniert – mit Zuckerbrot. Andreas Otte, Flottenmanager des Unternehmens verrät: „Da haben wir jetzt einige Zeit gebraucht, um zu überlegen, wie wir das ein bisschen forcieren können. Wir wollen, dass der Mitarbeiter überzeugt ist und versuchen, durch zusätzliche Features, die der Mitarbeiter (...) bestellen kann, das auch attraktiv zu gestalten.“
Dirk Gerull hat für sein Opfer, nicht den „Fünfer“ zu nehmen, ein Navi und eine bessere Ausstattung bekommen. Er fährt den ersten Wagen der neuen Firmenflotte. Neben dem Belohungssystem für Mitarbeiter setzt das Unternehmen in Zukunft auch auf eine andere Automarke mit besseren CO2 Werten. Die alte Flotte, die noch auf dem Firmenparkplatz steht, geht an die Leasing-Firma zurück. Bei den kleineren „Funktionswagen“ ist diese Umstellung schon vollzogen. Die Neuen stoßen vorbildliche 119 Gramm CO2 pro Kilometer aus.
Bis 2010 wollen zwei Drittel der Unternehmen ihre Fuhrparks sauberer kriegen. Gute Nachrichten, da rund 80 Prozent aller Neuzulassungen mit hohem CO2-Ausstoß Firmenwagen sind. Doch das klassische Dienstwagendenken ist damit nicht passé: In Deutschland lohnt es sich immer noch, möglichst dicke Firmenwagen zu ordern, bemängeln Kritiker wie die Deutsche Umwelthilfe.
Demnach mindert die Anschaffung eines exklusiven Chefwagens für beispielsweise 119.000 Euro die Steuerlast des Unternehmens um fast 47.000 Euro. Kein Anreiz kleiner zu fahren. Auch wird Firmen empfohlen, Mitarbeitern größere Dienstwagen statt mehr Gehalt zu geben - das hält unter anderem die Sozialkosten niedrig. Und dann gibt es noch Steuermodelle, in denen der Arbeitnehmer das Auto fast unbeschränkt privat nutzen kann. Wer achtet da noch auf Verbrauch und Klima?
Deutschland, das sich gern als Umweltprimus sieht, hat über Sanktionen für CO2-Sünder in Firmendiensten munter debattiert. Konkretes wurde nicht auf den Weg gebracht; es blieb bei markigen Worten, wie dem schillernden „Viagra in Chrom“-Vergleich des Bundesumweltministers.
Druck kommt aus Europa: In vielen Ländern werden Firmenwagen mit hoher CO2- Emission bereits empfindlich mit Umweltsteuern belegt, bis hin zu hohen fünfstelligen Eurobeträgen. Die EU will übrigens ab 2012 eine Strafabgabe einführen – für alle Neuwagen mit zu hohem CO2-Ausstoß.
Arcandor traut sich daher schon jetzt ein wenig die Peitsche zu schwingen, wenn Mitarbeiter den dicksten Brummer wollen: Der Fahrer muss einen Umweltzuschlag zahlen. Die Firma senkt so den CO2-Ausstoß der Flotte um 20 Prozent - und spart 20.000 Liter Sprit pro Monat. Flottenmanager Otte dazu: „Dort sind wir schon weiter als die Politik es fordert. Ich glaube auch, dass alle Unternehmen diesen Schritt weiter gehen - heute spricht jeder von CO2-Ausstoß. Und ich denke, das ist aufgrund des Klimawandels auch ein Thema.“
Die Firma macht das, was die deutsche Politik wegen „unzumutbarer Belastungen“ für Unternehmen vermeidet. Aber die Strategie Zuckerbrot und Peitsche könnte auch langsam das Statusdenken verändern. Vielleicht schaltet Dirk Gerull bei seinem nächsten Dienstwagen ja sogar voller Stolz noch einen Gang zurück.
Oliver Wittkowski
Letzte Änderung am: 18.09.2008, 00.37 Uhr