Navigation

Volltextsuche
Fernsehen im SWR

Stent in der Halsschlagader: sinnvolle Prophylaxe?

aus der Sendung vom Donnerstag, 5.6.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache. Von den 250.000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland einen Hirnschlag erleiden, stirbt ein Drittel und ein Drittel behält - zum Teil schwere - Behinderungen. Kein Wunder also, dass Versprechungen über eine "Vorsorge" gegen den Schlaganfall gerne geglaubt werden. Doch was macht wirklich Sinn und was ist "Beutelschneiderei", also ein medizinischer Eingriff, von dem allein die Mediziner finanziell profitieren?

Professor Werner Hacke von der Uniklinik Heidelberg hat Studien dazu unternommen und dabei vor allem die Behandlung der sogenannten Carotis-Stenose untersuchet. Das ist eine Verengung der Halsschlagader, die als Risiko für einen Schlaganfall gilt. Gerinnsel, die von dort aus in das Gehirn geschwemmt werden und Gefäße verstopfen, sind der Grund für viele Schlaganfälle.

Für Patienten mit einer besonders starken Verengung der Carotis und bei solchen, die bereits einen Schlaganfall hatten, ist die Einschätzung nach der Studienlage ganz klar, sagt Prof. Hacke: "Die Operation einer Carotis-Stenose, die schon einmal einen Schlaganfall gemacht hat, gehört wahrscheinlich zu den am besten untersuchten chirurgischen Eingriffen überhaupt. Die Studien sind ganz eindeutig: die Patienten haben eine viel bessere Lebensqualität und sie bekommen viel seltener einen neuen Schlaganfall."

Nicht jede Verengung ist gefährlich

So weit so gut. Aber: bei weitem die meisten Carotis-Operationen in Deutschland - etwa 15.000 jedes Jahr - werden an Menschen durchgeführt, die keinen Schlaganfall und gar keine Probleme mit ihrer Carotis-Verengung haben. Angeblich zur Vorsorge. Und da fällt Hackes Urteil anders aus: "Patienten, die eine Verengung der Halsschlagader hatten, aber noch nie neurologische Ausfallerscheinungen hatten, für die ist selbst die Operation eine Maßnahme mit einem nur so geringen Vorteil, dass man sich überlegen muss, ob es sinnvoll ist, die Operation durchzuführen. Die Operation muss dann mit einer extremen Sicherheit durchgeführt werden, die so in fast keinem Zentrum zu erzielen ist."

Die Vorsorge-Operation ist also in der Regel reine Geldmacherei. Eine teure Nonsens-OP, die nur den Chirurgen Profit bringt.

Fehlender wissenschaftliche Beweis

Ganz ähnlich verhält es sich wohl auch mit einer anderen Methode, mit der Carotis-Stenosen behandelt werden. Auch wenn sie bisher gar keine Probleme bereitet haben: eine verlockend einfache Methode. Über einen kleinen Schnitt in der Leiste wird ein Katheter in den Körper eingeführt und bis in die Halsschlagader vorgeschoben. Dort wird dann ein "Stent" aufgefaltet, der die Verengung aufweitet. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich auch hierbei um reine Geldmacherei handelt. Denn für einen Schutz vor dem ersten Schlaganfall fehlt hier bisher jeder wissenschaftliche Beweis.

Um hier Klarheit zu schaffen leitet Werner Hacke eine aktuelle Studie, in der chirurgischer Eingriff, Stent und pharmazeutische Behandlung der verengten Schlagader miteinander verglichen werden. Dabei hat er eine Vermutung, die Hoffnung für das Problem Carotis-Verengung macht: "Wir sind heute viel, viel besser geworden in der medikamentösen Prävention. Und wir wissen gar nicht, ob heute eine gute Behandlung mit Medikamenten und eine Raucherentwöhnung für sich alleine genommen nicht genau so effektiv ist. Ich könnte mit vorstellen, dass wir herausbekommen, dass man gar nicht zu operieren braucht."

Die Verengung der Carotis alleine mit Medikamenten in den Griff bekommen - das wäre natürlich ein großer Fortschritt.

Frank Wittig

Letzte Änderung am: 05.06.2008, 12.05 Uhr