aus der Sendung vom Donnerstag, 5.6.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Für fast 200.000 Menschen in Deutschland verändert ein Blutgerinnsel im Gehirn das Leben für immer. Doch es sind nicht nur alte Menschen, die einen Schlaganfall erleiden. Ein Odysso-Kollege war im Januar 2008, mit 42 Jahren, selbst betroffen. Der Wissenschaftsjournalist hatte eine Blutung im Gehirn, eine Ader war gerissen. Sein Leben hing an einem dünnen Faden. Jede Sekunde zählte. Doch fatalerweise ging erst einmal alles schief. Selbst die Rettungssanitäter übersahen die Warnzeichen des gefährlichen Schlaganfalls. Ein Erfahrungsbericht.
Schon am Morgen stehe ich vor dem Spiegel und denke: irgendetwas stimmt nicht. Ein leichter Schwindel, gar nicht richtig zu spüren. Aber unangenehm. Ich sage mir: 'Komm, lass Dich nicht so hängen. Nichts, was eine Tasse starker Kaffee nicht wieder in Ordnung bringen könnte, oder?'
Aber den Kaffee kann ich gar nicht trinken, so übel ist mir. Und es wird nicht besser, es wird schlechter. Mit Mühe schaffe ich es die Treppe hoch in unser Badezimmer. Ans Waschbecken. Übelkeit, Schwindel, Gehstörungen. Als Journalist habe ich schon viele medizinische Themen behandelt. Ein schlimmer Verdacht drängt sich auf: Schlaganfall.
Auf allen Vieren krabbele ich in den Gang hinaus, rufe nach meiner Frau. Die tut das einzig Richtige: Sie wählt die Notrufnummer, gibt unsere Adresse und unseren Verdacht, um was für ein medizinisches Problem es sich handelt, durch.
Nach ein paar Minuten ist der Rettungswagen da. Aber die Sanitäter scheinen meinen Fall nicht besonders ernst zu nehmen. Hier ein Ausschnitt aus dem „Gespräch“ bei dieser seltsamen Begegnung:
Frank W.: Ich kann gar nicht mehr gehen, hab so ein seltsames Nachziehen im Kopf."
Rettungsassistent: "Also Ihnen ist schwindelig?"
Frank W.: "Ja ich habe auch Taubheitsgefühle im linken Arm. Was ist denn passiert? Was sagen Sie?"
Rettungsassistent: "Also Ihnen ist nicht gut. Wir können Sie nach Mainz bringen oder nach Alzey oder Sie können auch hier bleiben und schauen, ob es besser wird."
Frank W.: "Aber wenn ich Sie richtig verstehe, dann sehen Sie keine Gefahr. Es ist nichts Schlimmes passiert?"
Rettungsassistent: "Nein, das habe ich nicht gesagt. Wir können Sie nach Mainz bringen oder nach Alzey, oder Sie bleiben hier. Und wenn es Ihnen nicht besser geht, gehen Sie später zum Hausarzt."
Unfassbar: unverrichteter Dinge ziehen die Sanitäter ab. Sie haben mir, einem medizinischen Laien, der unter Schock stand und in schlechter körperlicher Verfassung war, die Entscheidung über den Krankentransport überlassen. Da dachte ich, es kann ja so schlimm nicht sein.
"Eine Katastrophe", sagt Dr. Guido Scherer, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Mainzer Innenministerium. Er ist entsetzt über die Fahrlässigkeit der Sanitäter: "Versagt hat der verantwortliche Rettungsassistent vor Ort. Das ist definitiv so. Das haben wir auch schon recherchieren können. Es gab klare Angaben, wie vorgegangen werden muss. Für alle Notfälle. Speziell natürlich für den Verdacht des Schlaganfalls. Und diesen Vorgaben ist nicht gefolgt worden. Es ist abgewichen worden von den ganz üblichen Behandlungs- oder Vorgehensstandards. Das ist natürlich besonders tragisch, weil sich im Rettungsdienst mit Abstand die meisten natürlich adäquat verhalten."
Mit Hilfe meiner Frau komme ich - wenige Minuten nachdem die Sanitäter unsere Wohnung verlassen haben – zu meinem Hausarzt. Der macht, was auch die Sanitäter hätten machen müssen: Ein paar einfache Tests um zu klären, ob ich ins Krankenhaus muss.
Keine fünf Minuten, und Dr. Eisinger ruft erneut den Krankentransport. Außerdem meldet er mich im Schlaganfallzentrum der Uniklinik an. Das spart im Ernstfall wertvolle Zeit.
Während des Krankentransports erhole ich mich etwas. In der Uniklinik steht das Team schon bereit. Mit dem Computertomographen soll mein Kopf durchleuchtet werden. Von dem Ergebnis hängt die weitere Behandlung ab, erklärt Dr. Jürgen Marx, Leiter der Schlaganfallabteilung (stroke unit) Uniklinik Mainz: "Das CT ist in der Akutphase eine ganz wichtige Untersuchung. Man kann hier unterscheiden, ob es sich bei dem Schlaganfall um eine Durchblutungsstörung, also einen Hirninfarkt, oder eine Blutung handelt. Bei der Durchblutungsstörung ist die Ursache ein Gerinnsel das eine Ader im Gehirn verstopft und bei der Blutung ist ein Gefäß geplatzt oder gerissen.. Und die beiden Formen unterscheiden sich natürlich gravierend in der Versorgung. Bei einer Durchblutungsstörung kann man blutverdünnende Maßnahmen einsetzen, und das wäre natürlich bei einer Blutung fatal."
Doch die Untersuchung bringt zunächst kein Ergebnis. Keine Gerinnsel sichtbar. Und mir geht es mittlerweile schon wieder ganz gut. Ich soll für weitere Tests stationär aufgenommen werden. 'Na klasse', denke ich, 'jetzt verbringe ich meinen letzten Urlaubstag im Krankenhaus.'
Und dann passiert’s: Nach einem heftigen Nieser spüre ich es regelrecht im Kopf. Ein seltsames Kribbeln. Ich möchte meine Nase putzen, doch meine Hand gehorcht mir schon nicht mehr richtig. Zum Glück sitzt mir gegenüber ein Patient. Ich kann ihn noch ansprechen und bitten, den Notfallknopf zu drücken. Als wenige Sekunden später das Pflegepersonal bei mir ist, bin ich schon halb gelähmt, kann nur noch mit Mühe sprechen.
Die Ärztin erklärt mir nach wenigen Tests, dass ich eine Durchblutungsstörung im Gehirn habe. Keine Überraschung für mich. Aber ihre tröstenden Worte tun in diesem Moment verdammt gut: "Sie brauchen sich im Moment keine Sorgen zu machen, Sie sind in guten Händen. Wir kümmern uns um Sie."
Ein typischer Verlauf, sagt Dr. Marx: "Es ist leider häufig so, dass sich nach so kurzen und leichten Ausfallerscheinungen dann schwere Schlaganfälle ergeben. Und deshalb ist es so wichtig, dass die Patienten auch bei leichten kurzen Ausfällen eine Spezialklinik aufsuchen, damit dort das Problem entsprechend behandelt werden kann. Das können Taubheitsgefühle sein, ganz kurzfristige, vorübergehende halbseitige Lähmungen, auch kleine Sprachstörungen oder Doppelsehen. All das sollte man ernst nehmen und in einer Spezialklinik abklären lassen, um im Ernstfall vor Ort zu sein, wo dann auch entsprechend reagiert werden kann."
Mittlerweile sehe ich Doppelbilder. Das Piepsen des Herzmonitors beruhigt mich auf dem Transport zu CT. Lebenswichtige Funktionen laufen offenbar normal. Jürgen Marx checkt mit einfachen Fragen meinen Bewusstseinszustand, sprechen kann ich nicht mehr: "Wenn Sie mich gut verstehen, dann machen sie mal bitte die Augen fest zu." Ich schließe die Augen. "Herr W., wie groß sind Sie?" Ich kann nur stöhnen. "Und was wiegen Sie?" Wieder stöhnen. Aber meine Reaktionen zeigen dem Neurologen, dass ich bei vollem Bewusstsein bin.
Er klärt mich über das geplante Vorgehen auf: "Wir haben den Verdacht, dass Sie eine Durchblutungsstörung im Hirnstamm haben. Wenn sich das bestätigt im CT, dann müssten wir mit dem Katheter in das Blutgefäß hineingehen und das Gerinnsel entfernen."
Aber das war glücklicherweise nicht nötig. Erst nach einigen Tagen und diversen Tests ist mein Fall geklärt. Die Radiologin erläutert mir den Befund. Ein ganzer Schwarm von Minischlägen ist im Kleinhirn nachweisbar. Sie haben sich von selbst wieder aufgelöst. Offenbar ohne dauerhafte Folgen für mich. Ursache war eine leicht verletzte Ader am Hinterkopf. „Von da aus sind dann die Gerinnsel losgeschossen“, wie die Radiologin sich ausdrückt.
Ich muss einige Monate Blutverdünner nehmen, um die Gefahr durch die Gerinnsel zu vermindern. Die verletzte Ader – sagen die Ärzte – wird in dieser Zeit heilen und dann habe ich kein erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall mehr. Nach wenigen Tagen schon ist von den schweren Beeinträchtigungen nichts mehr zurückgeblieben. Eins jedenfalls ist klar: Ich habe ein Riesenglück gehabt.
Frank W.
Letzte Änderung am: 05.06.2008, 11.46 Uhr