aus der Sendung vom Donnerstag, 29.5.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Das Zeckenrisiko scheint bei uns im Südwesten besonders hoch zu sein. Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man die Medienberichte verfolgt. Borreliose und FSME sind die beiden Krankheiten, die durch die Blutsauger übertragen werden können. Echte Gefahr oder nur Panikmache?
Joggen kann tödlich sein, denn das Kohlendioxid aus unserem Atem und die Fettsäuren im Schweiß werden von gierigen Blutsaugern registriert, die auf das nächste Opfer warten. Wissenschaftlich werden sie "Holzbock" genannt. Auf deutsch: Zecken. Minimonster mit acht Beinen. Mit ihrem Speichel übertragen sie Krankheitserreger. Rötungen und Lähmungen hervorrufende Borreliose-Bakterien und Viren, die eine Hirnhautentzündung namens FSME verursachen können. Soweit die Horrorgeschichte.
In der Realität fällt das Urteil eher nüchtern aus. Dr. Gundula Jäger ist FSME-Expertin, das Spezialgebiet von Dr. Volker Fingerle sind Borrelien. Die beiden Wissenschaftler befassen sich seit vielen Jahren hauptberuflich mit den Plagegeistern. Wie bewerten die beiden die Wahrscheinlichkeit, an einer der Zeckenkrankheiten zu erkranken, etwa der viel gefürchteten FSME?
"Wir haben im Jahr 2006 über 500 Erkrankungen gehabt und im Jahr 2007 so um die 230 Infektionen", so die Mikrobiologin Dr. Gundula Jäger. "Das ist keine statistisch einwandfrei zu bewertende Verminderung oder Vermehrung. Und insgesamt, wenn wir jetzt sagen, gut wir rechnen das auf 20 oder 30 Millionen Bevölkerung um, je nach dem wie weit man die Gebiete ausdehnt, kann man sich vorstellen, dass das eine seltene Krankheit ist."
Und doch wird die FSME als sehr ernste Gefahr wahrgenommen! Grund dafür ist eine Landkarte, die fast das gesamte Süddeutschland in FSME-Risikogebiete aufteilt. Doch kein Grund zur Sorge. Denn das, was zunächst wie ein großes Risiko aussieht, ist in Wirklichkeit nur ein verschwindend kleines Risiko. In Zahlen: Ist von 2002 bis 2006 mehr als ein Mensch pro 100.000 an FSME erkrankt, sprechen die Behörden bereits von einem "Risikogebiet". 129 so genannter "Risikogebiete" gibt es. Doch neuerdings kommen 33 - rund ein Viertel - dazu. Und zwar nur, weil diese zufällig in der Nähe von definierten Risikogebieten liegen. Irreführend. Auch weil in sieben dieser Pseudo-"Risikogebiete" noch niemals eine FSME-Ansteckung nachgewiesen wurde.
Trotzdem werden diese Gebiete auf der Risiko-Karte rot markiert und so vermitteln die hinzugekommenen Stadt- und Landkreise den Eindruck, die FSME-Zeckengefahr würde steigen. Doch das ist Unsinn. Wir erinnern uns an die Aussage von Gundula Jäger, die sagte: "Wir haben im Jahr 2006 über 500 Erkrankungen gehabt, im Jahr 2007 so um die 230 Infektionen."
Unterm Strich bedeutet das einen Rückgang, nämlich um 270 Infektionen - mehr als eine Halbierung der Fallzahlen. Doch die trügerische Karte löste 2007 eine Flut von Medienberichten aus. Eine wahre Impfhysterie entstand und die Produktion von Impfstoff kam der Nachfrage kaum hinterher. Dem Hersteller hat das sicher gut getan. Aber für viele war der Nadelstich unsinnig, da ein Zeckenstich extrem unwahrscheinlich war. Und wie hält es die in Süddeutschland lebende FSME-Forscherin mit der Impfung? "Ich persönlich bin nicht geimpft, nein."
Keine Frage: Waldarbeiter, Landwirte oder auch Kinder, die sich sehr häufig dort aufhalten, wo FSME tatsächlich oft auftritt, sollten sich impfen lassen. Aber einen Grund, nicht in den Wald zu gehen gibt es nicht.
Obwohl in Deutschland jährlich über 80.000 Menschen eine Borreliose erleiden, sieht Dr. Volker Fingerle vom Nationalen Referenzzentrum für Borrelien in München überhaupt keinen Grund zur Panik. Denn in neun von zehn Fällen bildet sich eine so genannte Wanderröte. Ganz schwere Erkrankungen, etwa des Nervensystems, sind extrem selten. Aber – warum halten wir eine schwerwiegende Borreliose dann für so wahrscheinlich? "Ein schönes Beispiel ist ja immer das Lotto. Jeder der Lotto spielt glaubt natürlich dran, er macht einen Millionen-Gewinn - und das findet einfach nur sehr selten statt", sagt Dr. Fingerle.
Zwar ist eine schwerwiegende Infektion nicht ganz so selten wie ein Lottogewinn – und doch werden mit der Zeckenangst Millionen verdient. Ein Tier nach dem Biss auf das Vorhandensein möglicher Borrelien hin zu untersuchen, bringt selbst ernannten Speziallabors viel Geld ein, ist aber zweifelhaft. Denn selbst wenn sich die Bakterien im Speichel der Zecke befinden, bedeutet dies noch lange nicht, dass der Mensch auch erkrankt. Trotzdem werden scheinbar vorsorglich Antibiotika gegen Borrelien verabreicht.
"Es ist wirklich ein Skandal, welche Unmengen Antibiotika wegen vermeintlicher Borrelien-Infektionen verordnet werden. Patienten werden über Monate mit Antibiotika behandelt, ohne dass es überhaupt einen Sinn macht, diese Patienten so zu behandeln", sagt Prof. Peter Herzer, Internist und Rheumatologe in München. In zahlreichen Publikationen hat er seine langjährigen Erfahrungen mit der Borreliose zusammengetragen.
Für den Mediziner ist momentan nicht die Krankheit das Hauptproblem, sondern die Angst vor ihr: "Das ist meines Erachtens eine neue Krankheit geworden, die 'Borreliose-Angst'. Und die wird auch geschürt von manchen Ärzten und unseriösen Institutionen, die damit viel Geld verdienen. Es ist dann oft sehr schwierig, dem Patienten klar zu machen, dass er nicht an einer Borreliose leidet. Das ist ein größeres Problem als umgekehrt, dass man die Diagnose heutzutage positiv stellt."
Zecken, die Minimonster des Waldes, verlieren also im rechten Licht der Wissenschaft betrachtet ihren Schrecken.
Letzte Änderung am: 29.05.2008, 18.55 Uhr