aus der Sendung vom Donnerstag, 15.5.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Bei der Atomkraft versuchen die großen Energieversorger in zweierlei Hinsicht einen ganz besonderen Coup zu landen: Zum einen wollen sie mit "Greenwashing"-Kampagnen ihr Klimakillerimage loswerden. Zum anderen sollen die AKWs auch noch die Kassen füllen. Denn jedes Jahr, in dem die Kernkraftwerke zusätzlich weiter laufen, verdienen die Betreiber pro Kraftwerksblock 300 Millionen Euro. Das hat das Öko-Institut berechnet. Abgeschrieben sind die Kraftwerke längst, jetzt kann man richtig verdienen. Und tatsächlich scheint die Strategie in Öffentlichkeit und Politik zu verfangen. Die Rückkehr zur Atomenergie ist kein Tabu mehr.
Imagewandel der Atom-Energie. Statt als Verstrahlungspotenzial mit ungelöstem Atommüll-Problem erscheint Atomstrom plötzlich als ‚Grüne Energie’! Die Lösung für den wachsenden Energiehunger der Welt und zugleich die Rettung vor dem Klimawandel. Erst waren es die hohen Energiepreise, dann Russland, das seine Gas und Öllieferungen stoppte - und nun ist es der Klimawandel, der Politikern die Argumente liefert: "Die deutschen Kernkraftwerke ersparen Emissionen von 120 Millionen Tonnen Kohlendioxid jährlich, und es wäre eine Dummheit, auf den Beitrag der Deutschen dabei zu verzichten", so Wirtschaftsminister Michael Glos. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel: "(...) Und deshalb muss man sich auch überlegen, welche Folgen es hat, wenn wir Kernkraftwerke abschalten."
Allein für Stromerzeugung durch Kohle werden in Deutschland 322 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen. Könnte man die angestrebte Drosselung der Emissionen allein mit Kernenergie erreichen? Nachfrage bei einem Institut, das Ökobilanzen und wissenschaftliche Gutachten erstellt: dem Ökoinstitut in Darmstadt. "Wir müssen, um unsere Klimaziele zu erreichen, sehr viel mehr einsparen. Und eigentlich sehr viele Maßnahmen diskutieren. Wenn wir das immer auf eine einzige Maßnahme einengen, darin unser Heil suchen und uns da verkämpfen, dann werden wir diese Ziele verpassen", glaubt Gerhard Schmidt, Experte für Nukleartechnik.
Für ihn ist klar: Der Effekt der Kernenergie wäre zu gering! Selbst wenn man die riesigen Kosten nicht scheuen und viele neue Kernkraftwerke bauen würde, könnte man im Idealfall bei den Emissionen weltweit nur zehn bis zwölf Prozent einsparen. Dieses Potential wird in der Realität aber gar nicht erreicht. Denn bis ein Atommeiler seine erste Kilowattstunde Strom erzeugt, sind viele energieaufwändige Schritte notwendig. Schon allein der Bau der hochkomplexen Anlage benötigt große Mengen Energie. Und negativ zu Buche schlägt auch die Urangewinnung. Gerhard Schmidt: "Bei der Energiegewinnung muss man für die Urangewinnung und -anreicherung erst einmal viel Energie investieren. Das muss man erst einmal wieder herausholen und das dauert je nach Bedingung ein bis zehn Jahre."
Der wichtigste Faktor dabei ist, wie hoch das Erz mit Uran angereichert ist. Je niedriger der Uran-Gehalt, desto aufwändiger ist das Verfahren das Uran herauszulösen und weiterzuverarbeiten. Doch die meisten hochprozentigen Uranvorkommen sind längst ausgebeutet. Das beste Uran findet man heute in Kanada und Australien. Mit gut einer Million Tonnen macht es rund ein Drittel des weltweiten Urans aus. Der Rest verteilt sich auf kleinere Vorkommen. Doch hier ist der Urangehalt sehr viel niedriger.
Wenn der Verbrauch auf dem heutigen Niveau bleibt, reicht das Uran gerade noch für 60 Jahre. Beim wachsenden Energiebedarf ist das aber sehr optimistisch geschätzt. Die heute besten Uran-Vorkommen werden also schnell ausgeschöpft sein. Wenn man dann immer minderwertigere Uranvorkommen ausbeuten muss, verschlechtert sich nicht nur die CO2-Bilanz - auch die Umweltbelastungen werden größer erklärt Gerhard Schmidt vom Öko-Institut Darmstadt: "Bei der Gewinnung von Uran (niedrig) fallen radioaktive Reste an, die viele, viele Tonnen Volumen haben können, die sehr schwer über lange Zeiträume zu kontrollieren sind. Wenn wir über zehn Tausend Jahre so einen riesigen Haufen kontrollieren müssen, der giftige Substanzen ans Grundwasser abgibt und durch Staub Radioaktivität an die Umwelt, dann ist das eine schier nicht lösbare Aufgabe."
Nicht gelöst ist auch das Problem des Atommülls. Noch immer gibt es kein Endlager und auch hier werden die kommenden Generationen zur Nachsorge hochradioaktiver Abfälle gezwungen. Auch wenn der Klimawandel also drängt: die Kernenergie ist nicht die Lösung. An einem Umbau der Energieversorgung mit erneuerbaren Energien und am Energiesparen führt kein Weg vorbei.
Christiane Gorse
Letzte Änderung am: 15.05.2008, 11.52 Uhr