aus der Sendung vom Donnerstag, 15.5.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Das Image der Energieversorger ist zur Zeit nicht das Beste: Abzocke bei den Preisen, illegale Absprachen, überzogene Managergehälter, und vor allem sind sie die schlimmsten Klimasünder. Den größten Teil der Energie erzeugen sie immer noch mit Dreckschleudern, in denen Kohle, Gas oder Öl verbrannt wird. Höchste Zeit also für ein neues Image, und zwar am besten gleich als Klimaschützer. Damit die Ausgaben für die aufwändige PR auch nachhaltig investiert sind, präsentiert die Firma Vattenfall sich und ihr Logo in Schulen...
Mit seinem Klimabus besucht der Energiekonzern Vattenfall die Schulen der Republik. Auch in dem Städtchen Ruland in Brandenburg. Auf dem Stundenplan: Wie retten wir unser Klima. Die Schüler erhalten Informationen über Solarenergie und Windkraft, sowie Tipps zum Stromsparen zu Hause. Die Botschaft: Blühende Landschaften dank Vattenfall. Wer die Infotafeln des Konzerns aufmerksam liest, kann sogar einen iPod für 350 Euro gewinnen. Am Ende haben die Kinder einiges über Vattenfall gelernt: "Dass es eine energiesparende Firma ist. Dass eben die Umwelt geschützt wird." "Die schützen das Klima. Versuchen das Klima zu schützen." Der Energiekonzern hat dafür sogar ein paar Geheimwaffen, wissen die Schüler: "Zum Beispiel mit Energiesparlampen, und ich glaub durch Solaranlagen."
Setzen, Lernziel erreicht! Was heute nicht gelehrt wurde: Vattenfall ist der zweitgrößte CO2-Erzeuger Deutschlands. Das Kraftwerk Jenswalde in Brandenburg gehört zu den fünf klimaschädlichsten Kraftwerken Europas. 80 Prozent der Vattenfall-Energie kommt aus der Braunkohle, dem umweltschädlichsten Energieträger überhaupt. Dazu gibt es immer wieder Störfälle in den Vattenfall-Atomkraftwerken. Zuletzt 2007 in Krümmel und Brunsbüttel.
Grund genug für die PR-Abteilung von Vattenfall, den Konzern mit der Schulaktion wieder in ein besseres Licht zu rücken. Das macht deren Pressesprecher Peter Fromm: "Natürlich dient das auch der Verbesserung des Rufes. Wir müssen zeigen, als Energieversorger, dass wir mehr machen als Energie. Wir wollen auch in der Gesellschaft aktiv Verantwortung übernehmen. Und das machen wir damit!"
Vattenfall ist nicht das einzige Unternehmen das auf solche Imagekampagnen setzt. Besonders Energiekonzerne und Autohersteller brüsken sich derzeit mit ihrer Umweltfreundlichkeit. "Greenwashing" heißt diese PR Methode. Werbespots verkaufen selbst Autos als Bioprodukte: "Opel macht Deutschlands Straßen sauberer" heißt es da zum Beispiel.
Der Energieriese Eon wirbt mit einem umweltfreundlichen Gezeitenkraftwerk. Der smarte Mann am Strand im Werbespot ist schier begeistert: "Tolle Technik, man sieht es nicht, man hört es nicht." Der Haken: bis jetzt existiert nur eine Testturbine. Ein kleines Forschungsprojekt, von dem niemand weiß, ob es jemals kommerziell funktioniert. Ein Paradebeispiel für "Greenwasching" findet Ulrich Müller von LobbyControl. Seine Kritik: "Sie stellen kleine Modellprojekte nach vorne, werben dafür, dass sie in erneuerbare Energien investieren. Gleichzeitig investieren sie ein Vielfaches in Kohlekraftwerke, zum Beispiel. Das versuchen sie in der Öffentlichkeit in den Hintergrund zu drängen."
Die EnBW - der größte Energieversorger im Südwesten - hat dagegen ein unverkrampftes Verhältnis zur Kohle, wie ein Internetspot zeigt: "Zuverlässige Kraftwerktechnik, die derzeit 47 Prozent des Energiebedarfs Deutschlands deckt. Fossile Energieträger werden auch in absehbarer Zeit einen Beitrag zur Energieversorgung leisten", heißt es da. Die Lobhudelei auf den Klimakiller hat einen guten Grund. Die EnBW plant zwei neue Kohlekraftwerke, doch die seien besonders sauber, so EnBW-Vorstand Dr. Hans-Josef Zimmer: "Natürlich stoßen Kohlekraftwerke C02 aus. Doch das, was wir jetzt in Karlsruhe planen, ist ein modernes Kohlekraftwerk mit den höchsten Wirkungsgraden die man heute realisieren kann. Also größer 46 Prozent."
Was der EnBWler verschweigt, ist, dass die tollen Kohlekraftwerke damit gerade einmal halb so effektiv sind wie dezentrale Blockheizkraftwerke. Doch damit lässt sich nicht so viel Geld verdienen. Stattdessen setzen die Stromgiganten auf Großkraftwerke, denn die werfen die meisten Gewinne ab. Müller von LobbyControl vermutet dahinter eine einfache Strategie: "Es ist tatsächlich so, dass die großen Unternehmen, glaub ich, einfach ihre Marktmacht erhalten wollen. Das ist ja ein Oligopol, das existiert mit den großen vier Energieversorgern und die haben ja kein Interesse das wirklich zu dezentralisieren, sondern sind einfach auf große Anlagen aus. Ich glaube, mit ihrer ökonomischen aber auch politischen Macht versuchen sie auf dieser Strategie weiter zu fahren."
Und so kommt es, dass eine bereits tot geglaubte Energieform zur Zeit eine Renaissance feiert: die Kernkraft. Speerspitze ist das deutsche Atomforum. Der Lobbyverband der deutschen Kernenergiefreunde lässt die ungeliebten Kraftwerke zu Klimarettern mutieren. Es gehe darum, zu zeigen, was man tun muss, um dem Klima auf die Sprünge zu helfen, heißt es auf einer Tagung - und: "Wenn Sie das CO2-Ziel erreichen wollen, gibt’s keine andere Lösung vernünftigerweise."
Die Risiken und die Probleme bei der Endlagerung seien technisch längst geklärt. Die Laufzeit solle verlängert, und der Ausstieg gebremst werden. Schließlich stoßen Kernkraftwerke kein CO2 aus. So heißt es auch im EnBW-Spot zur Kernkraft: "Kernkraftwerke spielen eine wichtige CO2-freie Stromvariante." Dass das so nicht stimmt, wissen auch die Produzenten des Spots. Doch die alten Kernkraftwerke produzieren besonders günstig. Da nehmen die Energieversorger auch mögliche Risiken in Kauf.
Darauf angesprochen versteckt sich die EnBW hinter dem Umweltbundesminister: "Gabriel, unser Umweltbundesminister, hat gesagt, dass hier weitere Untersuchungen erforderlich sind. Hier aber können wir aufgrund der Strahlenbelastung, die wir in der Nähe der KKWs haben, momentan aus jetziger Wissenslage heraus keinen Zusammenhang erkennen zwischen dem Betrieb der KKWs und dieser Häufung", so Vorstand Dr. Hans-Josef Zimmer.
Eigentlich ist die Position der Energieriesen ja bekannt. Sie wollen Gewinne machen. Schließlich sind es Wirtschaftsunternehmen. Und dennoch: Erstaunlich bleibt, dass die börsennotierten Energieriesen tatsächlich zu denken scheinen, man würde ihren Klimageschichten glauben.
Letzte Änderung am: 15.05.2008, 11.30 Uhr