Navigation

Volltextsuche
Fernsehen im SWR

Biergenuss schützt Regenwald?

aus der Sendung vom Donnerstag, 15.5.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Alle zwei Sekunden wird Regenwald von der Größe eines Fußballfeldes abgeholzt. Und das, obwohl die Regenwälder die Zentren von Artenvielfalt und Evolution sind. Ein gigantisches Massensterben ist in Gang gesetzt worden, nur um Viehfutter anzubauen oder Tropenholz für unsere Gartenmöbel zu bekommen. Ein unglaublicher Raubbau, bei dem wir letztendlich am eigenen Ast sägen.

Die Brauerei Krombacher packt uns bei unserem schlechten Gewissen und bietet uns an, den Regenwald zu retten. Und es ist gar nicht schwer: Wir müssen angeblich einfach nur Bier trinken. Pro Kasten, so sagt Günter Jauch in der Werbekampagne, schützt Krombacher einen Quadratmeter Regenwald. Dem Image des Bierbrauers hilft es auf jeden Fall, aber hilft es auch dem afrikanischen Regenwald?

Starker Partner der Umweltschützer?

Mitten im Regenwald des Kongobeckens liegt das Dzanga Sangha Schutzgebiet. Hier engagiert sich der WWF seit 1990 um den Erhalt der Natur. Seit einigen Jahren haben die Naturschützer starke Partner – wie der Krombacher-Werbespot zeigt, in dem Günther Jauch freudestrahlend verkündet: "Der Dzanga Shanga Regenwald in Zentralafrika ist unentbehrlich für unser Klima, und letztes Rückzugsgebiet für Tausende von bedrohten Tier- und Pflanzenarten. Über 83 Millionen Quadratmeter dieses Gebiets konnte Krombacher in den letzten sechs Jahren unter Schutz stellen."

Das klingt nach ganz Afrika, ist jedoch nicht einmal das ganze Dzanga-Shanga-Gebiet, sondern eine Fläche von etwa neun mal neun Kilometern. Also knapp so groß wie das Stadtgebiet von Mainz.

Zweifel am Regenwaldprojekt

Der Fotograf und Tierschützer Karl Ammann bezweifelt, dass das Regenwaldprojekt funktionieren kann. Er war 2007 in der zentralafrikanischen Republik unterwegs und hat auch Dzanga Sangha besucht. In der Hauptstadt der zentralafrikanischen Republik, zu der das Schutzgebiet gehört, zeigt er, warum er Zweifel hat. Auf dem Markt wird offen Elefantenfleisch angeboten, 6.000 Francs das Kilo. Das sind etwa zehn Euro. Elefanten, gejagt wegen ihres Fleisches. Das ist das Fazit seiner jahrelangen Recherche. Ammann war der erste, der dies vor etwa zehn Jahren öffentlich machte. Seitdem hat sich die Situation nicht verändert. Vielerorts ist sie sogar noch schlimmer geworden.

Augenwischerei?

Der Fotograf hält die Hochglanzbilder von WWF und Krombacher deshalb für Augenwischerei. Seine Beobachtung vor Ort: "Wir waren da in dieser Lichtung, wo man die Elefanten als Tourist beobachten kann. Die ist das große Aushängeschild vom WWF. Diese Lichtung, da gibt es so eine Plattform drauf. Da lag dann ein Skelett von einem Elefanten in der Lichtung. Da fragt man dann die Pygmäen, und die erzählen, das war ein Elefant, der außerhalb der Lichtung geschossen wurde und dann floh und starb. Dann gibt es die Wächter, die jetzt ihr Lager gleich neben der Lichtung haben, was vor ein paar Jahren noch nicht da war, und da wird einem dann erzählt, dass sogar von dieser Touristenplattform geschossen wurde."

Die Bai, wie die Lichtung im Zentrum genannt wird, ist einzigartig. Nirgendwo sonst können die bedrohten Waldelefanten so frei beobachtet werden. Ihre Zahl wird im gesamten Dzanga-Sangha-Schutzgebiet auf 870 Tiere geschätzt. Nach allem, was man vor Ort weiß, fielen 2007 vielleicht einhundert Tiere Wilderern zum Opfer. Wenn das in diesem Tempo weitergeht, kann man sich leicht ausrechnen, wann es in Dzanga Sangha keine Waldelefanten mehr gibt. Eine einfache Rechenaufgabe.

Wilderei in Schutzgebieten

Für den WWF kein Grund zur Beunruhigung: "Wilderei gibt es außerhalb der Schutzgebiete wesentlich mehr als innerhalb der Schutzgebiete", so der WWF-Wildtierexperte Christoph Heinrich. "Wir würden niemals abstreiten, dass dort gewildert wird. Ob es hundert sind oder nicht, das ist unmöglich wirklich genau einzuschätzen, weil es im Verborgenen abläuft."

Dabei stammen die Schätzungen von WWF-Mitarbeitern. Und: So ganz verborgen ist die Wilderei nicht. Das zeigt ein Besuch bei Désiré Loi. Der ortsbekannte Wilderer lebt in dem ehemaligen Holzfällerdorf Bayanga, direkt neben dem WWF Zentrum. Gerne zeigt er, was er hat: Ein Stück Rüssel vom Jungtier, der Kochtopf voll mit Elefantenfleisch. Er weiß, er hat nichts zu befürchten: Denn wird ein Wilderer gefasst, kommt er sofort wieder frei.

Die Elefantenforscherin Andrea Turkalo kennt ihn: "Désiré Loi hat mir gedroht, alle Elefanten in der Lichtung zu töten. Ich sagte: ‚Tu´s doch. Es ist ja dein Land. Du tötest es. Schau auf Dein Haus, Deine Kleider.’ - Er war Parkwächter des Projekts." ein.

Elefantenfleisch bringt Geld

Knapp fünfzig Ranger sind vom WWF angestellt. Die Patrouillen machen das Jagen in der Schutzzone nicht gerade leicht. Verhindern können sie es dennoch nicht, weiß ein Ranger: "Sie jagen die Elefanten nicht wegen des Elfenbeins. Es ist wegen des Fleischs. Wenn einer einen Elefanten abschießt, bei dem die Stoßzähne nicht mal 500 Gramm wiegen, dann geht es ihm nicht ums Elfenbein, sondern um das Fleisch. Außerhalb unserer Zone kann man das teuer verkaufen."

Anreiz zum Wildern gibt es also genug. Schließlich drohen kaum Strafen, und die Menschen sind arm. Einst lockte sie eine Holzfirma in den Dschungel, doch die ist jetzt geschlossen. Da bleibt vielen nur die Wilderei. Für Karl Ammann lenkt das Regenwaldprojekt von den Problemen eher ab, als dass es sie löst: "Das ist eine Situation, wo der Patient an Krebs stirbt und die Umweltorganisationen legen Heftpflaster auf. Das heißt: Es gibt Riesenprobleme um das ganze Projekt. Das ganze Land ist ein Riesenproblemland und wenn man die Werbung sieht für dieses Projekt, dann ist das, was da erreicht wird und getan wird, meiner Meinung nach ein Heftpflaster, das den Patienten nicht heilen wird."

WWF schweigt sich über Probleme aus

Auch Günther Jauch müsste wissen, dass das Krombacher-Projekt nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Schließlich hat ihn Ammann über die Probleme vor Ort informiert. Doch der Moderator wirbt fröhlich weiter: "Denn jetzt gilt wieder: ein Kasten Krombacher gleich ein Quadratmeter geschützter Regenwald." Dabei gibt es weder auf den Internetseiten des WWF noch bei Krombacher Hinweise auf die Probleme vor Ort und die Wilderei. Im Gegenteil: nur Lobhudelei wie toll das Projekt sei und wie schön die Natur ist.

Die Begründung des WWF-Wildtierexperten Christoph Heinrich: "Wir glauben ganz einfach, dass es wichtig ist, nicht immer nur die Probleme auf den Tisch zu packen sondern dort, wo wir Erfolge haben und auch mal was Gutes erreicht haben, das auch mal darzustellen."

Bierbrauer kennen die Situation vor Ort

Sicher - möglicherweise würden ohne das Engagement des WWF weitaus weniger Elefanten in Dzanga Sangha leben. Aber das beworbene Paradies herrscht dort schon lange nicht mehr. Vom Krombacher-Sprecher erfahren wir, warum der Biertrinker nicht die ganze Wahrheit über die Situation vor Ort erfährt. Dabei sind auch Krombacher die Probleme bekannt: "Da verschließen wir nicht die Augen vor und da wird auch Seiten des Projektes extrem stark gegen vorgegangen. Der zweite Aspekt ist: Es ist ja schließlich legitim in der Werbung – jetzt sind wir in Europa, in Deutschland – wir haben immer gesagt, wir wollen Bier verkaufen, da machen wir keinen Hehl draus. Wenn wir gleichzeitig was Gutes tun, um so besser. In der Werbung zeigen wir natürlich nicht mal erst den Elefanten der tot am Boden liegt, sondern da begeistern wir den Verbraucher mit den faszinierenden Bildern. Da müssen Sie zugeben, diese Waldlichtung mit den Elefanten ..."

... ist schon beeindruckend. Doch es bleibt die Frage: Ist es wirklich legitim, dem Verbraucher vorzugaukeln, er könne mit Biertrinken die Welt retten

Hilmar Liebsch

Letzte Änderung am: 15.05.2008, 11.02 Uhr