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SENDETERMIN Do, 8.5.2008 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Ernährungsmythen

Essen, Essen, Essen - die meisten von uns tun es täglich. Aber wie sieht es mit der richtigen Ernährungsverteilung aus? Anders gefragt: Isst der Mensch besser viele kleine, oder eine große Mahlzeit?

Für den Ernährungsexperten Udo Pollmer ist die Lösung für jeden Menschen unterschiedlich: "Ob Menschen viele kleine oder eher eine große Mahlzeit zu sich nehmen, hängt erstens von den Gewohnheiten, und zweitens ganz wesentlich von den Lebensumständen ab. Wenn es sich um Personen handelt, die schwere körperlichen Arbeit zu verrichten haben, dann werden sie von sich aus, ganz von selbst ein ordentliches Frühstück verzehren. Und dann wird das nicht einmal reichen bis zum Mittag, sondern sie brauchen dann Mittags oder am späten Vormittag noch ’mal eine Brotzeit, wie das früher hieß, damit sie genügend Power haben." Die Brotzeit sozusagen als Powerhappen.

Viele kleine Zwischenmahlzeiten

Doch die wenigsten von uns arbeiten wirklich noch so hart. Wie hält es der ganz normale Büromensch? "Wenn es sich um Personen handelt, die eher Bürotätigkeiten nachgehen, dann hat das zur Folge, dass sie eher zu den kleineren Mahlzeiten neigen. Nicht neigen müssen, aber es ist häufig so", sagt Udo Pollmer. Fressmotor am Arbeitsplatz können die Macht der Gewohnheit oder Stress sein. Dann wird aus vielen kleinen Zwischenmahlzeiten schnell ein verhängnisvoller Riesenhappen. Seitdem der Feierabend zudem vom guten alten Fernsehen bestimmt wird, legt mancher auch noch ein zweites TV-Dinner nach. Die Folgen fallen nicht nur optisch ins Gewicht. Aber wann ist denn eigentlich die beste Zeit fürs Essen?

Das Märchen vom Kaiser, vom König und vom Bettlervolk

Warmes Mittagessen mit Fleisch  und Gemüse

Eine große warme Mahlzeit oder viele kleine Mahlzeiten am Tag?

Mann esse morgens wie ein Kaiser, mittags am besten wie ein König und abends schließlich wie das Bettlervolk. Dies sagt uns zumindest eine alte Bauernregel. Stimmt das? Dieser uralte Ernährungstipp wurde vermutlich zuerst im Mittelalter den leibeigenen Bauern ans Herz gelegt, damit sie kaiserlich kräftig gefrühstückt hatten und so für ihren Herren gestärkt zu Diensten waren. Aber heute?

"Dass an dieser Regel herzlich wenig dran ist, sehen wir ja an anderen Kulturen", meint Lebensmittelchemiker Pollmer, "da muss man gar nicht weit fahren: Im Mittelmeerraum beispielsweise, wo sie zum Frühstück nix Gescheites essen, mittags nix Gescheites, und am Abend hauen sie sich die Wampe voll und dann gehen sie ins Bett und das Ganze ist dann die gesunde Mittelmeerkost.“ Zu Recht. Und abends groß essen macht auch nicht dick. Entscheidend ist die Gesamtmenge der Kalorien am Tag.

Der Mythos vom Cholesterin

Aber wie sieht es eigentlich mit dem aus, was wir essen? Ein Inhaltstoff gilt europaweit als Schreckgespenst: Cholesterin. 'Cholesterinfrei' heißt deshalb die Gesundheitsparole der Nahrungsmittelindustrie. Es geht um Fettvermeidung. Wir sollen 'cholesterinbewusst leben'. Aber ist ein niedriger Cholesterinspiegel auch gesund? Udo Pollmer: "Das Cholesterin ist sehr in Verruf geraten. Und das ist insofern erstaunlich, weil der menschliche Körper Cholesterin selbst produziert. Wenn Sie mehr Cholesterin über die Nahrung zunehmen, drosselt er die Eigenproduktion. Sparen Sie sich das Cholesterin vom Munde ab, dann wird die Cholesterinproduktion des Körpers erhöht und das hängt damit zusammen, dass dieser Stoff absolut lebenswichtig ist."

Sehr viel Cholesterin im Blut ist eine direkte Folge von Übergewicht und ungesund. Denn das 'schlechte' LDL führt zur Verkalkung der Blutgefäße. Trotzdem kein Grund in Cholesterin-Hysterie zu verfallen. "Und wenn man dann noch weiß, dass das menschliche Gehirn als Trockenmasse berechnet zu 10 bis 20 Prozent aus reinem Cholesterin besteht, dann kriegt man eine Vorstellung davon, welche Bedeutung diese Substanz für den menschlichen Körper hat, verdeutlicht der Lebensmittelchemiker. Dass Cholesterin - etwa aus der Butter - der ganz große Risikofaktor im Leben sein soll, ist also ein Mythos.

Das Futterverwertungs-Alibi und andere Ausreden

Ganz ähnlich wie der 'Futterverwerter’'- Slogan, der wohl eher so manchen Bauch rechtfertigen soll. Oder können etwa dicke Menschen doch das Essen besser verwerten? "Die Dicken sind in der Tat die besseren Futterverwerter", meint Udo Pollmer, "aber nicht deshalb, weil ihr Körper mehr Energie aus der Nahrung rausholt, sondern aus einem ganz anderen Grund. Sie sind aufgrund einer dickeren Fettschicht besser isoliert und können damit die Körpertemperatur leichter halten. Und da die Heizung des Körpers auf die stolzen 37 Grad einiges an Energie kostet, kommen sie mit weniger Energie weiter als beispielsweise ein hagerer Mensch, ein leptosomer, ein schlanker Mensch, weil er wenig Unterhautfettgewebe hat und damit hohe Wärmeverluste."

Teufelskreis

Der dicke Körper verbraucht weniger Energie aus der Nahrung für den Kampf gegen Unterkühlung und speichert das Gegessene als isolierende Fettschicht. Ein Prinzip das allerdings ein Problem mit sich bringt: Dicke werden oftmals noch dicker! Und wie sieht es mit jener Rechtfertigungs-Parole aus die unser Skelett zur Problemzone in Sachen Übergewicht erklärt?

Haben Dicke einfach nur schwere Knochen? Udo Pollmer: "Diese Formulierung 'Dicke haben schwere Knochen' wird ja häufig als Ausrede betrachtet, wenn sich einer überfressen hat. Dann sagt er einfach er hat schwere Knochen. Was es aber gibt, sind unterschiedliche Konstitutionstypen. Das heißt, es gibt diese Schlanken, Dürren, die Leptosomen wie man früher gesagt hat, heute sagt man leptomorph, und dann gibt es die korpulenteren, das sind die Dicken."

Dicksein hat also mit schweren Knochen wenig zu tun. Entscheidend ist Art und Menge der Nahrung. Da helfen auch keine Ausflüchte. Denn spätestens wenn uns die Waage zeigt, dass wir das Maß überschritten haben, kommt die Wahrheit ans Licht.

aus der Sendung vom

Do, 8.5.2008 | 22:00 Uhr

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