aus der Sendung vom Donnerstag, 8.5.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Essen hat nicht nur mit Hunger zu tun – wir essen auch, weil es die Laune bessert und die Seele tröstet. Das erscheint nicht weiter dramatisch, solange es nur ab und zu passiert. Lübecker Forscher haben aber herausgefunden, dass der kleine Frustsnack den Stoffwechsel unseres Gehirns gewaltig durcheinander bringen kann.
Klaus Oltersdorf hatte viele Gründe, warum er essen musste – wenn er unruhig war, wenn er Stress oder Termine oder keine Zeit hatte. "Dann habe ich meinen Kühlschrank aufgerissen, rausgeholt was an Essbarem da war: Schokolade, Chips - und habe alles in mich reingeworfen. Es hat überall angesetzt: Hüfte, Bauch.“
Um die überflüssigen Kilos wieder los zu werden machte Klaus Oltersdorf mehrere Diäten. Erfolglos. Stattdessen geriet er immer tiefer in den Teufelskreis aus Fressanfällen, Schuldgefühlen und noch mehr Gewicht: "Ich hatte einfach unstillbaren Appetit. Und ich wusste nicht wie ich den stillen konnte. Und dann, irgendwann, war mir bewusst, dass es nicht nur der Körper ist, sondern es ist mein Kopf. Es ging lang, bis mir das bewusst war, dass mein Kopf zu meinem Körper sagt: essen, essen - egal was."
Nach seiner Scheidung hatte Klaus Oltersdorf eine schwere Krise. Essen war Trost, Beruhigung, Ersatzbefriedigung. Die Wende kam als er erkannte, dass Essen und Gefühle zusammenhingen. Heute verläuft sein Leben wieder normal. Er achtet auf sich und seine Gefühle. Mit normalem Gewicht macht auch Bewegung wieder Spaß.
Dass Übergewicht im Gehirn entsteht, davon ist Professor Achim Peters von der Medizinischen Universität zu Lübeck überzeugt. Eine Störung führt dazu, dass das Gehirn seine Energiereserven falsch einschätzt. In Experimenten hat er nachgewiesen, dass die Energieverteilung zwischen Körper und Gehirn durch dauerhaften emotionalen Stress beeinträchtigt wird: "Jemand streitet sich, hat schlechte Gefühle, ärgert sich oder fühlt sich schuldig oder ohnmächtig. Und wenn dann der Betreffende aus dem Raum raus ist, dann greift er zu einer Packung Süßigkeiten, isst die, erfährt dann auch Linderung seiner unangenehmen Gefühle und deckt in dem Moment den hohen Bedarf durch dieses Essen, diese Süßigkeiten. Das ist aber ein pathologisches Verhaltensmuster."
Der Zucker aus dem Blut gelangt über eine spezielle Glukosepumpe über die Hirnschleuse direkt in die Nervenzellen. Bei emotionalem Stress versiegt jedoch dieser Energiefluss an der Hirnschleuse. Das Gehirn versucht die Unterversorgung zu kompensieren, indem es Hungerhormone ausschüttet, die den Appetit anregen. Prof. Achim Peters: "In diesem Streitfall mit dem hohen Bedarf kann das Gehirn aufgrund einer Schwäche die Energie nicht aus dem Körper abfordern. Das gelingt ihm nicht. Und jetzt, um unseren eigenen Bedarf zu decken, gibt es einen Plan B aus und der heißt: jetzt sofort essen, in dieser akuten Situation. Und damit wird der Energiebedarf des Gehirns gedeckt und die unangenehmen Gefühle, die damit verbunden sind, werden auch gelindert. Wir nennen dieses Verhalten, was ungünstig ist, Comfort Food - tröstendes Futter."
Schon als Kind lernen wir, bestimmte Gefühle mit Essen zu verbinden, weil Essen oft als Mittel zur Belohnung oder zum Ruhigstellen eingesetzt wird. Viele Eltern legen damit ungewollt den Grundstein für spätere Essstörungen. Denn hat ein Kind gelernt, in bestimmten Gefühlszuständen zum Essen zu greifen, tut es dies auch als Erwachsener noch.
Doch Prof. Peters kennt den Ausweg: "Das, was man mal gelernt hat, das kann man ja wieder umlernen oder neu lernen. Das weiß jeder, der ’mal eine falsche Vokabel gelernt hat. Und so besteht die Hoffnung, dass man auch dieses Verhaltenslernen, das ja mal über Jahre stattgefunden hat, wieder rückgängig machen, oder durch anderes Verhalten ersetzen kann. Und da baut unser therapeutischer Ansatz auf, auf diesem Prinzip."
Kontrolliertes Essen kann neu erlernt werden, indem das Gehirn gezielt trainiert wird, eingefahrene Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern. Aber es gibt auch andere Wege.
Beim Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie der Uni Göttingen, Prof. Thomas Ellrott, spüren Betroffene in der Therapie zunächst ihre wahren Bedürfnisse auf. Sie lernen aber auch, wie sie durch Verhaltensänderung ihre Fixierung aufs Essen lösen können, erklärt Ellrott: "Therapeutisch gibt es zwei Möglichkeiten. Einmal: Man arbeitet an den Auslösern, die zum Kippen der Diätgrenze führen. Das heißt am Stress als Auslöser, an den Gewohnheiten, dass ich das immer wieder tue oder auch an den negativen Gefühlen, die so etwas triggern können. Die zweite, aber auch sehr zielführende Möglichkeit wäre, die Verhaltensvorgabe zu ändern. Das heißt, den Verhaltensspielraum, den ich mir für mein Essen selbst gebe. Weg von der Kontrolle pro Mahlzeit, hin zu der Kontrolle über einen längeren Zeitraum, um Beispiel über eine Woche. Dadurch habe ich einen erheblichen Verhaltensspielraum und die Wahrscheinlichkeit, dass Deichbruchphänomene resultieren, wird deutlich geringer."
Klaus Ottersdorf führt heute Protokoll darüber, was er gegessen und getrunken hat. Auch die Gründe, aus denen er gegessen hat, schreibt er auf. Das schult die Achtsamkeit und erschwert so einen Rückfall.
"Seitdem ich weiß, warum ich immer so viel gegessen habe", erklärt Klaus Otterdorf, "gehe ich mit Situationen wie Stress und Termindruck anders um. Ich renn nicht mehr gleich zum Kühlschrank, reiß ihn auf, hol die Schokolade raus, stopf sie mir rein, sondern ich tu was anders dagegen. Ich mach Sport dagegen, treffe mich mit Freunden, geh shoppen und belohne mich einfach hinterher, dass ich auch etwas essen kann, aber bewusster. Es gibt mir ein anderes Hochgefühl indem ich mir einfach sag: Ich hab heute meinen Tag einfach besser verbracht."
Und damit hat Klaus Ottersdorf auch ein großes Stück Freiheit wiedergewonnen.
Letzte Änderung am: 08.05.2008, 20.34 Uhr