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Fernsehen im SWR

Wie alt werden wir?

aus der Sendung vom Donnerstag, 24.4.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Bei Familie Eppelmann aus Stadecken-Elsheim in der Nähe von Mainz leben vier Generationen unter einem Dach. Der Jüngste, Christian, ist neun Jahre alt, der Älteste, Christians Urgroßvater, ist 85 Jahre alt und bei bester Gesundheit. Doch wie alt können Menschen eigentlich werden?

Da ein Blick in die Zukunft nicht möglich ist, bleibt nur der Blick in die Vergangenheit. Deshalb erforschen Altersforscher die Lebenserwartungen unserer Ahnen. Die Frage dabei ist: hat sich deren Lebenserwartung im Laufe der Geschichte verändert? Und wenn ja - wie? Gibt es vielleicht einen historischen Trend, der sich in der Zukunft fortsetzen wird?

Steigende Lebenserwartung

Der Bevölkerungswissenschaftler James W. Vaupel vom Max-Planck-Institut für Demographie in Rostock hat sich genau diese Frage gestellt: "Wir haben die Lebenserwartungen verschiedener Länder verglichen und es zeigt sich, dass im Jahr 1840 schwedische Frauen weltweit die höchste Lebenserwartung hatten. Sie wurden im Schnitt 45 Jahre alt. Seitdem nahm die Lebenserwartung in den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung zu. Und letztes Jahr erreichte die Lebenserwartung von Frauen in Japan ein Mittel von 86 Jahren. Die Lebenserwartung stieg also von 45 auf 86 Jahre an. Auf dem Diagramm sieht man, dass das ein sehr linearer Trend ist. Das heißt: jedes Jahr stieg die höchste durchschnittliche Lebenserwartung um 3 Monate an."

Ein rechnerischer Trick

Der Trick von James W. Vaupel ist, dass er nur die jeweils höchsten Lebenserwartungen beobachtet und nicht allein die Lebenserwartungen eines Landes. So verhindert er, dass regionale Besonderheiten, wie zum Beispiel ein Krieg, die Daten beeinflussen. Die Ursache für den linearen Trend der letzten 150 Jahre war die stetige Verbesserung der Lebensumstände seit dem 19. Jahrhundert. Die Ernährungssituation wurde in dieser Zeit für viele Menschen besser. Man erkannte, dass sich Krankheitskeime in einem hygienischen Umfeld schlechter ausbreiten. So wurden viele Krankheiten besiegt.

Dazu kam, dass die medizinische Versorgung besser wurde. Vaupel geht davon aus, dass es ähnliche Verbesserungen auch in der Zukunft geben wird. Mit der Konsequenz, dass der Trend der steigenden Lebenserwartung weitergeführt wird.

Stetiges Aufrappeln

So ist es statistisch wahrscheinlich, dass Großvater Udo Eppelmann älter werden wird als sein Vater Walter. Dessen Alter übertrifft die meisten seiner Generation deutlich, wie Walter Eppelmann bemerkt: "Ich bin noch der Einzige der fit ist in Elsheim. Meine Kameraden habe ich alle überlebt. Es sind ja die meisten gefallen. Aber in Stadecken, die können alle nicht mehr laufen. Und ich bin der Einzige der noch einigermaßen laufen kann, obwohl ich vier Verwundungen an den Beinen hatte. War vier Mal verwundet, aber ich hab mich immer wieder aufgerappelt."

Regenerationskünstler

Ein "Meister des Aufrappels" in der Tierwelt ist die Hydra. Die Alternsforscher in Rostock erforschen die Süßwasserpolypen wegen ihrer unglaublichen Regenerationsfähigkeit. Die ist so gut, dass eine Hydra theoretisch ewig leben könnte. Für Vaupel ist dies ein Beweis dafür, dass es kein festgelegtes Höchstalter gibt: "Es ist üblich zu denken, dass bei Lebewesen mit steigendem Alter auch die Wahrscheinlichkeit zunimmt, dass sie sterben. Dass also der Alterungsprozess zwangsläufig ist und so zu einer höheren Sterblichkeit führt. Unsere Arbeit zeigt aber, dass das nicht der Fall ist. Es gibt nämlich Arten, deren Sterberate sehr gering bleibt, auch wenn sie sehr alt sind. Wir wollen die Natur dieser Arten untersuchen und sie mit dem Menschen vergleichen. Und vielleicht finden wir eine Lösung dafür, wie Menschen länger gesund leben können."

Länger gesund leben - diesen Wunsch hegen sicher viele Menschen. Vater Udo Eppelmann (56 Jahre) hat dagegen seine eigenen Ansichten, was das Altern angeht: "Durch diese Abwechslung, die wir im Beruf haben, empfindet man das gar nicht so, dass man so schnell altert. Es wird nie langweilig."

Das Altern gezielt verlangsamen

Langeweile kennt auch die US-amerikanische Biochemikerin Cynthia Kenyon nicht. Sie glaubt daran, dass der Prozess des Alterns kontrollierbar werden kann: "Die Menschen denken, man verschleißt wie ein altes Auto und dann ist Schluss. Das ist aber nicht wahr. Das Erbgut beeinflusst das Altern. Es sieht so aus, als ob wir altern, weil unsere Zellen zerstört werden. Und die Geschwindigkeit des Alterns kann kontrolliert werden, indem man die Zerstörung der Zellen verlangsamt. Dadurch, dass man die Zellen schützt und sie repariert."

Der fast ewig lebende Fadenwurm

Könnte man in das Erbgut der Zellen eingreifen, so ließe sich das Leben verlängern. Theoretisch um ein Vielfaches. So wie bei dem Fadenwurm C. elegans, dem am besten untersuchten Lebenswesen der Welt. Das Wesen ist so einfach, dass es für die Wissenschaftler einen idealen Modellorganismus darstellt. Werden die entsprechenden Gene verändert, so verlängert sich das Leben von C. elegans bis um das Zehnfache.

Doch wer braucht das? Familie Eppelmann auf jeden Fall nicht. Der Winzerfamilie ist etwas ganz anderes wichtig, wie Vater Timo (34 Jahre) zusammenfasst: Die Gesundheit und der Zusammenhalt der Familie. Und wenn er alt werde, dann möchte er wenigstens noch mobil sein, um seine Freiheit zu genießen.

Innere Uhr des Alterns

Freiheit kennen Labormäuse zwar nicht, aber auch ihr Leben kann ein wenig verlängert werden. Dabei bleiben sie auch länger gesund, denn sie altern auch langsamer. Professor Cynthia Kenyon hat genau das auch bei den Fadenwürmern beobachtet. Sie ist der Überzeugung, dass nicht die äußere Zeit das Altern des Körpers bestimmt: "Der Körper schaut nicht auf den Kalender und sagt: Oh, jetzt ist es 1992, oder was auch immer, jetzt ist es Zeit eine Krankheit zu bekommen. Er sagt: wie alt bin ich? Brauch ich jetzt eine Krücke? Jetzt ist es Zeit eine Krankheit zu bekommen."

Die Biochemikerin weiß zwar auch, dass es schwer sein wird, ihre Forschung auf den Menschen zu übertragen. Aber sie ist sich sicher, dass die Wissenschaft das Altern wenigstens zum Teil in den Griff bekommt. Dann, so sagt sie, hat man den Schlüssel für viele Krankheiten in der Hand. Der Jüngste der Familie Eppelmann, Christian, macht sich um solche Dinge wohl noch keinen Kopf. Andererseits hat er durchaus seine Vorstellungen, wie alt denn werden wolle: "90 Jahre! So um den Dreh." Und wie er sich das Leben vorstellt, wenn er dann alt ist? "Ein spannendes Leben!"

Vielleicht steckt darin mehr Wahrheit, als in aller Forschung.

Hilmar Liebsch

Letzte Änderung am: 21.04.2008, 16.41 Uhr