aus der Sendung vom Donnerstag, 10.4.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Körperteile zu „Problemzonen“ zu erklären ist keine Erfindung der Neuzeit. Im Barock war es die Taille, die möglichst schlank sein sollte und in den 50ern war es der Busen, der möglichst üppig scheinen sollte. Das Schönheitsideal verändert sich nicht nur mit der Zeit, es gibt auch deutliche Unterschiede zwischen den Kulturen. Diese zu kennen ist für die Kosmetikindustrie Gold wert. Einer der Branchenriesen betreibt die kulturelle Schönheitsforschung sogar ganz systematisch. Das Ziel: maßgeschneiderte Produkte für jeden Markt.
Was aussieht wie ein etwas nüchternes Badezimmer ist in Wirklichkeit ein Labor. Wer sich dort die Haare wäscht oder die Lippen nachzieht hat sich freiwillig unter Beobachtung gestellt. Eine Kamera registriert noch die kleinste Geste. Im Raum nebenan analysiert Kirsten Giering jede Bewegung. Big Brother im Badezimmer? Nicht ganz. Kirsten Giering beobachtet das Geschehen für das Unternehmen L’Oreal. Im Dienst der Schönheitspflege betreibt sie in dem Badezimmer-Labor eine Art Verhaltensforschung. Die Daten fließen dann in die Produktentwicklung maßgeschneiderter Kosmetika.
Ein bestimmtes Haargel zum Beispiel soll später einmal perfekt zum Styling bestimmter Frisuren passen. Und zu einem bestimmten Kundentyp. Denn alle Handgriffe - vom verreiben in den Fingern bis zum verteilen im Haar - sind unterschiedlich. Deshalb protokolliert die Schönheitsforscherin das Verhalten ihrer Versuchspersonen minutiös. Daraus lassen sich später Gemeinsamkeiten ableiten, die einen Stylingtyp definieren.
Kosmetik nach Maß
Die Dame mit der Kurzhaarfrisur beispielsweise verteilt das Gel sparsam mit den Fingerspitzen und zupft die Strähnen zurecht. Der männliche Proband dagegen beginnt mit einer zaghaften Geruchsprüfung des Produktes. Dann erst beginnt die virtuose Verteilung des Gels mit der Hand im Haar, bevor er schließlich zu einem kurzen aber verwegen Styling-Intermezzo ausholt. Ganz im Dienste einer guten Frisur. Ein Mann und sein Gel.
„Sie sehen bei diesem Herrn, dass das Styling sehr fix, sehr schnell passiert. Das Produkt wird eigentlich wie ein Shampoo einmassiert. Und fertig, die Frisur ist fixiert - ganz wenig Handgriffe, super schnell und er braucht dafür ein Gel das recht fest ist und das sehr schnell einzieht und sehr schnell trocknet“, zieht Kirsten Giering ihre Schlüsse. Ob das Gel fürs Fingerspitzengefühl, oder die eher grobe Methode aus voller Hand – diese Unterschiede in der Handhabung liefern den Schlüssel zur L’Oreal-Kosmetik nach Maß.
Kurze Wimpern, lange Wimpern
Doch andere Länder haben auch andere Kosmetik-Sitten. Der Blick nach Asien macht besonders dies deutlich. Beispiel Make-up. Kirsten Giering konnte durch ihre Schönheits-Forschung feststellen, dass ein kleiner biologischer Unterschied zwischen Japanerinnen und Europäerinnen große Auswirkungen auf das Wimpern tuschen hat. Kirsten Giering erklärt warum: „Eine Japanerin hat recht kurze Wimpern, die auch etwas nach unten weisen. Hier kommt auch erst einmal die Wimpernzange zum Einsatz, damit sie einen schönen Bogen in die Wimpern bekommen, und dann wird getuscht. Eine Japanerin tuscht mit durchschnittlich 100 Bürstenstrichen, eine Deutsche braucht dagegen ungefähr 50 Bürstenstriche um ihr Make-up fertig zu stellen. Für den Produktentwickler ist das sehr wichtig, weil er weiß, dass er für den japanischen Markt eine leicht deckende Wimperntusche entwickelt, und für den deutschen Markt eine stärker deckende.“
Die nächste Probandin betritt das Badezimmer-Labor. Auch sie soll das Haargel so benutzen, wie sie es jeden Tag tut. Es zeigt sich, dass die junge Frau vor allem bemüht ist, ihre üppige Haarpracht zu glätten und dann in Form zu bringen. Ein völlig anderes Styling als bei den anderen Probanden. Ein „Anwendungsprofil“, das Kirsten Giering häufig in Südamerika findet: „Sie kennen bestimmt die Brasilianerinnen mit den wunderschönen üppigen Haaren, mit der ganz großen Haarpracht. Auch diese Frauen haben ein Problem: sie wollen ihr Volumen reduzieren und ihr Haar bändigen.“
Haare sind für eine brasilianische Frau nur ein Teil der Inszenierung. Im Land der weißen Strände zählt ein knackiger Körper. Kosmetikziel Nummer eins ist deshalb Jugendlichkeit. „Wenn Sie bedenken, dass 80 Prozent der Brasilianer in der Nähe der Küsten leben, sie sehr gerne an den Strand gehen, können Sie die Körperkultur auch verstehen. Für eine deutsche Frau ist als allererstes das Gesicht von ganz großer Bedeutung, und danach die Haare“, sagt Kirsten Giering.
Egal welche Kultur, eines gilt für alle Menschen: Frauen wie Männer wollen schön sein. Der Weg dahin, so zeigt die Forschung, ist eine Frage der Kultur und des Temperaments.
Letzte Änderung am: 08.03.2008, 00.07 Uhr