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Fernsehen im SWR

Gequälte Schönheit

aus der Sendung vom Donnerstag, 10.4.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Hyaluronsäure, Coenzym Q10, Vitamine – alles angebliche Wunderwaffen gegen das Altern. Doch eine Substanz schlägt alle: Botox. Das Nervengift legt kurzerhand lästige Gesichtsmuskeln einfach lahm: Keine Mimik, und damit auch keine Falten - so das simple Rezept. Auch wenn der Ausdruck des Gesichts dabei auf der Strecke bleibt, Botox boomt. Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr schätzungsweise rund eine Million Behandlungen durchgeführt, etwa zehn Prozent mehr als im Jahr davor. Da Botulinumtoxin die giftigste Substanz ist die man kennt, etwa eine Million Mal giftiger als Arsen, muss es getestet werden - und zwar im Tierversuch.

Doch diese Tests sind grausam. Jedes Jahr sterben Hunderttausende von Mäusen einen entsetzlichen Erstickungstod mit Atemnot, Krämpfen und Lähmungen für die Schönheit von Menschen. Drei bis vier Tage kann es dauern, bis ihnen der Tod Erlösung bringt. Die Mäuse sterben durch Botulinumtoxin. 

Der Stoff ist mörderisch und wird deshalb für die Anwendung am Menschen stark verdünnt. Außerdem muss jede Charge auf ihre Sicherheit getestet werden, bevor sie in den Verkauf geht. Die EU schreibt hierfür im Europäischen Arzneibuch den so genannten LD50-Mäusetest vor, der auch für Deutschland bindend ist. 

Die Tierärztin Corina Gericke  von der Vereinigung „Ärzte gegen Tierversuche“ kämpft gegen diese Praxis und beschreibt die Qualen der Tiere: „Das ist ein extrem grausamer Test, bei dem Gruppen von Mäusen die Substanz in die Bauchhöhle injiziert wird. Es werden unterschiedliche Dosierungen verwendet und je nachdem ob die Tiere viel oder wenig von der Substanz erhalten, sterben sie dann mehr oder weniger qualvoll. Das kann einhergehen mit Lähmungen, Krämpfen, Sehstörungen. Dieser Todeskampf zieht sich über drei bis vier Tage hin, bis die Tiere schließlich bei vollem Bewusstsein an Atemlähmung sterben.“

 

Alternative Tests könnten diese Tierversuche beenden... 

Eine barbarische Methode, und zudem ein gravierendes Tierschutzproblem. Dabei könnten alternative Testmethoden eingesetzt werden, die ebenfalls ausdrücklich zugelassen sind. Diese müssen aber validiert werden. Das heißt, der Alternativtest muss vergleichbare Ergebnisse liefern wie der LD50 Mäusetest. Das Gesetz schreibt vor, dass jede Firma für jedes Botulinum-Präparat einen eigenen Überprüfungstest machen muss, um nachzuweisen, dass die Alternativmethode verlässlich ist. Ein riesiger Aufwand. 

Marktführer von „Botox“ ist die amerikanische Pharm-Allergan. Sie produziert Botulinumtoxin zwar auch für neurologische Erkrankungen, doch fast die Hälfte der Produktion wird als „Botox-Vistabel“ gegen Falten vertrieben. Damit setzte der  Pharmariese allein 2006 fast eine halbe Milliarde Dollar um. 

Zählt der Tierschutz im Unternehmen so wenig? Auf unsere Anfrage äußert sich der US-Konzern schriftlich. Man arbeite an Alternativtests. Weiter heißt es: „... Vermutlich haben wir gerade den Durchbruch mit einem Verfahren geschafft, das wir in Kürze bei den Zulassungsbehörden einreichen werden und das hoffentlich einmal den LD50-Test wird ersetzen können... “ 

Auf unsere Nachfrage, wann denn „in Kürze“ sei, wollte Allergan nichts sagen. Für die Tierschützer nichts Neues, so Dr. Corina Gericke: „Alle Hersteller von Botulinumtoxin behaupten seit Jahren, sie würden an alternativen Methoden arbeiten. Aber es kommt nichts dabei rum. Anscheinend ist der Mäusetest die einfachste Lösung für sie und ich glaube, die brauchen einfach ’mal öffentlichen Druck, um in die Puschen zu kommen und mit den tierversuchsfreien Verfahren anzufangen. Und wir als Ärzte gegen Tierversuche haben eine Kampagne gestartet, mit der wir diesen Druck aufbauen wollen.“

 

Der erste alternative Test –mit weniger Versuchstieren 

Dabei gibt es durchaus tierfreundlichere Alternativen. Am toxikologischen Institut der Universität Hannover hat Professor Hans Bigalke solch einen Test entwickelt. Zwar müssen bei diesem Test, bei dem Botulinumtoxin am Zwerchfell toter Mäuse getestet wird, auch Tiere sterben, aber drastisch weniger als beim LD50 Test. Und die Tiere leiden nicht, sagt Prof. Bigalke: „Der entscheidende Vorteil ist, dass in unserem Test  dem narkotisierten Tier das Zwerchfell aus dem Muskel entnommen wird und an diesem Muskel wird die Wirkung des Toxines untersucht.“ 

Der Zwerchfelltest kann in zwei Jahren zugelassen werden. Firmen wie die Pharm Allergan könnten ihn übernehmen. Sie müssten dann nur noch nachweisen, dass die Sicherheit ihres jeweiligen Botox-Produktes damit überprüfbar ist. Doch dieser Nachweis kostet. Und warum sollte man in Tierschutz investieren, wenn man nicht muss? Der Gesetzgeber stellt den Firmen nämlich frei, ob sie den LD50 Mäusetest abschaffen oder nicht.


Die Behörde kann die Firmen nicht zu tierfreundlichen Tests zwingen 

In der zuständigen Behörde, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, sieht man daher keine Möglichkeit, Druck auszuüben, wie Dr. René Thürmer erklärt: „Die Einführung solcher Alternativmethoden liegt ausschließlich unter der Leitung und Verantwortung der pharmazeutischen Unternehmen, und auch die entsprechende Validierung muss von diesen Unternehmen durchgeführt werden. Wir haben keine Möglichkeit, die Firmen dazu zu zwingen - wobei wir mit ihnen kooperieren, sie ermutigen und auch beraten, damit solche Alternativtests auch in Deutschland eingeführt werden können.“

 

Aber Botox kann lebensgefährlich sein… 

Tierversuche für kosmetische Produkte sind aus gutem Grund längst verboten. Doch weil Botulinumtoxin auch als Medikament zugelassen ist, greift das Gesetz nicht. Rettung für die Mäuse könnte dennoch nahen. Dr. Wolfgang Becker-Brüser vom unabhängigen Institut für Arzneimittelinformation warnt in seinem „Arznei-telegramm“ bereits seit einiger Zeit vor den gravierenden Nebenwirkungen des Nervengiftes: „Zunächst gibt es allergische Reaktionen und Schmerzen an der Injektionsstelle. Bedrohlicher aber ist es, wenn sich das Nervengift in den Muskeln ausbreitet und in andere Regionen vordringt. Dann kann es beispielsweise zu Atemlähmungen kommen oder auch zu Schluckstörungen, bis dahin, dass Speisebrei in die Lunge gelangt und dort Lungenentzündung verursacht. Betroffen sind Kinder und Erwachsene gleichermaßen bei arzneilicher Anwendung. Aber es ist auch schon ein Todesfall dokumentiert in Verbindung mit kosmetischer Anwendung.“ 

Es wäre also im Sinne von Mäusen und Menschen, wenn der Gesetzgeber endlich die Nutzung für kosmetische Zwecke verbieten würde.

Ursula Biermann

Letzte Änderung am: 08.03.2008, 00.07 Uhr

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