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Fernsehen im SWR

Lebensmittel Das Geschäft mit Bio

aus der Sendung vom Donnerstag, 27.3.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Bio boomt. Und das ist gut so. In den letzten zehn Jahren hat sich der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln mehr als verdreifacht. Der Trend geht zu Bio, weil die Verbraucher es so wollen. Manche wollen so die nachhaltige Landwirtschaft unterstützen, andere wollen ihrer Gesundheit einen Gefallen tun und akzeptieren überhaupt keine Pflanzenschutzmittel. Aber genau da beginnt das Problem. Denn die Branche wächst so schnell, dass die Kontrolleure gar nicht mehr nachkommen. Vor allem die Überwachung im Ausland ist erschreckend dürftig. Einem Bio-Bauern aus der Pfalz wurde das zum Verhängnis.

Bernd Kugelmann ist immer noch sauer. Im vergangenen Jahr hat er von einem niederländischen Erzeuger kleine Salat- und Fenchelpflanzen bekommen. Doch statt einwandfreier Bioware erhielt der Bioland-Bauer pestizidbelastete Setzlinge. Was war passiert?

Guter Glaube beschädigt guten Namen

Frühling 2007. Bernd Kugelmann hat einen Engpass. Er bekommt nicht genügend Jungpflanzen von zertifizierten Bioland-Gärtnereien. Doch er findet evvinen Ausweg. Ein niederländischer Anbieter vertreibt genau die Pflanzen, die er braucht. In EU-Bioqualität. Kugelmann besorgt sich die Genehmigung seines Verbandes und bestellt. Im guten Glauben. Schließlich hat der Lieferant das Biosiegel, ausgestellt von der Niederländischen Kontrollbehörde "Skal". Doch als der Biobauer die ersten Jungpflanzen gesetzt hat, macht ihn der ausnehmend gute Zustand der Setzlinge misstrauisch. Er lässt die Pflanzen analysieren. Das Ergebnis: Die Pestizidbeastung übersteigt den zulässigen Höchstwert um das 70-fache. Die Ernte muss er vernichten.

Doch nicht nur das. Bernd Kugelmann verliert seine Kunden. Schließlich handelt er mit „verseuchter“ Ware. Auf 650 Tausend Euro beziffert ein Gutachten seinen Schaden. Was aussieht wie ein unglücklicher Einzelfall hat System, meint Uli Natterer vom Bioland -Verband: „Wir sprechen ja von Pflanzen, die von einem teilumgestellten, nicht voll anerkannten Betrieb kommen. Das heißt, ein konventionell wirtschaftender Betrieb hat in sich eine ökologische Abteilung, und das ist natürlich eine riskante Sache. Wir sprechen von schlecht getrennten Kulturräumen, von den selben Anzuchtsystemen, von der selben Logistik, wo es nicht nur mutwillig, sondern auch unabsichtlich zu Verwechslungen kommen kann.“

Problem der teilumgestellten Betriebe

Laut EU Öko-Verordnung ist diese Betriebsart erlaubt. Die Kontrolle, ob etwas schief gegangen ist, findet durch Öko-Kontrolleure in den jeweiligen Biobetrieben statt. Finden sie nichts, darf die Ware auf den Markt. Doch reicht das aus?

Um Betrug oder Verwechslung aufzuspüren sind in Baden-Württemberg die Kontrolleure des Öko-Monitorings unterwegs. In dem bundesweit einzigartigen Programm untersuchen sie Bioware aus Deutschland und aller Welt auf Schadstoffe. Gerade der Import ausländischer Bioprodukte ist drastisch gestiegen. Doch wie ist es mit dem Biostandard dort bestellt? Können deutsche Verbraucher darauf vertrauen? Schließlich kommen die einheimischen Bauern der Nachfrage schon lange nicht mehr nach.

Bioboom in China

Einer der größten Bioproduzenten ist China. Das Land des unbegrenzten Wachstums hat in Bio ein gutes, globales Geschäft entdeckt. Und kräftig ausgebaut. Es liegt mittlerweile auf Platz zwei der Weltrangliste für Bioproduzenten. Bewirtschaftet werden über vier Millionen Hektar, angeblich streng nach der EU-Öko-Verordnung. Und das heißt auch hier: Ein und derselbe Betrieb baut biologisch und konventionell an. Die Pflanzen wachsen direkt nebeneinander. Auch die chinesischen Farmen werden jedes Jahr kontrolliert, damit sie das begehrte das Bio-Siegel behalten dürfen.

Fehlendes Bio-Bewusstsein

Wenn es geht, schaut sich der deutsche Kontrolleur Martin Weinschenk-Foerster mit seinem chinesischen Öko-Inspektor den Betrieb persönlich an und nimmt Stichproben. Eine gründliche Kontrolle scheint angebracht. Auf seinem Rundgang muss Martin Weinschenk-Förster feststellen, dass es mit dem Bio-Bewusstsein dieser Farm hapert, denn er findet Saatgut das augenscheinlich aus konventioneller Zucht stammt. Es ist mit Pestiziden belastet. Martin Weinschenk-Förster: „Damit haben wir ein Problem. Ich habe eben schon nachgefragt wie es dazu kommen kann. Da wurde gesagt, das sei jetzt eben für den konventionellen Anbau gedacht. Gut - genau das gilt es jetzt zu klären. Weil: an sich befinden wir uns hier in einer Bioeinheit, so dass diese Art der Erklärung weitere Ausführungen bedarf.“

Der Fehler ist schnell gefunden: Es gibt in China kein unbehandeltes Saatgut für diese Pflanzensorte. Das Bio-Zertifikat ist die Farm erst mal los. Ein großer wirtschaftlicher Schaden. Die Farm beschäftigt viele tausend Menschen. Für viele ist Bio nur ein abstrakter Begriff. Es geht um die Arbeit. Die Kontrollen der Öko-Inspekteure sorgen weitgehend dafür, dass belastete Ware nicht als Bio in den Handel kommt, doch der Markt boomt, und so ist das Risiko groß, dass doch einmal etwas durch die Lappen geht.

Öko-Monitoring: Dem "Bio" auf der Spur

Um herauszufinden was wirklich auf dem deutschen Markt landet, wird durch das Öko-Monitoring in Baden Württemberg auch Bio-Gemüse genau analysiert. Zuständig ist das Chemische- und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart. Das Amt ist EU-Referenzlabor für Pestizide. Proben aus der ganzen EU werden dorthin geschickt. Wenn eine Möhre oder Orange auch nur in Spuren belastet ist, dann werden die Chemiker fündig.

Nach fünf Jahren Öko-Monitoring haben die Lebensmitteforscher reichlich Erfahrung gesammelt. Demnach ist Bio zwar insgesamt deutlich seltener und geringer belastet als konventionelle Ware, doch auch bei Bio treten geringe Belastungen auf, so die Lebensmittelchemikerin Nadja Bauer: “Im Rahmen unserer Untersuchungen haben wir festgestellt, dass sich bei inländischer Waren eine deutlich geringere Beanstandungsquote zeigt als bei ausländischer Ware. In der Regel ist es so: je kürzer die Vermarktungswege, desto geringer die Rückstände in den Lebensmitteln.“

Eine Frage der Herkunft

Zusätzliche Kontrollen wie das Öko-Monitoring sind also nötig, wenn Bio das bleiben soll, was Bio verspricht. Der Biobauer Bernd Kugelmann hatte auf die Kontrollen in den Niederlanden vertraut und wurde bitte enttäuscht. Sein Fazit lautet: „nur noch Ware zu kaufen, wo ich genau weiß, wo sie herkommt und von wem sie produziert ist. Und öfter mal selbst eine Kontrolle machen vor dem Auspflanzen.“

Kugelmann hat den Lieferanten auf Schadensersatz verklagt. Seine alten Kunden hat er zwar verloren, konnte aber inzwischen neue gewinnen. In einem Geschäft, in dem Vertrauen alles zählt.

Hilmar Liebsch

Letzte Änderung am: 27.03.2008, 13.12 Uhr