MedikamenteFlaute in der Pharmaforschung

Sabine Dietzel setzt ihre ganze Hoffnung in ein neues Medikament, das die Überlebens-Chance bei Brustkrebs verbessern soll. Noch sind die Pillen in Deutschland nicht zugelassen. Die Brustkrebspatientin bekommt sie im Rahmen einer Studie: „Ich wollte unbedingt in diese Studie rein, weil diese Studie zum Ziel hat, dass keine Metastasen mehr auftreten, also dass eine Neubildung vom Tumor verhindert wird."

Vor knapp drei Jahren stellte der Arzt bei Sabine Dietzel einen Tumor in der Brust fest. Der Tumor gehörte einem besonders aggressiven Typ an. Nach Operation, Chemotherapie und Bestrahlungen gilt sie jetzt als tumorfrei. Doch das Risiko, dass anderswo im Körper Metastasen auftreten und der Krebs zurückkehrt, besteht jederzeit. Das neue Medikament soll eventuelle Krebszellen in ihrem Körper aufspüren und zerstören.

Nur kleine Verbesserungen

Professor Michael Untch leitet am Helios-Klinikum in Berlin-Buch die Studien zu dem neuen Brustkrebsmedikament. Er kennt die Hoffnungen, die seine Patientinnen damit verknüpfen. Die erste Studie ist bereits abgeschlossen. Mit den Ergebnissen ist er zufrieden. Doch der große Durchbruch ist es kaum. Prof. Untch: „Ich meine, dass wir die letzten 10 Jahre kleine Durchbrüche erreicht haben. Die Chemotherapie hat sich verbessert, hat so zehn Prozent Verbesserung, wirklich Überleben, erreicht. Die hormonellen Therapien, die so genannten Endokrine oder Antihormon-Therapien, sind deutlich besser, effektiver geworden. Auch hier holen wir noch mal fünf Prozent, zehn Prozent mehr Patientinnen, die eine schlechte Chance haben, zurück in die Dauerheilung."

Solange der große Wurf ausbleibt, wird um jedes Prozent gerungen. Das wird an dem neuen Medikament, das Sabine Dietzel gerade testet, deutlich. In den USA ist es letzten Monat zugelassen worden.

Die U.S. Food und Drug Administration hat die bisherigen Studien-Ergebnisse im Internet veröffentlicht. Das Medikament ist für Frauen, die an einem bestimmten aggressiven Brustkrebs leiden. Von allen Frauen, die Brustkrebs haben, ist das weniger als jede Dritte. Von ihnen jedoch sprach auf das Medikament noch nicht einmal jede Vierte an. Und bei denen konnte das Fortschreiten der Krankheit lediglich um durchschnittlich neun Wochen hinausgezögert werden.

Die Pharmafirma GlaxoSmithKline, die das Medikament entwickelt hat, hält das trotzdem für ein phantastisches Ergebnis. Forschungsleiter Torsten Strohmeyer: „Bei dieser Zielgruppe haben wir, wie wir glauben, eindrucksvolle Erfolge erzielt, denn die sind sehr, sehr schwer zu behandeln. Hier haben wir keine weiteren Optionen. Hier ergänzt dieses Medikament, hier ergänzt Tykerb, die Palette der zur Verfügung stehenden Behandlungsmaßnahmen."

Zweifelhafter Nutzen neuer Medikamente

Nüchtern und von zweifelhaftem Nutzen sieht das Prof. Ludwig, Chef der Internistischen Onkologie in Berlin-Buch und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Die Wirksamkeit sei eher bescheiden, die meisten Patientinnen würden von diesem neuen Medikament nicht profitieren. Und das sei typisch für viele neue Arzneimittel, so Prof. Ludwig: „Es liegt daran, dass die Investitionen in Forschung und Entwicklung der pharmazeutischen Industrie zurückgegangen sind, dass sich die pharmazeutische Industrie zu sehr konzentriert auf die Vermarktung ihrer Produkte, womit natürlich mehr Profit zu machen ist als wenn man ausreichend Geld in Forschung und Entwicklung investiert. Und dass die Pipelines der pharmazeutischen Industrie zum Teil bei großen Firmen recht leer sind. Das heißt, dass wenig echte Innovationen auf ihre Zulassung warten."

2006 gab es 27 Neuzulassungen – doch davon waren nur 16 tatsächliche Innovationen. Acht waren verbesserte Medikamente und bei drei Präparaten waren die Wirkstoffe bereits bekannt, es waren so genannte „Scheininnovationen". Zählt man zu den 16 neuen Medikamenten die acht verbesserten Medikamente dazu, so kommt man auf eine hohe Innovationsrate - formal jedenfalls.

Steigende Forschungsinvestitionen?

Schrittinnovationen nennen das die Pharmafirmen und sehen sich als Opfer ihrer eigenen Erfolge. Denn auf vielen Gebieten seien bereits sehr gute Ergebnisse erreicht worden. Weitere Verbesserungen seien daher sehr kompliziert und aufwändig. Obwohl der Forschungsaufwand sich verdreifacht habe, sei die Produktion um zehn Prozent zurückgegangen, räumt Torsten Strohmeyer von GlaxoSmithKline ein: „Erfolge sind in sehr wesentlichen, großen Erkrankungen erzielt worden. Hier kennen wir uns aus, hier haben wir Erfolge erreichen können. Wir nähern uns jetzt sehr komplexen Gebieten wie der Onkologie, der Neurologie und hier sind größere Hürden zu überspringen und hier wird es schwieriger und hier haben wir mehr Fehlschläge als wir – na ja - erhofft hatten."

Kollaps des Gesundheitssystems

Mit dem erhöhten Forschungsaufwand begründen die Pharmafirmen auch die oft immensen Preise für die neuen Medikamente. Es ist keine Seltenheit, dass sich die Therapie um das 10fache verteuert, in der Krebsbehandlung sogar um das 100- bis 300fache. Kosten, die kein Gesundheitssystem auf die Dauer finanzieren kann.

Die Studien zu neuen Medikamenten müssen deshalb auch eine Aussage darüber treffen, bei welchen Patienten das Medikament überhaupt wirkt. Und nur diese sollen es dann erhalten. Den Pharmafirmen ginge damit Umsatz verloren, doch die Patienten würden Sicherheit gewinnen und nicht jede Pille schlucken.

Prof. Wolf-Dieter Ludwig von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: „Ich empfehle, dass Sie Ärzte aufsuchen, die Sie gründlich informieren über die Studien, die zur Zulassung des Arzneimittels geführt haben. Das kann man hinterfragen. Dass Sie nach einigen wenigen Dingen fragen wie Ansprechraten auf das Medikament, wie Risiken des Medikaments, wie Zahl der behandelten Patienten in diesen Studien – (dass) Ihnen (der Arzt) aber auch vor allem das sagt, was er nicht weiß zum Zeitpunkt der Zulassung. Und das ist sehr viel."

An Risiken und Nebenwirkungen will Sabine Dietzel im Moment nicht denken. Was zählt. Ist die Hoffnung. Denn sie hat nur einen einzigen Wunsch: "Dass die Studie erfolgreich ist und dass ich gesund bleibe."

Jana Lemme

Alle Sendetermine:
13.03.2008, 22.00 Uhr, Odysso - Wissen entdecken, SWR Fernsehen

Letzte Änderung am: 13.03.2008, 00.37 Uhr

Weitere InformationenAdressen, Links & Literatur

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.

Der SWR ist Mitglied der ARD 

Sitemap | Impressum | Datenschutz | © SWR