aus der Sendung vom Donnerstag, 13.3.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Es ist schon erstaunlich: Da gibt es gut wirkende Medikamente, und trotzdem kann sich ein neues Präparat, das zwar nicht besser wirkt aber erheblich teurer ist, auf dem Markt durchsetzen und gewaltige Umsätze machen. Mit Steigerungen von über 20 Prozent im Jahr. Wie kann den Pharmaunternehmen ein solcher Marketingcoup gelingen? Odysso ist dieser Frage nachgegangen, denn schließlich sind die Beitragszahler diejenigen, welche die etwa 26 Milliarden Euro aufbringen, für die allein bei uns pro Jahr Medikamente verkauft werden. Und die Kosten explodieren weiter. Es fällt ein schwerer Verdacht auf die Industrie.
Wenn Ihr Arzt Ihnen ein neues Medikament verschreibt, denken Sie sicher: ‚Toll, mein Arzt ist auf der Höhe der Zeit. Er bildet sich fort. Passt meine Therapie immer optimal an. Ich bekomme immer die neusten und besten Medikamente.’ Und bei Ihrem Arzt haben Sie damit sicherlich recht!
Es könnte aber auch sein, dass Ihr Arzt ihnen das neue Medikament aus einem ganz anderen Grund verschreibt. Zum Beispiel, weil er Geld dafür bekommt. Undenkbar? Von wegen!
Verlockende Angebote der Pharmareferenten
Viele Ärzte empfangen außerhalb der Sprechzeiten Pharmareferenten. Diese Vertreter informieren den Arzt über die Medikamente ihrer Pharmafirmen, bringen jede Menge Werbematerial mit und manchmal - manchmal machen sie dem Arzt auch ein verlockendes Angebot:
„Anwendungsbeobachtung“ heißt das Zauberwort. Die Idee: der Arzt gibt der Pharmafirma Informationen über seine Erfahrungen mit einem bestimmten Medikament und bekommt dafür ein Honorar. Das ist eigentlich nichts Verwerfliches und Arzneimittelhersteller sind manchmal sogar verpflichtet, solche Untersuchungen zu machen.
Sind Anwendungsbeobachtungen sinnvoll?
Aber in der Praxis, so die Erfahrung der Gesetzlichen Krankenkassen, werden viele Anwendungsbeobachtungen nur durchgeführt, weil das Honorar Ärzte mitunter dazu verleitet, das untersuchte Medikament häufiger zu verschreiben.
„Die Schwierigkeit ist, dass Anwendungsbeobachtungen dazu führen - und, das ist zumindest unser Verdacht, auch vielfach gezielt dafür genutzt werden - Arzneimittel in den Markt zu bringen, im Markt zu halten, die zwar teurer sind, aber nicht besser. Das heißt, die Versorgung der Versicherten wird nicht dadurch verbessert“, sagt Florian Lanz vom BKK Bundesverband, der bei den Gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel zuständig ist.
Ähnlich kritisch sieht das Professor Ulrich Schwabe, einer der renommiertesten Pharmakologen in Deutschland und Mitglied in der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft: „Den wissenschaftlichen Wert von Anwendungsbeobachtungen schätzen wir außerordentlich gering ein. Es mag Ausnahmen geben, wo das vertretbar ist, aber die Fülle der Anwendungsbeobachtungen erfüllt sicher dieses Ziel nicht. Der Zweck ist nach unserer Auffassung ausschließlich Marketing, also das Produkt besser zu positionieren.“
Und das funktioniert so: Der Arzt verschreibt das Medikament, das in der Anwendungsbeobachtung untersucht werden soll, und die Krankenversicherung bezahlt das Mittel. Der Patient weiß dabei in der Regel nicht, dass er an einer Studie teilnimmt. Der Arzt macht seine üblichen Untersuchungen. Alles wie immer.
Ein lukratives Geschäft
Der einzige Unterschied: Er sammelt dabei die Daten, die das Pharmaunternehmen von ihm haben will, schickt sie anonymisiert an seinen Auftraggeber und bekommt sein Honorar - derzeit zwischen 40 und 720 Euro. Pro Patient.
Diesen Zusatzverdienst finden wohl viele Ärzte lukrativ: Innerhalb eines halben Jahres haben laut einer jüngst veröffentlichten Studie über 50.000 Ärzte an solchen Anwendungsbeobachtungen teilgenommen. Diese Ärzte haben die untersuchten Medikamente über 350.000 Patienten im Rahmen der Beobachtungsstudien verschrieben – auf Kosten der Krankenkassen, also auf unsere Kosten, als Beitragzahler.
‚Forschung ist die beste Medizin’ – das ist beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) Programm. Etwa die Hälfte aller derzeit laufenden Anwendungsbeobachtungen wird von den Pharmafirmen durchgeführt, die der VFA repräsentiert. Dass nicht alles zum Besten steht, hat man auch dort gemerkt und im Frühjahr 2007 eine Transparenz- und Qualitätsinitiative für Anwendungsbeobachtungen gestartet.
Die Ergebnisse werden nur selten veröffentlicht
„Anwendungsbeobachtung“ heißt das Zauberwort. Die Idee: der Arzt gibt der Pharmafirma Informationen über seine Erfahrungen mit einem bestimmten Medikament und bekommt dafür ein Honorar. Das ist eigentlich nichts Verwerfliches und Arzneimittelhersteller sind manchmal sogar verpflichtet, solche Untersuchungen zu machen.
Aber in der Praxis, so die Erfahrung der Gesetzlichen Krankenkassen, werden viele Anwendungsbeobachtungen nur durchgeführt, weil das Honorar Ärzte mitunter dazu verleitet, das untersuchte Medikament häufiger zu verschreiben.
„Die Schwierigkeit ist, dass Anwendungsbeobachtungen dazu führen - und, das ist zumindest unser Verdacht, auch vielfach gezielt dafür genutzt werden - Arzneimittel in den Markt zu bringen, im Markt zu halten, die zwar teurer sind, aber nicht besser. Das heißt, die Versorgung der Versicherten wird nicht dadurch verbessert“, sagt Florian Lanz vom BKK Bundesverband, der bei den Gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel zuständig ist.
Hat sich bei den diesjährigen Untersuchungen etwas verändert?
Die große Frage lautet: Was bringt die neue Qualitätsinitiative der Pharmaindustrie - wird der wissenschaftliche Wert von Anwendungsbeobachtungen nun tatsächlich steigen?
Wir legen Prof. Schwabe eine Liste vor, die nach unseren Recherchen alle derzeit gemeldeten Anwendungsbeobachtungen umfasst. Es sind über 300. Wir wollen wissen, ob sich bei den in diesem Jahr neu angelaufenen Untersuchungen etwas geändert hat. „Also mein erster Eindruck bei der Durchsicht dieser neuen Anwendungsbeobachtungen - oder neu begonnenen Anwendungsbeobachtungen - ist, dass das genau dasselbe ist wie früher. Es sind ganz bestimmte Arzneimittelgruppen, die umsatzstark sind, die meistens sehr teure Arzneimittel darstellen, wo ein hoher Konkurrenzdruck ist, dass diese in Anwendungsbeobachtungen sind. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich da irgendetwas geändert hat“, so Prof. Ulrich Schwabe von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft.
Warum auch? Wenn ein Arzt erst einmal ein bestimmtes Präparat im Rahmen einer Anwendungsbeobachtung regelmäßig verschreibt, bleibt er meist dabei. Das hat eine wissenschaftliche Untersuchung gezeigt. Auch wenn er dann kein Honorar mehr bekommt.
Letzte Änderung am: 13.03.2008, 18.00 Uhr