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SENDETERMIN Do, 13.3.2008 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Lobbyarbeit Pharmasponsoring von Selbsthilfegruppen

Dass Pharmavertreter Ärzte zu Kongressen einladen, ihnen noble Hotels und Abendessen bezahlen damit diese ihre Medikamente an den Patienten bringen, ist bekannt. Dass die Pharmaindustrie seit einiger Zeit gezielt Selbsthilfegruppen sponsert, und damit direkt Patienten beeinflusst, ist eine weniger bekannte Tatsache.

Anzeige zum Schuppenflechte-Tag im U-Bahn-Fernsehen "Berliner Fenster"

Publikumswirksam: Aktionstag gegen die Schuppenflechte zur Einführung eines neues Medikamentes

Etwa drei Millionen Menschen in Deutschland leiden an Psoriasis, der Schuppenflechte. Die chronische Hautkrankheit bedarf ständiger Behandlung - ein sicherer Markt für die Pharmaindustrie. Rolf Blaga, Leiter der Schuppenflechte-Selbsthilfe Berlin, erlebte die fragwürdigen Methoden der Arzneimittelhersteller: „Aus der Pharmaindustrie kam die Idee, einen Welt-Psoriasis-Tag einzuführen anlässlich der Tatsache, dass ein neues Medikament - ein sehr teures Medikament - für Menschen mit Schuppenflechte auf den Markt gekommen ist. Wir haben dann von der Pharma-Industrie insgesamt 8.000 Euro bekommen. Damit konnten wir ein Plakat an alle Hautarztpraxen verschicken, wir konnten im Internet einen Chat mit einem sehr teuren Experten veranstalten und wir haben im Berliner U-Bahn-Fernsehen einen Spot geschaltet, in dem wir auf die Berliner Selbsthilfegruppe hingewiesen haben."

Anleitung zur Lobbyarbeit

Zunächst war die Selbsthilfe begeistert über die kostenlose Werbung in eigener Sache. Doch als der Einfluss der Pharmakonzerne wuchs, fürchteten sie um ihre Neutralität. Rolf Blaga erzählt: „Ich war auf mehreren Veranstaltungen in verschiedenen europäischen Städten. Wir waren immer in sehr teuren Hotels untergebracht und alles wurde von der Pharmaindustrie bezahlt. Und das Hauptthema war, uns als Patientenvertreter beizubringen, wie man Lobbyarbeit macht. Wir sollten unsere Interessen gegenüber der Politik vertreten, dass uns alle Therapien bezahlt werden, also auch die sehr teuren Therapien. Und spätestens auf diesen Veranstaltungen war mir klar, dass die Gefahr besteht, dass man Teil einer PR-Strategie wird. Einer PR-Strategie der Pharmaindustrie, wenn man da nicht ungeheuer aufpasst."

Zahlen aus den USA zeigen, dass jeder Dollar, der für Werbung direkt beim Patienten investiert wird, den Firmen einen zusätzlichen Umsatz von über vier Dollar beschert. Damit ist der Effekt drei Mal so hoch wie beim Arzt.

Gesundheitsökonom Gerd Glaeske hat im Auftrag der Krankenkassen eine Untersuchung über die Strategie des Pharmasponsorings angestellt. Sind die Selbsthilfeverbände nur Schachfiguren auf dem Spielbrett einflussreicher Pharmariesen? Unter der Lupe so große Verbände wie der Deutsche Diabetiker Bund, die Parkinson Vereinigung, die MS-Gesellschaft und die Psoriasis Hilfe.

Interessenskonflikte?

Professor Gerd Glaeske über die Ergebnisse: „Auf der einen Seite waren die Berater von Selbsthilfegruppen oft auch Berater von pharmazeutischen Herstellern, wodurch zu vermuten ist, dass die Selbsthilfegruppen eben auch direkt wissenschaftlich beeinflusst wurden von bestimmten Beratern der pharmazeutischen Industrie. Zum zweiten haben wir gefunden, dass die Webseiten der Selbsthilfegruppen oftmals verlinkt waren auf die Webseiten von pharmazeutischen Herstellern, so dass man vermuten durfte, dass hier eine enge Kooperation besteht. Und zum dritten haben wir auch herausgehört, und das haben uns Pharma-Unternehmen bestätigt, dass sie kein Caritasverein sind sondern erwarten, dass sich ihre Kooperation mit den Selbsthilfegruppen auch umsatzmäßig auszahlt."

Glaeskes Untersuchung zeigt vor allem: Die Unterwanderung durch die Pharmahersteller ist für Patientenvertreter oft undurchschaubar. Schaut man genau hin, dann lässt sich in Webarchiven zum Beispiel folgendes nachvollziehen: Die Seite www.selbsthilfe.de sicherte sich nicht etwa ein Selbsthilfedachverband, sondern der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie BPI. Und hinter www.selbsthilfegruppen.de steckte bis vor kurzem BASF Pharma.

Selbsthilfegruppen durch Pharmakonzerne gegründet

Prof. Gerd Glaeske: „Es gibt auf der einen Seite die Situation, dass jemand, der in der pharmazeutischen Industrie arbeitet und dort auf der Gehaltsliste steht, gleichzeitig auch für Selbsthilfegruppen tätig ist und dort eine führende Position einnimmt. Es gibt auf der anderen Seite auch die Situation, dass die pharmazeutischen Hersteller selbst Selbsthilfegruppen gründen, damit sie in dieser Selbsthilfegruppe auch ganz bestimmte neue Arzneimittel bekannt machen und fördern können. Insofern sind dies beides Aspekte von denen sich die Selbsthilfe wirklich fernhalten sollte. Denn dies geht gegen ihre Neutralität und gegen das, was sie eigentlich für die Patienten machen soll: Eine unabhängige Information."

Verbandszeitschrift nun ohne Werbung

Frau reicht anderen Frau in der Gruppe eine Zeitschrift

Selbsthilfegruppen werden von Pharmakonzernen finanziell unterstützt

Die Selbsthilfegruppe als geschützte, nicht interessengesteuerte Anlaufstelle für verzweifelte Patienten - diese Vertrauensbasis stand bei der „Frauenselbsthilfe nach Krebs" auf dem Spiel. Bundesvorsitzende Hilde Schulte stellte fest: Die von einem Verlag für Vereine veröffentlichte Verbandszeitschrift enthielt ungefragt populärwissenschaftliche Artikel. Diese bewarben einseitig und ohne Kenntlichmachung ein neues Medikament zur Krebsnachsorge.

"Der Verlag hat offensichtlich Eigeninteressen vertreten, verleitet durch finanzielle Angebote der Pharmaindustrie“, so Hilde Schulte. „Wir haben uns entschieden, unsere Verbandszeitschrift selbst herauszugeben - ohne Verlag, ohne Werbung - um weiterhin Betroffenen neutrale, sachdienliche Informationen zu liefern, die nur von den Interessen und Bedürfnissen von krebskranken Menschen geleitet sind."

Eine echte Zwickmühle: Natürlich brauchen Selbsthilfen wie die Frauenselbsthilfe nach Krebs Finanzspritzen von pharmazeutischen Unternehmen, denn von den Mitgliedsbeiträgen allein können sie nicht existieren. Andererseits verliert die Selbsthilfe ihr höchstes Gut, wenn sie am Tropf der Pharmaindustrie hängt: Ihre Glaubwürdigkeit.

Mehr Transparenz

Deshalb haben die Dachverbände von Selbsthilfe und Pharmaindustrie ihre Richtlinien zur Zusammenarbeit verschärft. BPI-Geschäftsführerin Prof. Barbara Sickmüller plädiert für mehr Transparenz: „Bedenklich wäre es, wenn nicht transparent ist, wie die Gelder fließen. Und bedenklich wäre auch, wenn man nicht klar kennzeichnet, dass bestimmte Produkte von der Pharmaindustrie mit getragen werden. Da sind aber sowohl die Industrie als auch die Selbsthilfegruppen inzwischen auf einem sehr guten Weg, diese Vorgaben auch einzuhalten."

Ein Beispiel: Die Website des Pharmariesen Glaxo Smith Kline. Auf der Homepage wird genau aufgelistet, wie viel Euro vergangenes Jahr an welche Selbsthilfegruppe ging und wie viel Prozent dieser Betrag vom Jahreshaushalt des Verbandes ausmacht. Dennoch mahnen die Selbsthilfevertreter zu großer Vorsicht. Hilde Schulte vom Bundesverband Frauenselbsthilfe nach Krebs: „Als Selbsthilfeorganisation muss ich prüfen, ob ich mich nach wie vor im Rahmen meiner Aufgaben und Ziele bewege oder ob ich nur der Gewinnmaximierung von Pharmaunternehmen diene."

Gesunde Distanz

Rolf Blaga sitzt an einem Schreibtisch

Rolf Blaga, Leiter der Schuppenflechte-Selbsthilfe Berlin

Auch Rolf Blaga von der Psoriasis Selbsthilfe Arbeitsgemeinschaft plädiert für eine kritische Haltung: „Vor ein paar Jahren haben wir Spenden bekommen für unsere Arbeit, die wir gemacht haben. Inzwischen gibt es von einigen Firmen regelmäßige Projekte, die sie mit Patientenorganisationen zusammen machen. Man kennt sich, man weiß, wie man miteinander umzugehen hat, man weiß, um wie viel Geld es geht und da tut niemand dem anderen weh. Ich glaube, dass es wichtig ist, als Patientenorganisation eine gesunde Distanz zu haben gegenüber der Pharmafirma und nicht so eng zusammen zu arbeiten."

Gesunde Distanz und Transparenz funktionieren nur durch Absprachen und Verträge. Doch in der Anonymität des World Wide Web sind die Möglichkeiten der unerkannten Beeinflussung grenzenlos. So sollen sich Pharma-Mitarbeiter seit kurzem als Betroffene tarnen, um in Internet-Foren bei Diskussionen anonym bestimmte Medikamente zu lancieren. Ein unlauteres Mittel, das letztlich nicht bewiesen werden kann.

aus der Sendung vom

Do, 13.3.2008 | 22:00 Uhr

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