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Fernsehen im SWR

Generationenkonflikt Gewalt in der häuslichen Altenpflege

aus der Sendung vom Donnerstag, 28.2.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Dass die Zustände in Pflegeheimen häufig nicht die besten sind, hört und liest man immer wieder. Und so pflegen viele Menschen ihre Angehörigen, die an einer Altersdemenz erkranken, selbst zu Hause. Eine Belastung, die nicht zu unterschätzen ist. Mit einem eigenen Beruf ist das kaum mehr zu vereinbaren. Und die Probleme werden mit den Jahren nicht kleiner, sondern immer größer. Die Pflegenden bleiben mit ihrem Leben häufig auf der Strecke.

Kein Wunder, dass sich da Spannungen aufbauen, die sich sogar in Gewalttätigkeiten entladen können. Eine Theatergruppe in Zürich die setzt sich auf eindrückliche Weise mit dem Thema Gewalt in der Altenpflege auseinander und zeigt, wie man sich aus dem Teufelskreis befreien kann.


Die beiden Schauspielerinnen auf der Bühne zeigen in ihren Rollen als Johanna und deren bettlägeriger Mutter alltägliche Szenen: Johanna hat kaum Zeit, sich neben ihrem Beruf noch um die Mutter zu kümmern, die nicht nur beim Essen die Geduld ihrer Tochter ungewollt auf eine harte Probe stellt. Die Pflege wird zu einem Gewaltakt - für Beide.

Was die Züricher Theatergruppe Knotenpunkt zeigt, ist weit mehr als nur ein Stück. Die Episoden aus dem Leben alter Menschen sollen wachrütteln. Theatermanager Giuido Capecchi greift Tabuthemen auf. Er gibt den Unterdrückten eine Stimme. Und er weiß: Oft ist es nicht eindeutig, wer Täter ist und wer Opfer: Unterdrückte können alle sein auf der Bühne. Das heißt, normalerweise gibt es einen Täter. Aber der Täter kann natürlich auch ein Unterdrückter sein. Das heißt, er wird dann gezwungen gewisse Situationen so zu lösen, wie er das Gefühl hat, dass sie gut sind – und meistens sind sie dann nicht gut.“

Eskalation der gutgemeinten Bemühungen

Die Bühne zeigt den Pflegealltag: Nicht selten eskalieren auch gutgemeinte Bemühungen. Ursachen sind Stress, Erschöpfung, Hilflosigkeit, die ungewohnte Nähe. Der Altersforscher Professor Rolf Dieter Hirsch definiert Gewalt: „Die Gewalt beginnt beim bösen Wort - wenn ich jemanden beschimpfe, erniedrige, beschäme - geht dann auch weiter in Vernachlässigung körperlicher Bestimmtheiten. Dann aber auch über körperliche Gewalt. Da ist das Schlagen, blaue Flecken oft als Anzeichen haben und kann natürlich auch in sexuellen Übergriffen enden.“

Vor 10 Jahren hat der Altersforscher Rolf Dieter Hirsch die Anlaufstelle „HSM“, Handeln statt Misshandeln, in Bonn gegründet. Dort haben schon über 30.000 Betroffene Rat gesucht und gefunden. Die Mitarbeiter sind Berater und Helfer in der Not der Betroffenen.

Seelische Misshandlungen und Entmündigung

Prof. Hirsch vermutet, dass heute jeder zweite Pflegefall Opfer von Gewalt wird. Studien belegen, dass es sogar in Familien zu Übergriffen kommt. Dazu gehören körperliche Gewalt, Vernachlässigung, ruhig stellen durch Medikamente. Am häufigsten sind seelische Misshandlung und finanzielle Schädigung. Auch das bringen die Schauspieler von „Knotenpunkt“ auf die Bühne:

Sohn: „Was heißt, kriegst du nichts? Es gehört mir doch sowieso früher oder später. Lang machst Du’s eh nicht mehr. Also, komm Vater, unterschreib. Vater, ich kann auch anders. Willst du mir im Wege stehen. Du stehst mir im Weg!“
(Gerangel)
„Also los, unterschreib! Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte...“

Prof. Rolf Dieter Hirsch glaubt: „Solche Szenen werden sich sicherlich in vielen Familien in ähnlicher Weise abspielen. Es ist ja schon auch gesellschaftlich so, nach dem Motto: ein Alter leistet nichts mehr, was soll der eigentlich noch? Ein Junger kann das brauchen. Deshalb ist natürlich der teure Rat immer, keinem der Kinder vorher Sachen zu überschreiben, keinerlei Unterschriften zu leisten. Wenn das mal gelaufen ist, dann hat man eigentlich bloß Pech.“

Bei der Szene zwischen Vater und Sohn ist auch ein Dritter auf der Bühne anwesend: der stille Beobachter. Er könnte helfen, könnte verhindern, dass die Situation eskaliert. Doch zum Leid der Betroffenen schweigen Außenstehende fast immer.

„In der Realität ist Gewalt nur dann möglich, wenn die Dritten immer wegschauen, nichts dafür tun, sich nicht zuständig fühlen. Es gibt manche Dritte, die gerne eingreifen würden aber sich nicht trauen, nicht wissen, was sie eigentlich tun sollen“, weiß der Altersforscher.

Zuschauer sollen eingreifen

Guido Capecchi ist einer der wenigen Dritten, die handeln. Und handeln lassen. Bei den Theaterauftritten lädt er das Publikum ein, in das Geschehen einzugreifen und die Situation auf der Bühne zu verändern: „Den Leuten, die im Publikum sitzen und denen es nicht gut geht, die fühlen sich in unseren Vorstellungen aufgehoben und die bekommen in unserer Vorstellung eine Stimme. Das heißt, sie können sich ausdrücken, sie können sagen ‚ich hab ein Problem, ich hab das so und so erlebt’ – und dann kann man versuchen, den Leuten mit Vorschlägen, mit möglichen Lösungsansätzen zu helfen.“

Die Theaterprobe ist zu Ende. Die Akteure verlassenen nur langsam ihre bedrückenden Rollen. Aber durch das Engagement der Theatergruppe Knotenpunkt könnte auch in einigen Familien manch bittere Szene zu einem guten Ende finden.

Andrea Wengel

Letzte Änderung am: 28.02.2008, 18.48 Uhr

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