Navigation

Navigation

Volltextsuche
Fernsehen im SWR

Alternative Altenpflege Demenz-GmbH

aus der Sendung vom Donnerstag, 28.2.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Einsame Menschen erkranken doppelt so häufig an Alzheimer - so ein erschreckendes Studienergebnis. Die Einsamkeit ist auch meist der Begleiter, wenn die Demenz einmal da ist. An dieser Einsamkeit können die Kranken sehr wohl leiden und verzweifeln. Zwei junge Altenpfleger wollen das ändern. Sie haben sich nichts weniger vorgenommen als die übliche Altenpflege zu revolutionieren.

Von dem Engagement der beiden jungen Männer profitieren bereits Frau Thomas, Herr Mentzen und Frau Hengstmann. Frau Thomas war früher im Haushalt tätig. Gerne habe man sie gehabt, erzählt die alte Dame, schließlich sei sie ja auch ehrlich. Da kann sie überall hinkommen. Frau Thomas ist 84 Jahre alt. Herr Mentzen ist am 6. Februar 1919 geboren. Er war Maschinenbauer. Frau Hengstmann hatte früher eine Gaststätte und lebte in Sauertal nahe der Loreley. Sie ist 81 Jahre alt.

Raus aus dem Heim

Die drei leiden - wie auch die anderen der Gruppe, die zusammen in der Kegelbahn der örtlichen Gaststätte sitzen - an Altersdemenz. Sie vergessen schnell was sie gerade erlebt haben, können sich oft nicht mal mehr ausdrücken. Dass sie nicht teilnahmslos in einem Sofa rumhängen verdanken sie zwei jungen Altenpflegern. Heiko Reinert und Martin Bollinger sind gerne mit ihnen unterwegs. Reinert erklärt warum: "Die Unternehmungen sind extrem wichtig, damit man sich vom Alltag trennen kann und den Leuten einfach mal neue Reize setzen kann. Ein gewohntes Umfeld wird verlassen in eine Gaststätte reinzukommen, etwas trinken mit Freunden unterwegs zu sein. Ich denke das ist eine gute Sache."

Johanna Thomas, Edmund Mentzen und Maria Hengstmann sind mit ihrem Leiden keine Minderheit, im Gegenteil. Sie gehören zu einer stetig wachsenden Gruppe. Allein in Deutschland leben 1,2 Millionen Demenzkranke. Da sind neue Ansätze in der Betreuung gefragt. Deshalb haben Bollinger und Reinert ihren Job als Altenpfleger gekündigt. Sie wollen unabhängig sein, um ihre Ideen umzusetzen.

Kontaktreichen Alltag schaffen

Dahinter steckt, dass die beiden nach mehreren Jahren der Zusammenarbeit den Demenzkranken helfen wollen, in dem sie diese tagsüber begleiten. "Und zwar so nah wie möglich am Alltag orientiert, den wir dann auch zusammen gestalten und in dem wir dann auch unsere Ideen umsetzen", betont Martin Bollinger. Und Heiko Reinert ergänzt: "Wir haben jetzt wirklich schon vier Jahre in diesem Bereich speziell im dementen Bereich gearbeitet. Wenn man sich die Gesichter anguckt, wenn man die Lebensfreude spürt, dann ist es auch sehr oft so, dass wir mit den dementen Leuten dann auch ganz enge Kontakte knüpfen und auch spürbar wird, was wir umsetzen wollen. Dann macht uns das sicher, was diesen Bereich anbelangt."

"Alltagshaus" gegründet

Der Umgang mit Menschen wie Frau Thomas hat die beiden auf den Gedanken gebracht, eine Tagesstätte - ein Alltagshaus - zu gründen. Dort sollen die Erkrankten ganztags oder auch nur stundenweise betreut werden. So werden sie nicht abrupt aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen. Gemeinsam wird dann auch mal auf den Fußballplatz gegangen, um ein bisschen zu kicken. Das geht, und macht den Menschen Spaß. Zum Programm gehört auch, dass es mal anstrengend wird für die betreuten Menschen, wie Martin Bollinger erläutert: "Zwischen fordern und nicht überfordern - das ist eine Gradwanderung teilweise. Es ist immer so, dass man versucht, im Alltag Ruhephasen einzubauen. Damit immer mal jemand gefordert und gefördert wird, seine Ressourcen, die er noch hat, zu Tage treten können. Und dann aber wieder auch Phasen (...) wo dann in Ruhe Mittag gegessen und dann einfach ausgeruht wird."

Den Altenpflegern geht es auch darum, dass die Betreuung Demenzkranker finanzierbar wird. Schließlich kann sich nicht jeder einen vollen Heimplatz leisten. Die Betreuung demenzkranker Menschen würde dann in Deutschland 26 Milliarden Euro kosten. Deshalb die Idee mit dem Alltagsheim.

Altbauvilla für Altenpflege-Projekt

Auf der Suche nach einem geeigneten Ort dafür stehen Martin Bollinger und Heiko Reinert allerdings nicht vor einer Altbauvilla mit Garten - sie schauen sich eine alte Gärtnerei an. Die Gebäude bieten viel Platz und sind ebenerdig. Das sei wichtig, damit man etwas unternehmen kann. Das viele Licht werde gegen Depressionen helfen. Trotzdem eine ungewöhnliche Wahl. Doch die beiden jungen Männer glauben, dass das ungewöhnliche Gebäude, das so untypisch ist für die Altenpflege, gerade zu ihrem Projekt extrem gut passt.

Sie wollen auch räumlich zeigen, dass sie anders sind als konventionelle Einrichtungen. Denn es geht darum, "die komplette Bandbreite von normalen Menschen auch geistig behinderten Menschen zugänglich zu machen. Das hört in vielen Einrichtungen bei der Haushaltsbeschäftigung auf. Und wir wollen darüber hinaus mehr an Freizeitangeboten für die Leute einrichten, wollen Veranstaltungen besuchen, wollen auf Sportplätze gehen, wollen entsprechend unser Umfeld mit den Menschen zusammen gestalten."

Überzeugungstäter

Man merkt, dass hier Überzeugungstäter am Werk sind. Doch mit Kalkül. Die Erfahrung hat den beiden jungen Männern gezeigt, dass gerade für Unternehmungen den Angehörigen die Zeit fehlt, so Martin Bollinger: "Der Hauptvorteil ist, dass die Angehörigen entlastet werden. Und zwar auf zwei verschiedenen Wegen. Dass sie tagsüber die Möglichkeit haben Terminen nachzukommen oder einfach mal dazu kommen, ihre Freizeit selbst zu gestalten, ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, weil häufig die Angehörigen überlastet sind und keine Freiräume mehr haben."

Diese Freiräume wollen Bollinger und Reinert schaffen. So schlecht liegen sie mit ihrer Idee nicht. So klar wie ihre Ideen, so klar auch die Finanzierung. Die Betreuung soll stundenweise abgerechnet werden. Jemand wie Herr Mentzen würde zum Beispiel nur an der Kegeltour teilnehmen. Andere hingegen würden vielleicht einen ganzen Tag zu Besuch sein. Je nach Bedarf.

Vom Erfolg ihrer Ideen überzeugt, können sich die beiden auch vorzustellen, ihr Modell als Franchising zu vermarkten. Schließlich werden etwa ein Drittel der Demenzkranken von zu Hause betreut. Der Markt ist also da.

Hilmar Liebsch

Letzte Änderung am: 28.02.2008, 12.12 Uhr

Der SWR ist Mitglied der ARD 

Sitemap | Impressum | Datenschutz | © SWR