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Fernsehen im SWR

Hirnforschung Mit Bewegung gegen Alzheimer!

aus der Sendung vom Donnerstag, 28.2.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Alzheimer ist wohl eine der härtesten Prüfungen denen wir ausgesetzt sein können - sowohl als Kranke, als auch als Angehörige. Doch jetzt gibt es gute Nachrichten aus der Forschung: Wir haben es - bis zu einem gewissen Grad - selbst in der Hand, wie fit wir bleiben.

Auf dem Fahrrad seinen Tag zu beginnen, ist für Doktor André Fischer ein Muss. Der Mediziner will damit für sein Leben im Alter vorbeugen. Er investiert in die vorbeugende Kraft des Sports bei einem besonders schrecklichen Leiden: der Altersdemenz. Viele Betroffene fristen ein trauriges Dasein als Pflegepatient. Die häufigste Form der Demenz: Alzheimer. Diagnose: unheilbar.

Sport trainiert Gehirn

Noch. Denn womöglich kann uns sportliche Aktivität vor Demenz schützen, das jedenfalls glaubt der Neurowissenschafter: „Ich glaube, dass Sport ein wichtiger Bestandteil ist, um Demenzen vorbeugend entgegenzuwirken. Gleichzeitig kann Sport aber auch helfen, (dass) Personen, die bereits an Demenz erkrankt sind, das Gedächtnisvermögen wieder erlangen. Und Sport führt sogar dazu, dass das Gehirn wieder wächst.“

Was so einfach klingt, ist bereits Bestandteil medizinischer Therapie. In einer Studie der Universität Göttingen betreiben Patienten Fitnesstraining. Der Versuch soll zeigen, ob Sport tatsächlich im Kampf gegen Demenz helfen kann. Ist der Test erfolgreich, wäre das ein Therapieansatz für Hunderdtausende Demenz-Patienten. Sport als Therapie würde etwa bei den als unheilbar geltenden Alzheimer-Betroffenen helfen, die Leistungsfähigkeit zurückzubringen.

Doch noch fehlt der Beweis, zumindest beim Menschen. Die Gehirne von Stellvertretern des Menschen jedoch stimmen zuversichtlich. Das zeigen Untersuchungen an Mäusen, die mit Alzheimer vergleichbare Hirnerkrankungen zeigen. Andre Fischer hat mit seinem Team einen Test entwickelt, mit dem er belegen kann, dass demente Mäuse durchaus behandelbar sind.

Alzheimer-Mäuse: Stellvertreter für den Menschen

Der Neuroforscher setzt eine Alzheimer-Maus vor der Behandlung in ein spezielles Schwimmbecken. Sie hat im Laufe ihrer Krankheit vergessen, dass in der Mitte des Beckens eine Insel liegt, auf der sie sich in Sicherheit bringen kann. Noch vor ein paar Monaten war dies für sie kein Problem. Doch ihr Gedächtnis hat sie im Stich gelassen: Typisch Alzheimer. „Eine der ersten Gedächtnisfunktionen, die nicht mehr richtig funktionieren, ist das räumliche Orientierungsvermögen“, sagt André Fischer. „Man sieht häufig alte Leute, die in der Stadt orientierungslos herumlaufen. Und das können wir an der Maus testen. In diesem Raum orientiert sie sich, findet diese Plattform. Für ein gesundes Tier ist das kein Problem, aber bei Tieren, die dement werden, die können das nicht mehr lernen, egal wie oft wir sie trainieren, sie finden diese Plattform nicht.“ Der Versuch zeigt den orientierungslosen, hilflosen Parcours als Folge der Demenz. Doch dies ist nur der erste Teil des Experiments.

Sechs Wochen später. Das gleiche Tier findet die Insel auf Anhieb. Sie kann sich wieder erinnern. Was ist geschehen? Wodurch kommt die Erinnerung zurück? Die Erklärung liegt in einem „Mäuse-Fitnesscenter“. Dort musste sich der Nager sechs Wochen lang mit seinen dementen Kollegen immer neuen körperlichen und geistigen Herausforderungen stellen. Diese Aktivität in einer immer wieder wechselnden Umgebung wirkt sich offensichtlich positiv auf den Verlauf der Alzheimer-Erkrankung aus.

„Durch den Sport, durch die angereicherte Umwelt, finden zwei Dinge statt: Es werden neue Nervenzellen gebildet, gleichzeitig vernetzen die sich auch wieder miteinander. Und selbst die verbleibenden können wieder sehr viel besser miteinander kommunizieren. Und zumindest im Tiermodel führt das dann auch nach sehr starker Degeneration, also wenn bereits dreißig Prozent des Gehirns abgestorben sind, dazu, dass zumindest das Tier einfache Aufgaben wieder erlernen kann“, sagt Fischer.

Mäuse sind auch nur Menschen

Doch Menschen sind keine Mäuse. Und zudem wird kaum ein Alzheimer-Patient zu körperlicher Höchstleistung aufgefordert. Vermutlich ein Fehler! Denn in Bezug auf Demenz lassen sich Menschen und Mäuse doch recht gut vergleichen. Dies zeigen die ersten Ergebnisse der Göttinger Sportstudie. Die körperliche Aktivität zeigt Auswirkungen auf ein kleines Hirnareal, das bei Demenz-Patienten allerdings eine große Rolle spielt: der Hypothalamus. André Fischer sieht bei den menschlichen Patienten der Göttinger Kollegen ähnliche Ergebnisse wie bei seinen Mäusen. Durch die körperliche Aktivität ist hier wie dort das Gehirn gewachsen. Über zehn Prozent mehr Hirnmasse in nur drei Monaten - ein Etappensieg für die Neuroforscher!

Doch André Fischer und sein Team arbeiten bereits am nächsten Schritt gegen Alzheimer: An der Behandlung mit einem so genannten HDAC-Hemmer. Die Substanz spielt eine große Rolle bei der Entstehung von Alzheimer. Sie als Medikament zu entwickeln ist gemeinsam mit dem Sport der Schlüssel für das ganz große Ziel der Forscher, Alzheimer durch eine Kombinationstherapie in den Griff zu bekommen. „Es gibt ja eine ganze Reihe von sehr vielversprechenden Ansätzen, nicht nur die Sporttherapie oder die HDAC-Inhibitoren. Und ich glaube, dass Alzheimer später für mich persönlich kein Problem mehr sein wird. Und wenn Sie mich nach einer Zahl fragen, denke ich, wird man das in zehn Jahren recht gut in den Griff bekommen haben“, sagt Neuroforscher Fischer.

Doch auch dann wird sportliche Aktivität noch immer eine wichtige vorbeugende Aufgabe sein, um im Alter der Diagnose Alzheimer zu entkommen.

Axel Wagner

Letzte Änderung am: 15.02.2008, 23.38 Uhr

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