In Kassel beginnt demnächst die Zukunft der Müllentsorgung. Noch verschandeln gelbe Säcke das Stadtbild, doch schon bald soll das komplizierte System aus Biotonne, Restmüll und gelbem Sack verschwinden.
Hinter dem Kasseler Modell steht die Abfallforschung der örtlichen Universität. Professor Klaus Wiemer, der geistige Vater des Projekts, ist einer der renommiertesten Abfallforscher in Deutschland. „Die Vision“, sagt er, „lautet eindeutig. Irgendwann wird sich die Abfallwirtschaft selbst tragen. Da muss der Bürger nichts mehr dafür bezahlen. Wann dieser Zeitpunkt eintritt, kann man nicht prognostizieren. Das hängt von den Preisen für die Ressourcen - Öl und andere Rohstoffe - ab.“
Birgit Knebel soll das Konzept bei den Kassler Stadtreinigern umsetzen. In Kassel hat man erkannt, dass es sich lohnt, möglichst den gesamten Abfall wiederzuverwerten. Birgit Knebel: „Wir haben jetzt einen Markt für Wertstoffe. Das heißt die Wertstoffe, die im Restmüll vorhanden sind, werden nachgefragt. Das gab es vor 15 Jahren noch nicht - zumindest nicht für die Wertstoffe die wir jetzt noch im Restmüll haben. Und vor diesem Hintergrund ist es zu überlegen, ob die jetzige Situation noch angebracht ist.“
Noch findet man auch in Kassel Plastikabfälle ungenutzt im Restmüll – das soll nicht so bleiben. Voraussichtlich ab Mai soll das Kasseler Modell so funktionieren: Gelber Sack, Bio- und Restmülltonne verschwinden. Sie werden ersetzt durch eine nasse und eine trockene Tonne. In die nasse Tonne gehören der Bioabfall, Gartenabfälle und Hygieneartikel - auch Taschentücher und Windeln. In die trockene Tonne kommt der bisherige Gelbe-Sack-Inhalt, alle Kunststoffabfälle, Elektronikkleinteile und Kinderspielzeug.
In einer simplen Zweiteilung sehen auch andere Experten die Zukunft der Abfallwirtschaft, so etwa Prof. Thomas Pretz von der Technischen Hochschule Aachen. Seine Forderung: „Menschen trennt, ihr könnt das! Trennt in trocken und in nass. Und aus dem trockenen Gemisch sind wir mit der heute verfügbaren Technik in der Lage, auch mit einer relativ guten Effizienz, verwertbare Materialien herauszuholen.“
Werden Wertstoffe wie Papier, Glas oder Plastik trocken gesammelt, können sie anschließend maschinell und zuverlässig aus dem Müllberg herausgefischt werden. In hochmodernen Sortieranlagen, etwa beim Marktführer TiTech in der Nähe von Koblenz, kann dann der Inhalt der trockenen Tonne mit einer neuartigen Sortiertechnik getrennt werden. Trotz rasender Geschwindigkeit der Abfallbänder wird jedes einzelne Abfallstück mit Infrarotlicht erfasst, erkannt und danach per Druckluftstoß in die entsprechende Sammelkammer geblasen.
25 Tonnen Abfall pro Stunde schaffen die modernsten Anlagen derzeit. Immer feiner wird der Materialstrom in unterschiedlichste Kunststoffe, Dosen, Glasreste aufgespalten. Die trockene Tonne kann so nahezu komplett recycelt werden.
Wenn die automatische Trennung aber so viel effizienter ist als die Verpackungsmüll-Sammlung mit dem Grünen Punkt, stellt sich natürlich die Frage, weshalb der Gesetzgeber noch immer am Dualen System festhält. Dazu sagt Prof. Klaus Wiemer: „Das Gesetz heute ist dadurch gekennzeichnet, dass der Weg vorgeschrieben ist. Das ist aus meiner Sicht falsch. Es sollte das Ziel vorgeschrieben werden und das heißt Ressourcenschutz, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit. Den Weg sollte man frei lassen. Und genau diese Zieldefinition führt letztendlich dazu, dass die Technik herausgefordert wird, rationelle Verfahren zu entwickeln, die dann eingesetzt werden können und tradierte Wege - konservative Werte der Getrenntsammlung - dann überholen.“
Es sollte aber den Abfallentsorgern überlassen bleiben, wie sie den Müll verwerten. Zum Beispiel die nasse Tonne in Kassel: egal ob Gartenabfall, Essensreste oder Windeln - alles kommt in eine Biokompostanlage. Dann wird der Abfall mit 50 Grad warmem Wasser berieselt. Der entstehende Sud wird in eine Bioabgasanlage gepumpt, wo mit Hilfe von Bakterien Methangas entsteht das als Heiz- oder Antriebsstoff genutzt werden kann. Die Reste werden verbrannt.
Ebenso die unbrauchbaren Reste der trockenen Tonne. Die wandern in ein Heizkraftwerk und werden emissionsarm zu Energie verbrannt. Eine Nutzung die in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird, sagt Prof. Wiemer voraus: “Vereinfacht ausgedrückt kostete das Barrel Rohöl vor 40 Jahren (...) zwei Dollar. In vierzig Jahren, sagen einige Prognosen, haben wir kein Rohöl mehr. Und so kann sich jeder ausmalen, dass bei dieser Art von Verknappung die Energiepreise steigen werden. Die Energiepreise sind ein Schlüssel in der Abfallwirtschaft. Denn pro Tonne Abfall haben wir nach wie vor, trotz getrennter Sammlung, etwa 200 Liter Heizöläquivalent, und das ist mehr als ein Barrel Rohöl.“
Bei weiter steigenden Rohstoffpreisen lohnt sich eine möglichst vollständige Verwertung des Mülls. Allerdings ist dafür ein hoher technischer Aufwand nötig. Die Abfalltrennung soll für den Bürger einfacher werden, die Kosten bleiben vorerst gleich – und das Stadtbild gewinnt. Immerhin ein erster Schritt in die Zukunft der Müllentsorgung – ohne gelben Sack!
Letzte Änderung am: 14.02.2008, 12.30 Uhr