aus der Sendung vom Donnerstag, 14.2.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Unser heutiges Entsorgungssystem ist unter anderem deswegen so kompliziert geworden, weil so viele mitmischen und mitverdienen wollen. Rund 15 Milliarden Euro setzen die 5.000 Müllunternehmen im Jahr um. Im Müll steckt Geld. Dass die Entsorgung von Müll einmal ein solches Geschäft werden würde, hätte man sich früher wohl nie träumen lassen. Unsere Zeitreise:

Im Mittelalter ging die Abfallentsorgung ganz schnell: Der Müll wurde einfach auf die Strasse gekippt. Auch der Inhalt der Latrinen landete in den engen Gassen. Hygiene oder Müllabfuhr waren unbekannt. Erst ab dem 16. Jahrhundert mussten Scharfrichter und Gefangene den gröbsten Unrat aus der Stadt bringen. Doch noch bis zum Ende des 19. Jahrhundert forderten Cholera-Epidemien in deutschen Großstädten viele Opfer. Die Ursache: Krankheitserreger im Müll. Allein in Hamburg forderte die Cholera 1892 über 8.000 Menschenleben.
Nach dem ersten Weltkrieg setzte sich die Müllabfuhr durch. Verantwortlich waren die Kommunen. Alles landete in einer Tonne, die die Müllkutscher aus der Stadt brachten. Zunächst mit Pferdewagen, doch nach 1920 wurden zunehmend Autos eingesetzt. An die Umweltgefahren, die vom Müll ausgehen, dachte noch niemand.
Nach dem zweiten Weltkrieg gab es das Wirtschaftswunder. Die Müllkutscher hießen jetzt Stadtreiniger. In der „Wegwerfgesellschaft“ wurde aber nicht einmal Papier wiederverwendet. Alles landete im Müll. Nur sporadisch sammelten Kirchen und Naturschutzvereine Papier, Glas und Metalle ein.
In den 60er Jahren wurde in der DDR-Mangelwirtschaft „SERO“ eingeführt, die bezahlte Rücknahme von Sekundär-Rohstoffen, also Papier, Glas und Metallschrott in speziellen Annahmestellen. Ein beliebtes Zubrot für Alte und Schüler.

Wohlstandsmüll
1974: im Westen wurden dagegen immer mehr Einwegverpackungen, vor allem Getränkedosen, produziert. Kunststoffverpackungen waren das moderne Gesicht der Markenprodukte. Recycling lohnte sich nicht: die Rohstoff- und Ölpreise waren zu niedrig. Der Wohlstandsmüll wurde in den Großstädten langsam zum Problem, weil weniger als 25 Prozent dieses Mülls geordnet deponiert, verbrannt oder kompostiert wurden. Der Rest landete auf Tausenden wilder Müllhalden. Sie verschandelten noch 1975 die Landschaften und belasteten die Gesundheit der Menschen.
In den 80er Jahren galten in der Bundesrepublik neue Müllgesetze. Hausmüll, jährlich über 30 Millionen Tonnen, musste nun auf Deponien. Bald reichten die aber nicht mehr aus. Die Wohlstandsgesellschaft drohte in ihrem Müll zu ersticken. Nur selten wurden Wertstoffe per Hand aussortiert. Recycling lohnte sich noch immer nicht. Auch Müllverbrennungsanlagen waren keine Lösung. Ohne Entgiftung der Rauchgase waren sie Giftschleudern. Anwohner hatten Angst vor tödlichen Dioxinen.
1986: Nur wenige Städte - wie etwa Freiburg - führten versuchsweise die grüne Wertstofftonne für Papier, Glas und Metalle ein. In Ostdeutschland ging mit dem Staat auch das SERO-System unter. Nach der Wende wollten alle nur noch die bunten Produkte aus dem Westen - Recycling hatte ausgedient.

Der Grüne Punkt
1991 setzte Umweltminister Klaus Töpfer die gesamtdeutsche Lösung des Problems durch: die „Verpackungsverordnung“ und das Duale System. Nützliches im Abfall soll wiederverwendet werden. Seit 1993 wird in Deutschland der Müll getrennt. Die Deutschen wurden zu Weltmeister im Mülltrennen.
Letzte Änderung am: 11.05.2011, 18.09 Uhr