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Fernsehen im SWR

Medizinische Weiterbildung Ärzte-TÜV

aus der Sendung vom Donnerstag, 6.8.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Jeder Teekessel, jedes Moped und erst recht jedes medizinische Gerät wird bei uns wieder und wieder getestet und auf Risiken geprüft. Ein Arzt aber, der einmal die Lizenz zum Schneiden, Spritzen und Therapieren verliehen bekommen hat, der behält sie wie selbstverständlich ein Leben lang. Facharzt wird man in Deutschland mit Anfang 30, danach wird man nie wieder geprüft. Und Weiterbildungen sind keineswegs selbstverständlich. Viele Ärzte halten daher an den alten Methoden fest die sie kennen, anstatt neue zu lernen. Die Idee, die Götter in Weiß einem TÜV zu unterziehen, scheint nicht verkehrt.

Am Unfallkrankenhaus Berlin Marzahn forscht Professor Wolfgang Friesdorf an Verbesserungen medizinischer Arbeitsabläufe. Im Fokus steht dabei besonders die Bedienbarkeit medizinischer Hightech-Geräte. Rund 120 Geräte spielen heute im Klinikalltag eine Rolle. Und die Hersteller werfen regelmäßig neue Entwicklungen mit erweiterten Funktionen auf den Markt. Was dazu führt, dass Mediziner schnell überfordert werden.

Moderne Medizin überfordert manch Mediziner

„Das Institute of Medicine in den USA hat Anfang der 2000er Jahre ein Buch herausgegeben, „To err is human“ - Irren ist menschlich - und kam auf Grundlage mehrerer Studien zu dem Schluss, dass im Krankenhaus durch Fehler mehr Menschen sterben als im Straßenverkehr. Es hat dann eine ganze Reihe von Folgestudien in vielen anderen Ländern gegeben. Die Größenordnung wird von allen anderen Studien bestätigt“, erzählt Prof. Friesdorf. In der Bundesrepublik wären das gut 15.000 Todesfälle pro Jahr.

Je komplexer die Technik, desto mehr Fehlerquellen. Ähnlich wie bei der Unterhaltungselektronik gilt auch bei lebenserhaltenden Systemen: Es gibt zu viele Funktionen und unübersichtliche Bedienungsanleitungen. Hinzu kommt, dass der Klinikalltag keine Zeit für umfangreiche Schulungen lässt. Sind unsere Mediziner den Anforderungen einer sich immer schneller entwickelnden Medizin nicht mehr gewachsen?

TÜV-Plakette für Arztpraxis

Diese Frage stellt sich auch bei Deutschlands niedergelassenen Ärzten. Patienten können kaum einschätzen, ob Diagnose und Therapie ihres Arztes auf dem neuesten Stand sind. Deshalb soll nun ein so genannter Ärzte-TÜV eingerichtet werden.

Dr. Thomas Köhler von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung beschreibt das Vorhaben so: „Wir werden neutrale Einrichtungen schaffen die Praxen prüfen und das Prüfergebnis in der Form sichtbar machen, dass auf dem Praxisschild ein so genanntes deutsches Gesundheitssiegel angehängt wird, so dass der Patient weiß: Diese Praxis ist eine in ihrer Qualität geprüfte Praxis.“

Weiterbildung muss belohnt werden

Trotz Fortbildungsverpflichtung fällt das Qualitätsniveau der Ärzte sehr unterschiedlich aus. Ein Teil der Ärzte bildet sich auch über das verlangte Maß fort. Der neue Ärzte-TÜV soll zumindest das belohnen. Viele Mediziner stoßen allerdings heute schnell an Belastungsgrenzen. Denn im Gegensatz zu anderen Berufen müssen sie sich in ihrer Freizeit fortbilden.

„Das Wissen in der Medizin muss alle drei Jahre erneuert werden. Das hat was mit der Forschung zu tun und es ist sehr schwierig, sich auf dem aktuellen Stand zu halten. Aber ich gebe zu, dass wir eine strukturelle Fortbildung erst seit wenigen Jahren betreiben. In der Vergangenheit war das der individuellen Einstellung überlassen. Und dass es da Defizite gab, das will ich gar nicht leugnen“, bestätigt Thomas Köhler.

Wissensüberflutung

Am Kölner Institut für Medizinische Soziologie hält man den Ärzte-TÜV für eine gute Idee, fordert als nächsten Schritt aber auch eine Reform des Fortbildungssystems: „Für die Ärzte ist es in der Tat ein Problem, mit der neuen Wissensflut fertig zu werden. Man muss noch mal unterscheiden zwischen Fachärzten und Hausärzten: den schwierigen Job haben die Hausärzte, weil die praktisch in sehr vielen Krankheiten zu Hause sein müssen, und in sehr vielen Krankheiten den Überblick haben müssen, was denn das Neueste auf diesem Gebiet ist. Der Facharzt hat es da einfacher. Er hat einen überschaubaren Bereich und kann daher auch eher Bescheid wissen was es Neues gibt. Das ist eine Herkulesaufgabe“, meint Prof. Holger Pfaff.

Die Kölner Wissenschaftler hatten rund 10.000 Ärzte nach den aktuellen Leitlinien zur Behandlung von Bluthochdruck befragt. Nur 23 Prozent der Befragten konnten korrekt Antwort geben. Ein Ergebnis das selbst die kritischsten Versorgungsforscher überraschte:

„Die Erfahrung bei unserem Test war, dass wir mit passiven Verfahren - wie zum Beispiel dass man die Leitlinien verschickt, auch als CD oder in lesbarer Form - dass das praktisch keinen Effekt hat. Die das bekommen wissen nachher nicht mehr Bescheid als die, die es nicht bekommen“, bilanziert Prof. Pfaff vom Institut für medizinische Soziologie.

Medizinisches Fremdwort "Versorgungsforschung"

Liegt es nun an den Ärzten? Oder am Fortbildungssystem? Oder am immer schnelleren Fortschritt in Forschung und Technik? Für den Arbeitswissenschaftler Wolfgang Friesdorf gilt es, auf seinem Gebiet erst einmal die Fehlerquellen des Systems auszuschalten: „Die Arbeitswissenschaft hat hier eine ganz klare Vorgehensweise, nämlich ein Topmodell. Erstens technische Sicherheit. Wenn die nicht 100prozentig zu gewährleisten ist organisatorische Maßnahmen, und wenn die nicht die Sicherheit gewährleisten, persönliche Ansätze, das heißt Schulung.“

Versorgungsforschung und Arbeitswissenschaft in der Medizin haben in Deutschland noch keine lange Tradition - im Gegensatz zu anderen Ländern wie den USA oder in Skandinavien. Dort hat man schon frühzeitig organisatorische Instrumente zur Versorgungssicherheit entwickelt. In Deutschland herrscht dringender Nachholbedarf.

Thomas Hauer & René Kirschey

Letzte Änderung am: 17.01.2008, 12.05 Uhr

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