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Fernsehen im SWR

Ein Mediziner klagt an Kasse machen statt Heilen

aus der Sendung vom Donnerstag, 6.8.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Im Vergleich zu anderen Ländern steht Deutschland bei keiner einzigen Volkskrankheit besonders gut da. Die Überlebensraten liegen meist nur im Mittelfeld. Und das obwohl wir uns das dritt-teuerste Gesundheitssystem der Welt leisten. Nur die USA und die Schweiz geben noch mehr aus. Die Politik hat deswegen den Krankenhäusern einen Sparkurs verordnet. Mit Rationalisierungen und mehr Wettbewerb sollen sie fit gemacht werden. Das wird dazu führen, dass voraussichtlich ein knappes Drittel der rund 2.200 Kliniken in Deutschland schließen müssen. Die Hoffnung ist, dass dies die Qualität insgesamt steigert. Es wäre notwendig. Ein Insider hat über die wahren Verhältnisse in den Krankenhäusern ausgepackt.

Bis vor kurzem war Doktor Frank König Chefarzt. Doch sein altes Leben in Deutschland hat er verloren. „Aus dem Versuch, den passenden Job zu finden, wurde ein Leben aus dem Koffer“, sagt der Nervenarzt. „Dieser Koffer ist so etwas mein Talisman geworden. Mit dem habe ich die letzten Jahren die deutsche Kliniklandschaft kennen lernen müssen, in der leider zunehmend nicht mehr das Patientenwohl, sondern das Kasse machen im Vordergrund steht.“

Profit statt Fürsorge?

Spricht hier ein gescheiterter Ex-Chefarzt? Oder klagt der Psychiater mit seinem Buch, das er über seine Erfahrungen geschrieben hat, zu Recht deutsche Kliniken an? Die traurige Anklageschrift des ehemaligen Chefarztes Frank König gegen die Betreiber von Kliniken liest sich in Kurzform so: Überlastete Ärzte, erschöpfte Schwestern und Pfleger. Die Ursache für diesen Notstand: Personalmangel - Gerätemangel – Zeitmangel. Der Grund: zunehmende Kosteneinsparung. Das Krankenhaus wird nach Frank Königs Beschreibung mehr und mehr zum knallharten Unternehmen, in dem beim Umgang mit dem Patienten der Profit die Pflege in den Hintergrund drängt.

Gewinner und Verlierer

Professor Gerd Glaeske sieht das anders. Er ist Mitglied im Sachverständigenrat für Gesundheitsfragen und studiert die deutsche Kliniklandschaft seit Jahren: „Mein Eindruck ist, dass die Krankenhäuser vernünftig arbeiten, das aber unter dem neuen Entgeltsystem - das sind ja ganz neue Entgelte, mit denen ganz bestimmte Prozeduren mit einer Pauschale bezahlt werden - es Krankenhäuser gibt, die verlieren und es Krankenhäuser gibt, die gewinnen. Das ist immer das Problem des Wettbewerbs, dass ich Häuser habe, die letzen Endes verlieren werden.“

Was meint er mit jener „Pauschale“, die unsere Krankenhäuser in Gewinner und Verlierer unterteilt? Früher verdiente die Klinik für jeden einzelnen Tag, den ein Patient im Krankenhaus verbrachte, gutes Geld. Heute wird nur noch eine feste Fallpauschale gezahlt. Das bedeutet: nur eine schnelle Behandlung mit möglichst wenig Aufwand an Zeit, Technik und Personal rechnet sich.

„Wenn Sie das mit den Krankenhäusern tun“, meint Frank König, „dann kommen die natürlich an ein Limit, wo Verwaltungsleitungen entscheiden müssen: Wo können wir jetzt Ressourcen einsparen? Das ist ähnlich wie wenn Sie eine Zitrone auspressen, sie dann zurück ins Regal legen und anschließend die Zitrone dafür verantwortlich machen, dass sie nicht mehr verkauft werden kann.“

Die Klinik als Zitrone

Sind solche Klagen wirklich berechtigt? „Ich halte die Klagen für wichtig“, sagt Gesundheitsexperte Glaeske. „Die Klagen sind immer Signale. Wo Klagen auftreten ist irgendwas nicht in Ordnung. Und das ist auch etwas, was wir den Krankenhausträgern vorwerfen müssen: Sie müssen auf diese Klagen hören. Ein Arzt wird nicht ohne Grund bestimmte Missstände anprangern.“

Ist der Psychiater Frank König aber ein Einzelfall, oder beschreibt er die typische Situation vieler Krankenhäuser, die dem Wettbewerb nicht mehr gewachsen sind? Aus Sicht von Frank König jedenfalls wurden die Folgen der wettbewerbsbedingten Kosteneinsparung in seinen Häusern deutlich. „In einer Klinik, in der ich leitend tätig war, führte das dazu, dass trotz aller Warnungen der verantwortlichen Ärzte die internistische Fachkompetenz zeitweise nicht vorhanden war, aber der Krankenhausträger von uns verlangte, Chemotherapiepatienten aufzunehmen und zum Teil dann Praktikantinnen beziehungsweise Medizinstudenten am Ende der Ausbildung quasi Stationsarztfunktionen ausführen mussten. Und das halte ich für eine ganz tragische Entwicklung: nur um den Preis, Betten auszulasten, Menschenleben in Gefahr zu bringen.“

Seine Erfahrungen machte Frank König in einer Rehabilitations-Klinik. Also dort, wo normalerweise keine Akutfälle behandelt werden. Doch der Zwang zur Kostersparnis trieb behandlungswürdige Menschen wie jene Chemotherapie-Patientin nach seiner Meinung in den Rehabilitations-Bereich. Sind frühzeitige Verschiebungen Einzelfälle oder die Regel?

„Wir werden das immer haben“, glaubt Gerd Glaeske, „und wir werden das sicher auch behalten. Weil es sicherlich auch Situationen gibt, in denen Patientinnen und Patienten nicht in hochspezialisierten Stationen in einem Krankenhaus weiter liegen müssen, sondern dann der Hotelbetrieb dazukommt. Es soll jemand betreut werden, fachlich betreut werden, qualitativ hochwertig betreut werden. Aber er muss dann nicht in einem teuren Bett in einer Intensivstation liegen, sondern das kann auch irgendwo anders passieren."

Billigere Medikamente mit größeren Nebenwirkungen

Auch Dr. Gerhard Schell war Chefarzt. Inzwischen hat er sich selbständig gemacht. Auch er ist aus dem Krankenhaussystem ausgestiegen, wollte nicht mitmachen, was in seinen Kliniken unter dem Slogan ‚Einsparung’ passierte. Als Beispiel nennt der Kollege von Frank König den Umgang mit der Vergabe von Medikamenten. Gerade bei psychischen Leiden seien häufig teure Präparate notwendig, doch auf Kosten des Betroffenen werde hier nur allzu oft gespart: „Medikamentenbudgets sind so bemessen, dass Patienten nicht nebenwirkungsärmere Präparate bekommen und das, finde ich, ist ein Unding, das ist ein Skandal.“

Veränderung der Krankenhaus-Landschaft

Dr. Frank König und Dr. Gerhard Schell. Stellvertreter für alle, die das Streben nach Profit anklagen das Kliniken in Gewinner und Verlierer aufteilt aus Gründen der Kosteneinsparung. Wann endet das Wettbewerbs-Drama in unseren Krankenhäusern? „Wenn man jetzt ’mal perspektivisch denkt, dann denke ich schon, dass sich das Ganze innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre konsolidiert haben wird. Ich werde die Krankenhauslandschaft - ich sage das mal so ausdrücklich - bereinigt haben, auch um Häuser die nicht mehr mitkommen, die auch jetzt schon im Grunde genommen gegenüber den Patienten keine vernünftige Qualität abliefern können. Das haben wir heute, das müssen wir einfach konstatieren. Und insofern wird sich die Krankenhauslandschaft in Richtung Qualität und Effizienz verändern. Das wird sicher die nächsten fünf bis zehn Jahre dauern, aber mein Eindruck ist, dass das eine Veränderung ist, die für das System und für den Patienten gut ist.“

Doch das Qualitätskrankenhaus ist noch Zukunft. Für die Gegenwart gilt: Solange sein anklagendes Buch der einzige Erfahrungsbericht eines Arztes bleibt, ist Frank König ein wirkungsloser Außenseiter.

Axel Wagner

Letzte Änderung am: 17.01.2008, 11.28 Uhr