aus der Sendung vom Donnerstag, 6.8.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
In Deutschland darf immer noch jeder Arzt die Operationen durchführen, die er sich zutraut. Eine sogenannte Mindestfallzahl, die nur geübte Ärzte an schwierige Fälle lässt, gibt es nicht. Dieser Punkt wurde bei der Gesundheitsreform von der Deutschen Krankenhausgesellschaft gekippt. Gesundheitsexperten wie Karl Lauterbauch sagen, dies würde Tausenden von Menschen jedes Jahr das Leben kosten. Und es sorgt wohl auch dafür, dass sehr viele Menschen völlig unnötig unter dem Skalpell landen. Beispielsweise für eine Gallenblasenoperation.
In der Medizin ist immer mehr möglich. Fast kein Jahr ohne neue medizinische Errungenschaften, die - kaum entdeckt - schnell in den Alltag einer Klinik integriert werden. Manchmal allerdings zu schnell und vor allem zu oft.
Die Einführung der Schlüssellochchirurgie, der Laparaskopie, Anfang der Neunziger Jahre hat das Operationsverhalten weltweit verändert. Organentfernungen durch diese Methode wurden plötzlich zum minimal-invasiven Eingriff heruntergestuft, ihre Risiken verharmlost. Deutlich zu sehen am Beispiel der Gallenblase, die an der Spitze der Schlüsselloch-Operationen steht. Die Erwartungen sind gewaltig. Schonende Operationen, d.h. minimale Einschnitte in die Bauchdecke, kürzere Krankenhausaufenthalte, kürzere Genesungsdauer. Eine neue Ära der Chirurgie.
Doch dann passiert etwas, womit keiner gerechnet hat: die Operationszahlen steigen an. Bei Gallenblasen beispielsweise um mehr als 100 Prozent, von damals 80.000 auf heute 190.000. Was ist passiert? Essen die Leute fettreicher und bekommen deshalb plötzlich mehr Gallensteine? Eine unwahrscheinliche Erklärung.
Wir forschen nach und fahren zu Eva Bitzer in das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung nach Hannover. Eva Bitzer hat im Auftrag der Bundesregierung die Praxis der Gallenoperationen in Deutschland untersucht. Das Ergebnis hat auch sie überrascht: „Wir haben die Patienten circa zwei Wochen vor und nach der Operation, und ein halbes Jahr später befragt. Vor der Operation haben wir unter anderem gefragt: ‚Warum lassen Sie sich operieren, was ist für Sie ausschlaggebend?’ Und interessanterweise ist für circa die Hälfte der Patienten ein ernsthaftes Symptom wie einer Gallenblasenentzündung oder eine Gallenkolik ausschlaggebend. Die andere Hälfte der Patienten - nun da sind Patienten darunter, die haben verschiedene Beschwerden wie eine Fettunverträglichkeit, Appetitlosigkeit, Völlegefühl, Blähungen. Aber es ist auch ein gewisser Teil unter diesen Patienten die nur Gallensteine haben und über keinerlei sonstige Beschwerden berichten.“
Appetitlosigkeit, Völlegefühl, Blähungen sind nach Aussage der Ärzte kein Grund sich operieren zu lassen. Und Gallensteine alleine auch nicht. Jeder vierte Deutsche hat Gallensteine. Da kommt der Verdacht auf, dass etwa die Hälfte dieser Eingriffe ohne Notwendigkeit vorgenommen wurden – vorsorglich, sozusagen. Doch wenn das stimmt, warum ist das so?
Professor Jörg Rüdiger Siewert, der Ärztliche Direktor des Heidelberger Universitätsklinikums, kennt einige der Gründe und sie gefallen ihm nicht. Auf der einen Seite möchte er sich vor die Ärzteschaft stellen, sagt dann aber: „…auf der anderen Seite muss man sehen, dass Medizin immer auch ein Markt ist, und Chirurgie allemal. Und es gibt Krankenhäuser und es gibt Chirurgen, die die Aufgabe haben zu operieren. Und die Krankenhäuser leben davon, dass in diesen Krankenhäusern auch operiert wird. Insofern können natürlich schon gelegentlich auch solche Überlegungen in eine Indikationsstellung eingehen.“
Eine der möglichen Überlegungen. Aber was ist mit den Patienten selbst? Lassen sie sich eher zu einer Operation überreden, weil sie glauben der Eingriff sei harmlos und ohne Risiko?
Gabriele Schäfer-Kuhlke wurde gerade aus dem Krankenhaus entlassen, nachdem ihr die Gallenblase entfernt wurde. Ernsthafte Beschwerden hatte sie nicht. Trotzdem wurde ihr zu der Operation geraten. Sie erzählt: „Der Gallenstein wurde bei einer Routineuntersuchung festgestellt und der behandelnde Gastroenterologe hat gesagt: ‚Rausmachen lassen. Der kann sich mal entzünden, kann bösartig werden, das muss ja nicht unbedingt sein.’ Mein Hausarzt hat dasselbe gesagt. Wenn man ein bisschen Beschwerden hat, und ich hatte immer so ein ganz leichtes Ziepen und ein bisschen Übelkeit nach dem Essen, hat auch gesagt: rausmachen lassen. Und dann war ich bei der Betriebsärztin, und die hat auch gesagt: ‚Rausmachen lassen, ist einfach besser.’ Und dann ist man ja mal unterwegs, man ist im Urlaub, und dann hat mein Hausarzt gesagt er hat schon erlebt, dass die Leute ’ne Sepsis haben, die sich in Frankreich haben operieren lassen. Das ist ja alles nicht so einfach im Ausland. Und deswegen wollte ich das einfach erledigt haben.“
Prof. Siewert kann das nicht gutheißen: „Ein Gallensteinträger ohne Beschwerden ist eigentlich in der klassischen Indikation kein Fall für die Operation. Das muss man einfach ’mal sagen. Die Indikation wird heute vielleicht ein bisschen locker gesehen, weil der Preis geringer ist. Man kann das leichter machen. Trotzdem darf eigentlich ein Chirurg von den klassischen Regeln der Indikationsstellung nicht abweichen.“
Denn auch die Schlüssellochchirurgie birgt Risiken. Zwar führen nur kleine Rohre durch die Bauchdecke, aber danach unterscheidet sich die Entfernung der Gallenblase kaum von der offenen Operation und dauert ihre Zeit.
Prof. Markus Büchler, Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg, nennt klare Regeln, wann operiert werden soll und wann nicht: „Wir sollten Patienten an der Gallenblase nur operieren, wenn sie klare Symptome haben. Die eine Symptomgruppe sind die Koliken. Sie treten im rechten Oberbauch meistens nach dem Essen auf. Patienten merken, das ist eine Gallenkolik. Sie haben ganz typische Beschwerden. Die zweite Beschwerdegruppe ist die Entzündung der Gallenblase. Hier kommt es zu Fieber, Schüttelfrost und einem dumpfen Schmerz im rechten Oberbauch. Das sind die beiden Hauptgruppen (bei denen) man Gallenblasen entfernen sollte.“
Alles andere geschieht ohne Indikation und rechtfertigt keine Operation. Auch eine Schlüssellochoperation ist kein kleiner Eingriff. Er geschieht unter Vollnarkose und die birgt Gefahren wie zum Beispiel Schlaganfall, Lungenentzündung und Thrombosen, um nur einige zu nennen. Risiken, die man nicht leichtfertig eingehen sollte - vor allem, wenn es eigentlich gar keinen Grund für eine Operation gibt.
Letzte Änderung am: 17.01.2008, 10.43 Uhr