aus der Sendung vom Donnerstag, 23.7.2009 | 22.15 Uhr | SWR Fernsehen
Die bislang älteste Frau der Welt, Jeanne Calment , wurde 122 Jahre alt. Mit 100 fuhr sie noch Fahrrad und das Rauchen gab sie erst mit 119 auf. Jeanne Calment war vor allem schlank. Und das fällt an allen Hochbetagten auf: Dicke sucht man da vergeblich. Müssen wir also nur dauerhaft Kalorien sparen um alt zu werden?
Die Wissenschaftler halten das gar nicht für so abwegig. Auch Morton Schatzmann glaubt daran und lebt seit 16 Jahren streng kalorienreduziert. Der 71jährige zeigt uns den Inhalt seines Gefrierfachs: "Das ist gefrorener Lachs. Und hier eine Gemüsemischung. Außerdem hab ich hier Blattgemüse. Dazu kommt Kohl und etwas Tomate, etwas rote Beete. Rote Trauben, die ich einfriere, Blaubeeren, Johannisbeeren. Und oben drauf Magerjoghurt. Das ist wirklich lecker!"
Morton Schatzman schwört auf die Niedrigkaloriendiät
Der Kühlschrankinhalt ist exotisch. Der Kühlschrankbesitzer irgendwie auch. Morton Schatzmann lebt streng kalorienreduziert. Angefangen hat seine Diät vor gut 16 Jahren. Damals war er Mitte Fünfzig und litt an einer Atemwegserkrankung: "Ich fühlte mich nicht gut und ich merkte, dass ich eines Tages sterben werde. Ich erinnerte mich an das, was ich über Kalorienreduktion wusste und entschied: ich möchte länger leben. Also fing ich mit meiner kalorienreduzierten Diät an."
Weniger essen und so länger leben. Der amerikanische Arzt Roy Walford machte diese Idee populär. Bei Versuchen mit Mäusen hatte er festgestellt, dass diese deutlich länger leben, wenn sie weniger zu essen bekommen. Im Jahr 1991 konnte er dann – mehr durch Zufall - seine Theorie während des Projektes "Biosphäre 2" am Menschen erforschen. Zwei Jahre lang versorgten sich die Teilnehmer in einer künstlich geschaffenen Welt selbst. Doch anders als geplant reichte der Ertrag aus dem Eigenanbau nicht aus. Die Teilnehmer litten ständig unter Hunger. Trotzdem stellte der Dr. Walford eine frappierenden Verbesserung ihres Gesundheitszustands fest. Aus den Erkenntnissen seiner Hungerforschung entwickelte er eine Niedrigkaloriendiät, nach der auch Morton Schatzman lebt.
Ihm ist die Diät von Anfang an leicht gefallen: "Ich fand es nicht schwer, keine Desserts zu haben, oder Kekse, oder Strudel, oder Cremetorten. Ich fand es eigentlich einfach. Es gibt Menschen, die sagen: wenn ich so was nicht haben kann, dann kann ich nicht leben. Aber für mich ist das nicht wichtig."
Täglich dreißig Prozent weniger Kalorien als empfohlen
Der in London lebende Psychiater ist seit Jahrzehnten verheiratet. Seine Frau hat den Wechsel zur neuen Diät miterlebt. Sie teilt seine Essgewohnheiten allerdings nicht. Was aussieht wie ein idealer Konflikt, wurde mit Hilfe eines zweiten Kühlschranks gelöst. Und den zeigt der lebhafte kleine Mann genau so gerne wie seinen: "Hier drin sind Lebensmittel, die ich nicht esse. Das ist reifer Käse. Gelegentlich frag ich mal, ob ich ein Stückchen Käse haben kann. Aber normalerweise gehe ich nicht an ihren Kühlschrank. Und seht her, das hier? Das ist absolut verboten: eine Pilz- und Schinken Pizza. Das geht gar nicht."
Er lacht, doch wenn man auf mögliche Nebenwirkungen zu sprechen kommt, wird er etwas ernster: "Meine Frau sagt immer zu mir, wenn ich mal nicht einschlafen kann, oder wenn ich keine Lust auf Sex habe, oder wenn ich friere, oder müde bin, dann sagt sie: ‚Dein Problem ist, du isst nicht genug.’ Aber sie will mich nur aufziehen".
Morton Schatzman isst täglich dreißig Prozent weniger Kalorien als normalerweise empfohlen. Sein Speiseplan sieht dann in etwa so aus: Morgens ein Beerensalat. Mal mit, mal ohne Joghurt. Mittags eine große Hand voll Gemüse, gegart. Dazu Bohnen, wegen der Proteine und vielleicht ein Schuss Olivenöl. Das ist erlaubt. Zwei bis dreimal die Woche auch etwas Fisch. Ganz wichtig seien die Gewürze. Ohne wäre es doch etwas hart. Aber mit, einfach köstlich! Über den Tag verteilt kommt dann Obst dazu, etwa fünf Stück. Und Nüsse für zwischendurch. Es sieht tatsächlich alles sehr lecker aus. Um allerdings Mangelerscheinungen auszugleichen hat Schatzman noch jede Menge Nahrungsergänzungsmittel in seinem Kühlschrank.
Weniger Kalorien bedeuten weniger ernährungsbedingte Krankheiten
Die Theorie der lebensverlängernden Hungerkur fasziniert auch deutsche Forscher, etwa den Präventionsmediziner Christoph Bamberger. Doch der Wissenschaftler hält sich erst einmal an die Fakten: "Wir haben tierexperimentelle Daten, vor allem aus Nagetierversuchen, wo wir wissen, dass eine leichte Reduktion der Kalorienzufuhr dazu führt, dass diese Tiere bis zu 30 Prozent Lebenszeit mehr haben, also tatsächlich länger leben." Doch was bedeutet das Glück dünner, und das Pech dicker Mäuse für andere Tiere oder gar den Menschen?
Immerhin: Erste Versuche mit Primaten scheinen diese lebensverlängernde Wirkung eines Hungerdaseins zu bestätigen. Alterungsprozesse im Gehirn sind seltener, die Blutwerte der Versuchsäffchen hervorragend, wie auch Bamberger weiß. Insulin und Blutzucker seien niedrig und auch der Blutdruck sei geringer als bei normalen Tieren: "Wir haben weniger oxidativen Stress. Und wenn wir die Hormone messen, die als Altersmarker dienen, zum Beispiel DHEA oder das Melatonin, die bleiben länger hoch bei Tieren, die weniger Kalorien bekommen haben."
Weniger Kalorien bedeuten also weniger ernährungsbedingte Krankheiten. Das gilt auch für den Menschen. Doch leben Menschen dann auch länger? Christoph Bamberger ist zurückhaltend: "Das ist beim Menschen nicht bewiesen. Entsprechende Experimente wären auch schwer durchführbar, weil: sie würden sehr lange dauern und der Forscher würde darüber selbst versterben."
Das Gewicht wird täglich kontrolliert
Tatsache ist, dass die Tiere aus den Tierversuchen schon als junge Tiere auf Diät gesetzt werden. Bei Menschen dürfte das schwer vertretbar sein. Es gibt also noch viele offene Fragen, zumindest was die Wirkung der Kalorienreduktion auf den Menschen angeht. Das weiß auch Morton Schatzman. Er glaubt trotzdem an sein Diät-Programm und hält sich zusätzlich fit. Seine Blutwerte sind top. Bei einer Größe von 1,65 Meter wiegt er nur knapp 53 Kilo. Das ist ein Body-Mass-Index von 19. Eindeutig Untergewicht.
Doch das will erst mal gehalten werden. Schatzman hat dafür sein Ritual: "Ich wiege mich jeden Tag! Das mach ich jeden Morgen. Und dann weiß ich, ob ich mehr am vorigen Tag gegessen habe als ich wollte. Zum Beispiel, wenn ich zum Essen aus war. Und wenn ich dann feststelle, dass ich ein oder zwei Pfund zugenommen habe, dann esse ich weniger". Dem Psychiater Schatzman ist bewusst, dass so ein Verhalten ein bisschen besessen wirkt. Doch er gönnt sich diese Schrulle.
Doch was, wenn er krank wird und deshalb nicht länger lebt? "Wenn ich zurück auf mein Leben schauen müsste, dann würde ich nicht sagen, dass ich einen wichtigen Genuss vermisst hab, bloß weil ich keine Kuchen, Torten oder fettes Essen hatte. Da gibt es eine Menge anderer Dinge, von denen ich mir wünsche, ich hätte mehr davon gehabt. Aber nicht das. Ich würde mir vielleicht wünschen mehr Bücher geschrieben zu haben, oder besseren Unterricht gegeben zu haben, oder meine Patienten besser behandelt zu haben. Oder vielleicht in jungen Jahren mehr Frauen gehabt zu haben. Aber ich glaube nicht, dass ich Essen vermissen würde!" Morton Schatzman lacht laut, wohl weil ihm einfällt, dass er da noch eins draufsetzen kann: "Und wenn es passiert, dass ich sterbe, dann passiert es eben. Da gibt es doch nichts, was ich da tun könnte."
Vielleicht kann man von Schatzman nur bedingt lernen, wie man mit wenig essen lange leben kann. Doch eins ist sicher: er hat gelernt, sich dem älter werden auf seine Weise zu stellen.
Letzte Änderung am: 14.12.2007, 18.22 Uhr