aus der Sendung vom Donnerstag, 13.12.2007 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Nicht nur in deutschen Krankenhäusern scheint man das Hygieneproblem nicht ganz ernst zu nehmen - in Großbritannien sieht es ähnlich aus. Weil dort die Probleme sogar noch größer sind, will der britische Gesundheitsminister jetzt sogar die Arztkittel verbieten.
Denn die seien zwar prima für das Image der ‚"Götter in Weiß", und auch das Namensschildchen mit Titel lässt sich gut daran befestigen, ansonsten aber seien Arztkittel echte Keimschleudern: weiß zwar, aber keineswegs rein. Ärzte trügen sie eben gerne überallhin spazieren - ob Kantine oder Toilette. Ohne Kittel keine Arzt. Müssen die Kittel also tatsächlich verschwinden, oder würde es reichen, sie hin und wieder zu waschen?
Es wimmelt von Krankheitserregern
Auch in Deutschland sehen Hygieneexperten wie Dr. Constanze Wendt vom Hygiene-Institut der Universität Heidelberg den Kittel "wenn er schon ein paar Tage getragen ist, eher sehr skeptisch. Ein frischer Kittel ist in Ordnung, wenn er frisch aus der Wäscherei kommt. Aber wenn man ihn ein paar Tage anhatte, und von Patient zu Patient gegangen ist, dann ist er sicherlich ein Quell für diverse Keime."
Der äußere - reine - Schein trügt. Untersuchungen des Kittels in England zeigen: Er ist eine richtige Dreckschleuder. Auf ihm wimmelt es von Krankheitserregern, die von einem Patienten zum anderen getragen werden.
Vor allem der Eitererreger Staphylococcus aureus bereitet den Forschern Sorge: Viele seiner Stämme reagieren nicht mehr auf Antibiotika. Eigentlich müssten die Mittel das Wachstum der Keime verhindern. Stattdessen wuchert der Erreger ungehemmt weiter. Das bestätigt auch Prof. Klaus Heeg von der Uni Heidelberg: "In den letzten Jahren nimmt die Rate der resistenten Keime zu. Auch in Deutschland. Man sieht in der europäischen Vergleichskarte, dass vor allem in Südeuropa die Rate in der Zwischenzeit schon an die 50 Prozent der Staphylococcus aureus-Stämme ausmacht, die resistent sind. In Deutschland sind es nur etwa 24 Prozent in diesem Jahr. So dass wir hier also zunehmend ein großes therapeutische Problem besitzen, weil Antibiotika nicht mehr eingesetzt werden können, und die Reserveantibiotika zunehmend teuerer sind."
Soll der Arztkittel abgeschafft werden?
Der Lösungsvorschlag der Briten: Schaffen wir den Kittel doch einfach ab! Die normale Alltagkleidung tut’s ja schließlich auch. Der moderne Arzt in Jeans und kurzärmeligem Hemd. Und ohne Armschmuck, versteht sich. Denn so lassen sich die Hände besser desinfizieren. Ein Zukunftsmodel auch für Deutschland?
Dr. Constanze Wendt: "Ich bin natürlich dafür, dreckige Kittel abzuschaffen. Nur: was ist die Alternative? Die Alternative ist sicherlich nicht, ein ungewaschenes Hemd zu tragen. Sondern man muss sich dann überlegen: was hat man statt dessen? Also für mich bräuchte man keinen Kittel, auf dem groß "Arzt" steht. Mir wäre viel lieber ein Kittel, der dem Patienten zugeordnet ist, und ich nehme den Kittel nur dann, wenn ich zu dem einen Patienten gehe, aber nie von einem Patienten zum nächsten mit."
Infektionsüberträger. Hände
Doch das kostet natürlich. Schließlich müssten alle diese extra Kittel regelmäßig gereinigt werden. Mit Personal und Gerät käme da schon einiges an Extrakosten für so einen patientenbezogenen Kittel zusammen. Da ist es natürlich nahe liegender, infizierte Patienten teuer zu behandeln…Nun ja. Wie gut, dass es noch eine weitere Anregung gibt, den Klinikalltag zu erleichtern, meint Dr. Constanze Wendt: "Nach wie vor der wichtigste Infektionsüberträger ist nicht der Kittel, das sind die Hände. Und da kann ich präventiv tätig sein, indem ich die Hände regelmäßig desinfiziere - nach jedem Patientenkontakt."
Na, dann ist ja alles gut. Händewaschen sollten unsere Ärzte doch wohl hinbekommen. Hauptsache der Arztkittel und seine heilende Aura bleiben uns in Deutschland erhalten. Damit wir auch in Zukunft unseren Arzt auf den ersten Blick erkennen.
Lena Ganschow
Letzte Änderung am: 12.12.2007, 14.51 Uhr