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Fernsehen im SWR

VerbraucherschutzDickmacher Fructose

"Keine Diskriminierung von Lebensmitteln", diesen Spruch der Industrie hat sich Verbraucherminister Seehofer zu eigen gemacht. Wir von Odysso sind allerdings ganz anderer Meinung: Wir brauchen eine Diskriminierung von Lebensmitteln.

Es kann nicht sein, dass die Kassen einerseits pro Jahr über eine halbe Milliarde Euro für die Behandlung von Fettleibigkeit, und bis zu 25 Milliarden Euro für den Diabetes und seine Begleiterscheinungen ausgeben, gleichzeitig viele engagierte Programme für gesunde Ernährung laufen, aber andererseits die Lebensmittelbranche uns - und vor allem viele Kinder - mit Halbwahrheiten und Verschleierungstaktik verführt. Das Mindeste ist, dass die Wahrheit klar und erkennbar auf der Packung steht. Und: es braucht Aufklärung. Zum Beispiel bei dem angeblich gesunden Fruchtzucker. Weil der Kristallzucker in Verruf geraten ist, werden viele Lebensmittel mit Fruchtzucker gesüßt. Was aber so gesund klingt, hat es in sich:


Apfelsaft hat’s in sich

Der Ernährungspsychologe Dr. Thomas Ellrott hat mit Apfelsaft so seine Probleme - wenn wir zu viel davon trinken. Denn in nur einem Liter Saft steckt jede Menge Zucker. So viel wie in zehn Äpfeln. Aber wer bitte isst schon zehn Äpfel täglich? „Es ist sicherlich für den Verbraucher sehr schwierig, zehn Äpfel am Tag auf einmal zu essen. Das tut praktisch niemand. Und selbst wenn, wäre man danach so satt, dass man nicht noch einmal zehn Äpfel essen könnte. Genau umgekehrt ist es aber beim Apfelsaft. Der Apfelsaft selbst macht nämlich im Verhältnis viel weniger satt, so dass es ein leichtes wäre, einen Liter oder auch zwei über den Tag verteilt zu trinken und dann summiert sich die Fruchtzuckermenge derart, dass das dann schon mal Probleme machen kann“, so der Experte. Denn zu viel Fruchtzucker macht dick! So viel zum Saftproblem. Aber wie sieht es mit Cola und Co. aus?


Machen auch Softdrinks den Menschen dick?

Mäuse sollen helfen, diese Frage zu beantworten. Prof. Annette Schürmann vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung will mit ihren Labortieren beweisen, was von der Industrie nur allzu oft bestritten wird. Dass nämlich vor allem der Genuss von Softdrinks bei Groß und Klein zu erheblichem Übergewicht führen kann, „Vorreiter sind die USA, da ist es schon vor vielen Jahren aufgefallen und es nimmt kontinuierlich zu. Aber inzwischen ist es auch in Europa so, dass die Allgemeinbevölkerung dicker geworden ist und dass auch das Ausmaß der Adipositas zugenommen hat. Und eine der Ursachen könnte der erhöhte Fructosekonsum sein.“


Acht Wochen Softdrinks gratis

Um diese Vermutung wissenschaftlich zu bestätigen, erhalten die Labormäuse acht Wochen lang Softdrinks gratis. Außerdem erhält eine andere Mäusegruppe eine reine Fructose-Lösung. Mit ihr soll festgestellt werden, ob tatsächlich der Fruchtzucker als alleiniger Dickmacher in Frage kommt. Wenn die Stellvertreter des Menschen tatsächlich dadurch dick werden, wäre das der erste wissenschaftliche Beweis, um den Verbraucher vor übermäßigem Konsum der fructosehaltigen Softdrinks warnen zu können.


Steckbrief Fructose

Doch was ist diese Fructose eigentlich für ein Stoff, der Mäuse und Menschen angeblich dick macht? Fructose oder Fruchtzucker ist natürlicher Bestandteil von Früchten. Und trotzdem hat unser Körper mit diesem Biozucker ein Problem: wir können Fructose nicht richtig aufnehmen. Dies liegt an ihrer Struktur. Anders die Glucose. Der Traubenzucker ist für uns besser verträglich als die Fructose. „Der große Unterschied zwischen Glucose und Fructose ist, dass die Fructose, anders als die Glucose, in der Leber in Form von Fett gespeichert wird“, erklärt Anette Schürmann.

Nimmersatt nach vier Wochen

Haben die Fructose-Mäuse Fett gespeichert? Mittlerweile sind vier Wochen vergangen, Halbzeit für den Versuch. Und schon zeigt sich ein erstes Ergebnis: Einige Mäuse haben sich zu einem wahren Nimmersatt entwickelt. Sie trinken und trinken und trinken. Sind die angeblichen Durstslöscher in Wirklichkeit Dursterzeuger aufgrund ihres Fructoseanteils? „Ja, der große Nachteil von Fructose ist, dass dieser Zucker, anders als die Glucose, kein Sättigungsgefühl auslöst im Körper. Wird Glucose aufgenommen, kommt es zur Ausschüttung von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse und das Insulin selbst vermittelt in unserem Gehirn das Signal ’wir sind satt, wir müssen nicht noch mehr Nahrung zu uns nehmen’ “, erklärt die Pharmakologin Schürmann.

Fructose dagegen macht nicht satt. Ein großer Vorteil - nicht für die Mäuse, sondern für die Menschen, die mit Fructosehaltigen Getränken Gewinne machen. Fructose ist kaum noch wegzudenken aus unseren Supermärkten. Das betrifft nicht nur Getränke, auch in anderen Lebensmitteln ist die Fructose der Süßungsstoff Nummer eins. Prof. Schürmann: „Der Grund, warum die Frutosekonzentration in unseren Nahrungsmitteln angestiegen ist, liegt daran, dass die Fructose für die Industrie günstiger ist. Sie hat nämlich drei Vorteile: Sie ist süßer - sie schmeckt süßer als Glucose - sie ist länger haltbar und günstiger.“ Denn Fructose wird massenhaft aus Mais gewonnen. Ein günstiges Industrieprodukt für billige Getränke.


Günstiger Zucker für billige Getränke

Nach acht Wochen dann der Tag der Entscheidung. Wie hat sich die süße Kost auf die Mäuse ausgewirkt? Das Fazit lautet: Aus normalen Mäusen wurden fette Mäuse. Die Fructosemäuse zeigen zehn Prozent mehr Körpergewicht. Und das lässt nur einen Rat zu, meint Annette Schürmann: „Ich würde auf jeden Fall der Bevölkerung raten, wenn es irgendwie geht auf Softdrinks zu verzichten oder zumindest weniger süße Getränke zu konsumieren.“

Denn was für Mäuse gilt, gilt auch für den Menschen: die Fructosedosis aus dem Supermark macht dick und durstig.


Axel Wagner

Alle Sendetermine:
13.12.2007, 22.00 Uhr, Odysso - Wissen entdecken, SWR Fernsehen

Letzte Änderung am: 12.12.2007, 14.16 Uhr

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