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Vom "weißen Gold" zur Massenware Zeitreise: Die süße Droge Zucker

aus der Sendung vom Donnerstag, 13.12.2007 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

34,3 Kilogramm. Soviel Zucker verbraucht ein Durchschnittsdeutscher heute pro Jahr. Weit mehr als die Hälfte aller industriell hergestellten Lebensmittel enthalten Zucker. Zucker ist für uns selbstverständlich geworden. Doch woher kommt er ursprünglich eigentlich?

Die Geschichte des Zuckers beginnt in der pazifischen Inselwelt, genauer in Melanesien. Vor etwa zehntausend Jahren züchten die Einheimischen dort aus wildwachsenden Gräsern das Zuckerrohr und pressen daraus einen nahrhaften Saft. Das Zuckerrohr wird auch am Stück gegessen und dient als Proviant bei Fahrten über das Meer. So ist er vermutlich auch aufs Festland, nach Indien, gelangt.

Vom Saft zum Kristallzucker

Lange bleibt Indien das Zentrum der Zuckerproduktion, bis das Zuckerrohr von hier in die arabische Welt gelangt. In Persien wird um das Jahr 500 nach Christus eine Methode entwickelt, um Kristallzucker herzustellen. Dazu wird kochender Zuckerrohrsaft in ein kegelförmiges Ton- oder Holzgefäß eingefüllt. Durch eine Öffnung in der Kegelspitze läuft die Flüssigkeit ab. Zurück bleibt der feste Zucker, in der typischen Form des Zuckerhutes. Erst 500 Jahre später, also um das Jahr 1000, bringen die Kreuzritter den Zucker nach Europa.

Die Sklaverei

Das Zuckerrohr wird in den warmen Gebieten Europas angebaut, unter anderem auf den kanarischen Inseln. Von dort aus bringt es Christoph Columbus auf seiner zweiten Fahrt, 1493, nach Südamerika. Für den Anbau der Pflanze ist das Klima in der Neuen Welt ideal. Schnell wird die Karibik der wichtigste Standort der Zuckerindustrie. Doch schon bald kommen die lokalen Arbeitskräfte mit der Plantagenarbeit nicht mehr hinterher.

Es beginnt das wohl dunkelste Kapitel der Zuckerproduktion: die Sklaverei. In einem Dreieckshandel werden Gewehre und Alkohol von Europa nach Afrika geschifft und Menschen von Afrika nach Südamerika, um dort auf den Plantagen unter unmenschlichen Bedingungen Zuckerrohr abzubauen, das wiederum nach Europa transportiert wird. Insgesamt werden schätzungsweise 40 Millionen Menschen über den Atlantik verschleppt. Gerade einmal 15 Millionen von ihnen überleben den Transport.

Zucker gehört den Reichen

Im siebzehnten Jahrhundert kann sich nur der Adel Zucker leisten. Ein Kilogramm kostet so viel wie hundert Kilogramm Weizen. Aufbewahrt wird der Zucker in repräsentativen Schatullen aus Silber und Gold. Es ist chic, neu eingeführte Produkte, wie den Kaffee aus Übersee, gesüßt zu sich zu nehmen. Auch Leckereien wie Pralinen oder Kuchen werden nun in wohlhabenden Häusern zum Nachmittagskränzchen gereicht. Neben neuen Getränken, wie der Limonade, entsteht durch den Zucker auch ein ganz neuer Beruf: der Zuckerbäcker.

Anders als die Lebküchler, die braunes Gebäck herstellen, widmen sie sich von nun an den weißen Leckereien. Adelige, die es sich leisten können, lassen raffinierte Kunstwerke aus Zucker anfertigen, die sie vor Besuchern zur Schau stellen. Für die aufwendigen Arbeiten kassieren die Zuckerbäcker oft das Gehalt eines Ministers.

Zucker wird auch als Medizin eingesetzt. Er soll etwa bei Schwindel und Fieber helfen, Leber, Nieren und Magen stärken, die Schwindsucht bekämpfen, Wunden heilen, Blut und Augen reinigen sowie kühlend und beruhigend wirken. So ist es vielleicht auch zu erklären, dass das gemeine Volk Zucker nur in der Apotheke bekommt. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt in dieser Zeit gerade einmal bei 20 Gramm im Jahr. Die meisten Menschen süßen weiterhin mit Honig.

Rübenzucker macht’s

Dass auch die Runkelrübe Zucker enthält, entdeckt 1747 Andreas Sigismund Marggraf. Sein Schüler, Franz Carl Achard, schafft schließlich die Grundlagen für die industrielle Zuckerproduktion und präsentiert seine Forschungsergebnisse dem preußischen König, Friedrich Wilhelm dem Dritten. Mit dessen finanzieller Unterstützung wird 1801 die weltweit erste Rübenzuckerfabrik im schlesischen Cunern gebaut. Es folgen weitere Fabriken in Deutschland, Österreich, Ungarn und Frankreich. Von nun an stehen Rüben- und Rohrzucker in Konkurrenz zueinander.

Als die Briten 1806 in einer Seeschlacht die spanische und französische Flotte vernichten, verbietet Napoleon es britischen Schiffen, vor der Küste Frankreichs vor Anker zu gehen. Dadurch wird die Importkette aus Übersee unterbrochen. Der daraus resultierende Zuckermangel bescheunigt die Entwicklung der industriellen Rübenzuckerproduktion. Hunderte von britischen Handelshäusern müssen Konkurs anmelden. Viele europäische Länder können sich schnell eigenständig mit Zucker versorgen. Der Zuckerpreis fällt dramatisch, und das ehemals „weiße Gold“ wird zum täglichen Bedarfsgut.

Zucker im Dritten Reich

Im zweiten Weltkrieg ist Zucker, wie alle Lebensmittel, stark rationiert und oft nur auf dem Schwarzmarkt zu bekommen. Zucker ist auch deshalb so knapp, weil seine Melasse für die Herstellung des Giftgases Zyklon B benötigt wird. Millionen von Juden werden damit in den Gaskammern des Deutschen Reiches ermordet.

Bis 1949 bleibt Zucker eine Rarität. Doch schon in den fünfziger und sechziger Jahren ist er aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Er kommt einfach überall mit hinein - ob in den Obstsalat oder den Babybrei. Doch das süße Wohlstandleben bleibt nicht ohne Nebenwirkungen: verbreitet treten Karies und Diabetes auf.

Lena Ganschow

Letzte Änderung am: 11.05.2011, 19.21 Uhr

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