aus der Sendung vom Donnerstag, 15.11.2007 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Es gibt eine schöne Anekdote, die über den berühmten Chirurgen Sauerbruch erzählt wird und sich im ersten Weltkrieg zutrug: Da lag ein Patient im Krankenhaus, dem es täglich schlechter ging. Die Ärzte waren ratlos, doch der Patient fragte bei einer Visite wieder: "Herr Doktor, bitte, was fehlt mir denn, warum können Sie mir nicht helfen?" Da antwortete der Arzt: "Tja, wir wissen es auch nicht. Aber morgen kommt der berühmte Professor Sauerbruch. Den führe ich gleich zu Ihnen und ich verspreche: Wenn der diagnostiziert was Sie haben, dann bekommen wir Sie schon wieder hin."
Am nächsten Morgen schaute sich Professor Sauerbruch den Kranken an und sagte zu seinem Kollegen mit ernster Mine: "Moribundus". Was so viel heißt wie: der Mann wird sterben. Der Kranke aber, der kein Latein verstand, dachte: "Jetzt wissen sie endlich, wie sie mir helfen können." Er fasste Zuversicht und verließ das Krankenhaus zwei Wochen später – und zwar gesund.
Wenn diese Anekdote stimmt, erzählt sie einen klassischen Fall von Placebo-Effekt, der durch die Autorität des berühmten Chirurgen ausgelöst wurde. Aber es ist nicht immer eine Berühmtheit dafür nötig. Auch ein "ganz normaler" Mediziner im Arztkittel beeindruckt schon allein durch seine Erscheinung. Und ein Auftritt in der Gruppe macht ihn noch beeindruckender. Die persönliche Zuwendung durch diesen Arzt kann bereits einen starken Heilimpuls auslösen. Denn wenn Patienten den Ärzten vertrauen, kann das besser wirken als jedes Medikament.
Fabrizio Benedetti, Neurowissenschaftler, hat den Arzt als Placebo untersucht. Er weiß, dass es sich hierbei nicht um eine rätselhafte Scheinwirkung handelt, sondern um eine handfeste Interaktion zwischen dem Arzt und dem Gehirn des Patienten. Die Forschungen des italienischen Neurowissenschaftlers eröffnen eine vollkommen neue Sichtweise auf das Verhältnis von Arzt und Patient: "Ich würde sagen, dass das Verständnis des Placebo-Effekts und dessen Mechanismen sehr wichtig ist, weil wir so ein neues biologisches Verständnis, ein neues wissenschaftliches Verständnis von der Wechselwirkung zwischen Arzt und Patient erhalten. Es ist nicht nur eine Wechselwirkung zwischen Doktor und Krankheit."
In Dutzenden Experimenten hat Benedetti den "Doktor-Placebo-Effekt" untersucht. Auf der Suche nach exakten Daten, was dabei in den Patienten passiert, wurden die Versuchsteilnehmer aufwändig verkabelt. Wichtigste Datenquelle: die abgeleiteten Gehirnströme. Bei einem dieser Experimente wird den Probanden über eine Druckmanschette ein genau dosierbarer Schmerz zugefügt. Die Gehirnströme zeigen die Anspannung der Probanden und die Zunahme des Schmerzes.
Nun preist Fabrizio Benedetti den Versuchsteilnehmern ein neues Schmerzmittel an und verabreicht es per Spritze. In Wirklichkeit ist in der Spritze aber nur eine wirkungslose Kochsalzlösung. Trotzdem lässt der Schmerz nach. Eben durch den Placeboeffekt. Doch es funktioniert auch umgekehrt: Suggeriert Benedetti der Probandin, die Spritze würde den Schmerz verstärken, empfindet sie mehr Schmerzen. Dieses Phänomen wird Nocebo-Effekt genannt.
Ein Effekt, den die Mediziner in ihr Handeln einbeziehen sollten, so der Turiner Wissenschaftler: "Der Arzt sollte seine Worte sehr sorgfältig wählen und seine Haltung bedenken. Vor allem negative Worte und Einstellungen. Wenn er zum Beispiel sagt: ‚Ich weiß nicht, ob dieses Medikament hilft oder nicht’, dann ist das ziemlich problematisch für den Patienten, denn es könnte den Nocebo-Effekt hervorrufen."
Patienten analysieren das Verhalten des Arztes im Stirnhirn. Mit der positiven oder negativen Bewertung wird das Emotionszentrum tief im Inneren des Gehirns beeinflusst. Und damit die Schmerzwahrnehmung. Das sind die neurophysiologischen Grundlagen der Placebo-Wirkung des Arztes.
Die Beobachtung von Alzheimer-Patienten bestätigt diesen Zusammenhang. Denn durch die Krankheit ist die Verbindung der verschiedenen Gehirnzentren gestört. Und tatsächlich funktioniert der Placebo-Effekt bei Alzheimer-Kranken nicht. Daher wird sogar schon darüber diskutiert, ob Alzheimer Patienten höhere Dosen Schmerzmittel brauchen als andere Patienten.
Jede Form der medizinischen Zuwendung hat grundsätzlich Placebo-Potential. Ob es eine spezielle Massagetechnik ist, die von Reflexzonen in der Fußsohle ausgeht, oder das geheimnisvolle Meridiansystem der Akupunktur, die übrigens in der Schmerztherapie besonders wirksam ist, oder ob High-tech zur Anwendung kommt, wie etwa bei der Magnetfeld-Therapie: Besonders erfolgreich in Sachen Placebo-Effekt sind Heiler die Respekt vermitteln und in der subjektiven Empfindung des Patienten als vertrauenswürdig gelten. Heiler, die ihre Therapie unter Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit an den Kranken bringen.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Schamanen sogar mit Hühnern heilen können. Entscheidend ist der überzeugende Vortrag. Übrigens auch in der „Schulmedizin“. Der Placebo-Effekt funktioniert, wenn beim Patienten Vertrauen, Hoffnung und Entspannung entstehen. Trotzdem wird er in der westlichen Medizin oft sträflich vernachlässigt, sagt Benedetti:
"Der Arzt kümmert sich nicht besonders um die Wechselwirkung von Verstand und Körper oder Verstand und Gehirn. In der modernen Medizin kümmern sich Ärzte um Moleküle und die molekularen Grundlagen von Krankheiten. Sie neigen dazu, die Krankheit zu behandeln und nicht den Menschen als Individuum. Es wäre besser, die Kranken nicht nur zu therapieren, sondern sich um sie zu kümmern. Das ist ein ganz schöner Unterschied. Ich würde sagen ein Riesen-Unterschied."
Doch was passiert, wenn Patienten das Vertrauen in ihre Ärzte verlieren. Durch Berichte über Pfusch, Fehler und schlechte Behandlungsmethoden, wie sie in den Medien fast an der Tagesordnung sind? "Negative Berichterstattung durch Zeitungen, Fernsehen und viele andere Veröffentlichungen können den Placebo-Effekt der Ärzte sicher beeinflussen. Was ist da zu tun? Vor allem sollten die Ärzte ihre Zuwendung zum Patienten verstärken, sie sollten mehr Verständigung mit den Patienten suchen und sie sollten viel mehr zuhören als das heute üblich ist."
Ärzte die ihren Patienten echte Zuwendung geben, heilen besser. Wer sich verstanden und aufgehoben fühlt, ist oft schon auf dem Weg der Besserung. Doktor Placebo: das ist der Arzt, den die Patienten lieben.
Letzte Änderung am: 13.11.2007, 18.16 Uhr