aus der Sendung vom Donnerstag, 15.11.2007 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Schätzungen gehen davon aus, dass in der Schulmedizin der Placebo-Effekt den Heilerfolg zu 30 bis 40 Prozent ausmacht. Das ist eine beeindruckende Zahl, aber auch ein Problem. Denn woher weiß man dann überhaupt, ob bei einem Medikament der Wirkstoff heilt - und nicht der Placebo-Effekt? Arzneimittelhersteller müssen daher, bevor sie zum Beispiel ein neues Krebsmedikament auf den Markt bringen, aufwändige Studien durchführen. Für die Patienten, die daran teilnehmen, ist das eine emotionale Achterbahnfahrt: Die Therapie ist häufig die letzte Hoffnung, die sie noch haben. Und dann wissen sie nicht einmal, ob sie das echte Medikament bekommen oder eine Scheinbehandlung. Werner Schenkel hat an einer solchen Studie teilgenommen.
Der Mannheimer befand sich im November 2005 in einer schweren Krise. Das Laufen fiel ihm immer schwerer und er hatte kaum noch Puste. Die Diagnose dann in der Mannheimer Uniklinik war für Werner Schenkel ein großer Schock: Ein bösartiger Tumor in der Lunge. Es ging um Leben oder Tod. Werner Schenkel sollte Chemotherapie bekommen. Doch nicht nur das: Die Ärzte hatten ihm vorgeschlagen, an einer Medikamentenstudie teilzunehmen. Zusätzlich zur Standardtherapie sollte ein neuer Wirkstoff verabreicht und getestet werden.
Für Werner Schenkel war klar, dass er an der Studie teilnehmen wollte: "Ich hab' das probiert, ich wollte die Studie machen, weil ich mir und auch anderen Menschen helfen kann." Der damals 63-Jährige wusste aber auch, dass nicht jeder Teilnehmer das zusätzliche Medikament bekommen würde. Die Studie war Placebo-kontrolliert. Das hieß in seinem Fall: Ein Drittel der Studienteilnehmer erhielt nur ein Scheinmedikament. Wer was bekam blieb geheim. Auch für den Arzt. Der erfuhr erst über das Telefon die Codes für den Patienten und die Medikamente. So sollte verhindert werden, dass sein Verhalten die Studie beeinflusst.
Werner Schenkel war in der Studie nur noch eine Zahlenkombination. Selbst in der Apotheke des Klinikums wusste niemand, wo Wirkstoff und wo Placebo enthalten war. Die Behälter sahen alle gleich aus, bis auf die Code-Nummern, die der Hersteller vergeben hat. Niemand sollte während der Medikamentenstudie wissen, wer Medikament und wer Placebo bekommt.
Die Mediziner nennen das eine Doppelblind-Studie. Doppelblind, weil weder Arzt noch Patient Bescheid wissen. Ob der zusätzliche Wirkstoff erfolgreich war, wird später an Hand der Ergebnisse rein statistisch ausgewertet. Was auf den ersten Blick unfassbar klingt, ist in Wirklichkeit gängige Praxis in der Medikamenten Entwicklung: Die Placebo-kontrollierte Doppelblind Studie ist für die Medizin unverzichtbar, denn "um klar machen zu können, ob eine Substanz wirklich etwas an Wirksamkeit hinzufügt zur Standardtherapie, muss ich einen bestimmten Studienansatz, einen Prüfansatz wählen, der mir eben diese Auskunft genau vermittelt", so der Studienleiter Professor Christian Manegold von der Uniklinik Mannheim.
Doch manchmal hat das dramatische Auswirkungen. So wie bei dem Fall des Brustkrebsmedikaments Letrozol. Während der Studie zur Wirksamkeit stellten die Wissenschaftler in einer Zwischenauswertung fest: im Vergleich zur Medikamentengruppe erlitten fast doppelt so viele Patientinnen aus der Placebogruppe einen Tumorrückfall. Die Studie wurde vorzeitig abgebrochen. Die Standardtherapie alleine erwies sich für diese Frauen als so nachteilig, dass die Forscher es nicht länger verantworten wollten, ihnen das neue Ergänzungsmedikament vorzuenthalten. Und damit die Chance auf Heilung.
Aussagekräftige Ergebnisse und das Wohl der Patienten – manchmal entsteht daraus ein Konflikt, den die Forscher jedoch ganz nüchtern sehen: „Also ich denke, ich muss akzeptieren, dass in diesen Studien Patienten eben nur mit der Standardtherapie behandelt werden. Das macht mir aber persönlich nichts aus, denn wenn ich den Patienten in dieser Studie nicht behandeln würde, dann würde er ohnehin nur die Standardbehandlung bekommen", erklärt Prof. Manegold den wissenschaftlichen Standpunkt.
Tatsache ist: Werner Schenkel bekam in der Studie also eine zusätzliche Chance. Denn ob die zusätzliche Medikamentengabe tatsächlich hilft, kann zu Studienbeginn niemand sagen. Es kann sogar sein, dass das getestete Medikament nicht hilft. Dann hat der Studienteilnehmer umsonst zusätzliche Nebenwirkungen in Kauf genommen. Doch Wirkung oder Nebenwirkung kann erst die Studie zeigen. Deshalb sind für den Krebsforscher Manegold die Medikamentenstudien ethisch kein Problem: "Das ist der Weg, wie man zum Fortschritt in der Medizin kommt. Es gibt keinen anderen Weg."
Bei Werner Schenkel ist alles gut gegangen. Sein Tumor hat sich fast vollständig zurückgebildet. Ein toller, aber unerklärlicher Erfolg. Denn die anderen Studienteilnehmer gewannen mit dem neuen Medikament statistisch nur zwei Monate dazu. Werner Schenkels Leben hat sich normalisiert. Die Angst ist gewichen, er konzentriert sich wieder auf seine Familie. Ob er seine Genesung tatsächlich dem neuen Wirkstoff verdankt oder einem Wunder, weiß er bis heute nicht. Doch das ist ihm auch nicht so wichtig. Allein das Ergebnis zählt: "Das war helle Freude. War immer helle Freude. Von Chemo zu Chemo ist der Tumor zurückgegangen. Erst zwei Zentimeter, dann ein Zentimeter. Das hat mich gefreut und dann hab ich dem Medikament vertraut." Vielleicht war es aber auch genau dieses Vertrauen, das Werner Schenkel geholfen hat.
Insgesamt weiß man, dass Studienteilnehmer generell eine bessere Prognose haben als Nicht-Studienteilnehmer. Aber das liegt auch an der besseren Kontrolle und genaueren klinischen Versorgung der Patienten.
Letzte Änderung am: 13.11.2007, 18.16 Uhr