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Fernsehen im SWR

Krebstherapie Hilft Obst und Gemüse gegen Krebs?

aus der Sendung vom Donnerstag, 8.11.2007 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Experten schätzen, dass sich 30 bis 40 Prozent aller Krebsfälle in Europa durch eine gesündere Ernährung vermeiden ließen. Obst und Gemüse stehen auf der Liste der Empfehlungen ganz oben. Aber welchen Einfluss haben bestimmte Lebensmittel oder deren Bestandteile wirklich auf die Entstehung von Krebs?

Gerti Singer schwört auf frisch gepresste Säfte – und das nicht nur von Berufs wegen. Gertis Saftladen ist auf dem Mainzer Wochenmarkt eine Institution. Jahrzehntelang war die agile Seniorin für die Besucher des Wochenmarktes der Inbegriff von Vitalität und Gesundheit. Doch vor neun Jahren wurde bei ihr Brustkrebs entdeckt - und 38 Metastasen unterhalb der Achsel. Ein ganzes Jahr lang war Gerti Singer fälschlicherweise auf Rheuma behandelt worden, weil sie Schmerzen beim Heben des Armes hatte. Die Diagnose Brustkrebs war für sie ein Schock. Die Ärzte gaben ihr wenig Überlebenschancen. Doch die schwere Operation und die anschließende Chemotherapie steckte Gerti Singer erstaunlich gut weg. Die schlimmen Nebenwirkungen der Chemotherapie traten bei Ihr nicht auf. Das, davon ist die 68-Jährige überzeugt, lag an den guten Wirkstoffen der Natur.


Sechs Flaschen Gemüsesaft pro Tag

Sechs Flaschen Gemüsesaft trank Gerti Singer während der Chemotherapie pro Tag, und fühlte sich die ganze Zeit fit und gesund. Sicher als Einzelfall kein Beweis für die heilende Kraft der Früchte. Aber dass Obst und Gemüse den besten Schutz gegen Krankheiten überhaupt bieten, mit dieser Einschätzung steht die Gemüsefrau nicht alleine. Dutzende von populären Ratgeberbüchern schwören auf die Kräfte aus dem Garten der Natur. Auch zur Vorbeugung und als Heilmittel gegen Krebs. Und gerne werden in diesen Ratgebern wissenschaftliche Argumente für die Wirksamkeit angeführt: So sollen die Vitamine C und E die Bildung der krebserregenden Nitrosamine im Körper verhindern. Diese Vitamine können auch die Zelle vor aggressiven Stoffen - den freien Radikalen - schützen. In der Zellkultur ist diese Schutzwirkung an der Zelloberfläche nachgewiesen worden.

Ganz ähnlich wirken Stoffe aus der Tomate und den Möhren als Radikalenfänger und machen die Angreifer unschädlich. Hülsenfrüchte wie Soja enthalten Phytoöstrogene: Hormonähnliche Substanzen, die Brustkrebs verhindern sollen. Und in Japan, wo viel Soja verzehrt wird, gibt es ja auch tatsächlich weniger Brustkrebs. Zitrusfrüchte enthalten Terpene, die im Tierversuch eine hemmende Wirkung gegen Brustkrebs gezeigt haben. Aber lassen sich diese Ergebnisse wirklich so auf den Menschen übertragen? Und wie aussagekräftig sind die Laborversuche an Zellkulturen? Ist der Mensch nicht doch etwas komplizierter als eine Sammlung von Zellen in der Petrischale?


Überprüfung beim Menschen

Am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg arbeiten 800 Wissenschaftler. Einer von ihnen ist der Epidemiologe Dr. Jakob Linseisen. Der Spezialist in Sachen Krebs und Ernährung hält wenig von Zell- und Tierversuchen als alleinigem Beweis: "Befunde aus experimentellen Studien, also Studien an der Zelle oder am Tier, bedürfen der Überprüfung beim Menschen. Dies kann man machen in Form von Beobachtungsstudien. Das heißt, man schließt eine große Gruppe von einer bestimmten Bevölkerung in die Studie ein und beobachtet dann deren Verhaltensweise und dann auch im Auftreten von Krankheiten."

Genau das haben die Wissenschaftler des DKFZ gemacht. Deren Studie "Gesundheit, Ernährung, und Krebs" war Teil der großen europäischen "EPIC"-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), die zu Beginn der 1990er Jahre mit aufwändigen Eingangsuntersuchungen für die Studienteilnehmer startete. Danach mussten die Teilnehmer ihr Ernährungsverhalten dokumentieren. An der Langzeitstudie zum Thema Krebs und Ernährung nahmen über eine halbe Million Menschen in zehn europäischen Ländern teil. Die Ergebnisse waren – zumindest teilweise – ernüchternd, wie Jakob Linseisen erklärt: "Wie bereits in anderen Studien sieht man auch in EPIC keinen Effekt des Verzehrs von Gemüse und Obst auf das Risiko für Brustkrebs und Prostatakrebs. Obst- und Gemüseverzehr schützt demnach nicht - oder kaum - vor Brustkrebs oder Prostatakrebs."


Gute Gründe für den Obstkonsum

Kein Schutz also vor zwei Krebsarten, die bezüglich Häufigkeit und Gefährlichkeit mit an der Spitze stehen. Aber, so Dr. Linseisen: "Wir kennen eine Reihe von Krebserkrankungen, bei denen ein vorteilhafter Einfluss eines vermehrten Verzehrs von Obst und Gemüse bekannt ist: Das betrifft insbesondere Krebserkrankungen im Bereich des Verdauungstraktes. Als Beispiel sind vielleicht Speiseröhren-, Magen- und Dickdarmkrebs zu nennen. Aber auch Krebserkrankungen der Atmungsorgane, also Lungenkrebsrisiko. Dieses wird vor allem durch den Verzehr von Obst verringert."

Auch wenn die schützende Wirkung nur bei Darmkrebs zweifelsfrei erwiesen ist, gibt es ja auch noch den nachgewiesenen Schutz gegen andere Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht. Genügend gute Gründe also für den Obstkonsum. Gerti Singer jedenfalls schwört auf die Kraft aus dem Saft: "Ich muss jedes halbe Jahr zu meinem Frauenarzt. Und der sagt immer zu mir: 'Sie sind ein Wunder, welche Energie Sie haben.' Und ich sage: 'Herr Doktor, Sie müssen mehr Saft trinken.'"

Frank Wittig

Letzte Änderung am: 07.11.2007, 15.40 Uhr