Navigation

Volltextsuche
Fernsehen im SWR

Pharmakologie Zeitreise: Geschichte der Pharmakologie

aus der Sendung vom Donnerstag, 8.11.2007 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

"Alle Dinge sind Gift", sagte schon der berühmte Arzt Paracelsus. "Allein die Dosis macht, dass Gift zum Heilmittel wird." Pflanzen spielten in der Heilkunst früherer Jahrhunderte eine wichtige Rolle. Auch giftige Pflanzen, wie Bilsenkraut, Stechapfel oder Tollkirsche. Im 16. Jahrhundert versuchte Paracelsus, die Stoffe aus den Pflanzen zu gewinnen, die für die Therapie von Krankheiten wirksam sind.

Fingerhut – die erste moderne Heilpflanze

Der rote Fingerhut beispielsweise enthält in seinen Blättern ein tödliches Gift. In hohen Dosen verursacht die chemische Substanz des Fingerhutes tödliche Herzrhythmusstörungen. Richtig dosiert jedoch wirkt sich dieses Gift heilsam auf das schwache Herz aus, indem es die Schlagstärke und die Kontraktionskraft des Herzmuskels positiv beeinflusst. Bereits im 18. Jahrhundert galt der Fingerhut als eine der ersten modernen Heilpflanzen.

Um aus dem Fingerhut ein Heilmittel herzustellen, wurden seine Blätter gepflückt, getrocknet und pulverisiert. Das Pulver wurde abgewogen und wie ein Tee mit Wasser übergossen. Eine Schwierigkeit blieb aber: Niemand konnte genau vorhersagen, wie stark die Aufgüsse wirkten. Denn wie viel Gift die Blätter enthielten, war unklar. Je nachdem, wann die Blätter geerntet wurden und wo die Pflanzen wuchsen, war der Gehalt des Giftes in den Blättern unterschiedlich. Eine exakte Dosierung war nicht möglich. Doch das sollte sich bald ändern.

Morphium – der erste isolierte Wirkstoff der Pharmakologie

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wollte der junge Apotheker Friedrich Willhelm Sertürner den Stoff finden, der dem Schlafmohn seinen Namen gab. Nach jahrelangen Versuchen gelang es ihm schließlich 1803 / 1804, aus der Droge Opium eine weiße, kristallartige Substanz zu isolieren. Er nannte sie nach dem griechischen Gott des Schlafes: Morphium. Es war der erste isolierte Wirkstoff der Pharmakologie. Dadurch, dass der Stoff rein vorlag, war es jetzt auch möglich, ihn exakt zu dosieren.

Danach wurden schnell immer mehr pflanzliche Wirkstoffe entdeckt und isoliert. Auch die schmerzlindernde Substanz aus der Weidenrinde, die Salicylsäure. Sie wurde seit Mitte des 19. Jahrhundert synthetisch hergestellt. Doch ein Problem waren die starken Nebenwirkungen.
1897 fand der Chemiker Felix Hoffmann die Lösung: Er kombinierte die Salicylsäure mit Essigsäure und entwickelte zum ersten Mal einen Wirkstoff, den es so in der Natur nicht gibt: die Acetylsalicylsäure. Unter dem Namen Aspirin erlangte der Wirkstoff Weltruhm.

Contergan – ein Rückschlag in der Entwicklung

Von da an entwickelte sich die Pharmakologie rasant: Chemiker entschlüsselten mit immer neuen und immer ausgefeilteren Methoden den molekularen Aufbau von wirksamen Naturstoffen und bauten sie chemisch nach. Zusätzlich veränderten sie die molekulare Struktur. Dadurch ließen sich Nebenwirkungen mildern und die Wirksamkeit verstärken.

Ende der 50er Jahre erlitt die Euphorie über die gute Wirkung von Arzneimitteln einen herben Rückschlag: Das Schlafmittel Contergan galt als sehr sicheres Medikament, nebenwirkungsarm und ohne Suchtgefahr. Eine lebensgefährliche Überdosierung war kaum möglich. Da Contergan unter anderem gegen die morgendliche Schwangerschaftsübelkeit half, wurde es auch werdenden Müttern als Beruhigungs- und Schlafmittel empfohlen. Die Folgen waren fatal. Innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate eingenommen, führte das Medikament bei den Kindern zu scheren Fehlbildungen und sogar dem Fehlen von Gliedmaßen und Organen.

Der Arzneimittelskandal hat langwierige juristische Folgen. Als Konsequenz aus der Contergankatastrophe verabschiedete der Bundestag am 14. August 1976 einstimmig das neue Arzneimittelgesetz. Dazu hieß es in einer Meldung der Tagesschau: "Künftig sollen vom Bundesgesundheitsamt nur noch solche Mittel zugelassen werden, die wirksam, unbedenklich und qualitativ einwandfrei seien."

Heilmittel oder Gift: Trotz aller Fortschritte liegen diese Eigenschaften bei den meisten Medikamenten noch immer nah beieinander.

Andrea Wengel

Letzte Änderung am: 11.05.2011, 18.21 Uhr