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Fernsehen im SWR

Schädlichkeit von Vitaminpräparaten Krank durch Vitamine – Bericht einer Recherchereise

aus der Sendung vom Donnerstag, 20.9.2007 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Vitamintabletten sind ja schon praktisch - wer hat schließlich am Arbeitsplatz immer Obst und Gemüse parat? Mit den Pillen gibt’s täglich Vitamine satt. Und das ist gesund. So habe ich zumindest bisher gedacht – und mit mir viele Millionen in der westlichen Welt, die täglich Vitaminsupplemente zu sich nehmen.

Doch neuerdings habe ich genau das Gegenteil gehört: Vitamine seien ein Risiko. Seit Jahrzehnten wird uns erzählt, wie wertvoll und gesundheitsfördernd sie sind. Und dass man gar nicht zu viel davon nehmen kann. Ich will es genau wissen.


Wie gut oder schlecht sind Vitaminpräparate wirklich?

Zum Thema "Vitamine und Risiko" finde ich im Internet alles Mögliche. Werbefinanzierte Websites, wie das Medizinportal "lifeline", singen das hohe Lied der Vitamine. Ein paar Klicks weiter, in der Ärztezeitung, lese ich dagegen, dass Vitaminpräparate aggressiven Prostatakrebs fördern. Merkwürdig. Was stimmt denn nun?

Ich suche nach einer großen Übersichts-Studie und werde fündig. Wissenschaftler haben 47 Einzelstudien mit über 180.000 Teilnehmern ausgewertet. Das ist der Odysso- Redaktion eine Reise nach Kopenhagen wert. Denn dort, am gesundheitswissenschaftlichen Institut der Universität Kopenhagen, wurde die große Metastudie angefertigt. Dort erhoffe ich mir die Antwort auf die Frage, wie gut oder schlecht Vitaminpräparate wirklich sind.


Vitaminpräparate erhöhen die Sterblichkeit

Am Anfang der Metastudie standen 16.000 Vitaminstudien zur Auswahl. Christian Gluud und seine Mitarbeiter haben nach den strengsten Kriterien 47 Studien ausgewählt. Die Wissenschaftler konzentrierten sich dabei auf die Antioxidantien Beta-Carotin, Vitamin A, C und E. Das Ergebnis? Erschreckend, sagt Chistian Gluud: "Wir haben hier methodisch einwandfreie Studien. Und als wir nach den Effekten der antioxidativen Vitamine schauten, sahen wir, dass sie die Sterblichkeit um fünf Prozent erhöhten."

Mir fällt es schwer, das zu glauben. Ich hake nach: "Vitamine erhöhen die Sterblichkeit? Aber Christian Gluud ist sich ganz sicher. Die Ergebnisse der so genannten "Metastudie" sind hieb- und stichfest: "Ja. Die Sterblichkeit war in der Gruppe, die die antioxidativen Zusatzstoffe - also die Vitamine - nahm, fünf Prozent höher als in der Kontrollgruppe mit dem Scheinmedikament. Als wir uns das dann für Vitamin A genauer angeschaut haben, konnten wir sehen, dass dieses Vitamin die Sterblichkeit um 16 Prozent erhöht hat. Als wir uns Beta Karotin genauer angeschaut haben, sahen wir, dass dieser Ergänzungsstoff die Sterblichkeit um sieben Prozent erhöht. Und bei Vitamin E sahen wir eine höhere Sterblichkeit von vier Prozent."


Sind die negativen Effekte der Industrie bekannt?

Unglaublich. Diese Vitamine sollten die Zelle doch angeblich vor aggressiven Molekülen, den freien Radikalen schützen, indem sie diese abfangen. Die "Radikalenfänger" sollten sogar vor Krebs schützen. Zumindest wird das seit mindestens zwanzig Jahren erzählt und ist angeblich hundertfach im Labor nachgewiesen. Christian Gluud, der Leiter der Forschungsgruppe weiß, dass das nur die halbe Wahrheit war: "Das Interessante ist, dass einige der Vitamine den Angriff auf die Zellen auch unterstützen können. Es ist eben sehr schwer, aus Ergebnissen aus dem Reagenzglas, aus dem Labor, auf eine schützende Wirkung einer Vitaminbehandlung zu schließen. Man sollte nicht auf die Ergebnisse in der Petri-Schale schauen, sondern auf die Ergebnisse im ganzen Menschen."

Da stellt sich eine ganz entscheidende Frage: Die meisten dieser Studien wurden von der Industrie durchgeführt, die die Vitamine an die Menschen verkauft. Dort müssten die negativen Effekte eigentlich bekannt sein. Warum werden die Vitamine weiter verkauft? Für Christian Gluud ist die Antwort auf diese Frage klar: "Es dreht sich natürlich alles ums Geld. Ich denke, Sie sollten diese Frage der Industrie stellen. Ich weiß nicht so recht, aber wenn ich in dieser Industrie wäre, hätte ich schon einen ganz schön schlechten Geschmack im Mund, wenn ich den Leuten etwas verkaufen würde, was ihnen potentiell schaden kann. Und die Studienergebnisse zeigen ganz klar, dass die Leute nicht nur keinen Nutzen davon haben, sondern dass es ihnen sogar schaden kann."


Immer mehr Lebensmittel werde mit Vitaminen angereichert

Die Konsequenzen beziehen sich nicht nur auf die Vitaminpillen allein. Was ist beispielsweise mit all den Vitaminen, mit denen immer mehr Nahrungsmittel angereichert werden? Je mehr desto besser, scheint das Motto: Egal ob Joghurts, Säfte oder Süßigkeiten - immer häufiger heißt es "Plus Vitamine". Was rät der Fachmann, wie soll man sich verhalten? "Ich würde mich abwechslungsreich ernähren, mit Nahrung aus verschiedenen Quellen, von verschiedenen Herstellern," rät Christian Gluud. "Und ich würde die Finger von allem lassen, was künstlich mit Vitaminen angereichert wurde."

Aber was ist mit Vitamin C, das seit Generationen gegen Erkältung gepriesen wird - hilft das wenigstens? Oder ist das auch Selbstbetrug? Hier kann der dänische Wissenschaftler Entwarnung geben: "Wenn wir Vitamin C ansehen, dann können wir bisher nicht sagen, dass es schadet. Auf der anderen Seite haben wir größte Probleme, zu sagen, dass es wirklich nützt. Wenn man sich die guten Studien dazu anschaut, dann sieht man im Durchschnitt, dass es keinen dramatischen positiven Effekt gibt. Es gibt keinen Grund, gegen die normale Erkältung Megadosen an Vitamin C zu sich zu nehmen." Diese Recherchereise hat sich wahrlich gelohnt. Vitaminpräparate sehe ich jetzt in einem ganz anderen Licht. In meinem Büro angekommen, plane ich den Beitrag für Odysso ausnahmsweise vom Ende her. Das letzte Bild des Beitrags steht schon fest: "Die Vitamintabletten landen im Papierkorb."

Frank Wittig

Letzte Änderung am: 20.09.2007, 00.47 Uhr

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