aus der Sendung vom Donnerstag, 21.6.2007 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Für die Verbraucher ist es oft schwierig zu erkennen, wie die Ökobilanz von Produkten ausfällt. Hilfe wird wahrscheinlich erst ein Ökosiegel bringen, das die ökologischen Kosten eines Produkts aufschlüsseln soll. Dass Unternehmen über ein solches Label zur Zeit nachdenken, zeugt von einem gewaltigen Bewusstseinswandel. Die Anstöße dazu kamen von der Umweltbewegung. Wir schauen auf die Anfänge zurück.

Ihren Ursprung hat die "erste Umweltbewegung" in Deutschland in der Erfahrung der Enge der Arbeitersiedlungen und im Verlust der Natur in den ständig wachsenden Großstädten - vor allem in Berlin. Anfang des 20. Jahrhunderts hausen Arbeiterfamilien dort oft unter erbärmlichen Bedingungen. Als Gegenentwurf dazu entsteht die erste Umweltbewegung: die Lebensreform. Ihr Ideal: das Leben in der freien, möglichst unberührten Natur. Auch die Idee des schonenden bio-dynamischen Landbaus stammt aus dieser Zeit. Formuliert vom Anthroposophen Rudolf Steiner.
Zwei Weltkriege und ein Wirtschaftswunder lang war Naturschutz kein Thema. Doch in den 60ern änderte sich das. Besonders im Ruhgebiet mit seiner enormen Luftverschmutzung. Ein Fernsehkommentar aus dem Jahr 1964 dokumentiert das neue Bewusstsein:
"In einigen Orten der Ruhrgebietes sind schon Bürgervereine zum Kampf gegen die Luftverschmutzung gegründet worden. Sie beklagen, dass selbst neue Anlagen wie diese moderne Zeche immer noch ohne wirksame Filteranlagen gebaut wurden. Verweise und Geldstrafen genügen einfach nicht mehr. Es muss sich die Auffassung durchsetzen, dass ein rückfälliger Luftsünder ebenso mit Betriebsverbot oder Gefängnis bestraft werden kann wie ein Verkehrssünder. Denn auch er bedroht menschliches Leben. Und nicht nur eines, sondern viele."
In den Siebzigern findet die Umweltbewegung ein Thema, das Massen mobilisiert: die Kernenergie. Atomkraftgegner und Polizei liefern sich regelmäßig Schlachten, wenn es um neue Bauvorhaben der Atomindustrie geht. Brockdorf und Wackersdorf werden Synonyme für den Widerstand gegen den Atomstaat.
Jetzt sind auch Künstler, Intellektuelle und Politiker unter den Demonstranten. Unter anderem der damalige Juso-Vorsitzende Gerhard Schröder, der damals noch gegen den Polizeieinsatz gegen die "Widerständler" ist: "Wer hier rangeht, und versucht Polizei herzuschicken, der stört dies. Und ich finde, das darf nicht gestört werden. Das muss unsere Gesellschaft vertragen können." Als Niedersächsischer Ministerpräsident wird er später seine Meinung hierzu ändern ...
Vom außerparlamentarischen Widerstand findet die Umweltbewegung in die Politik. Ende 1979 knacken die Grünen in Bremen die Fünf-Prozent-Hürde. Solche Politiker hatte es bis dahin nicht gegeben: Mit wildwuchernden Bärten und Strickpullis feiern sie tanzend den Einzug ins Parlament. Wenige Wochen später: Die Gründung der Grünen Bundespartei. Sie gehen die Sache anders an und werden dafür von vielen als Spinner belächelt:
Dagmar Berghoff in der Tagesschau: "Die Gegensätze zwischen den verschiedenen Flügeln traten bei der Gründungssitzung allerdings offen zutage. So wurde zunächst kein Programm verabschiedet und kein Vorstand gewählt." Noch deutlicher drückt es der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt aus: "Und wer die Grünen wählt, der wird sich später mal bitterste Vorwürfe machen."
Tschernobyl hat dann sicher mitgeholfen, dass Umweltschutz im Jahre 1986 in Deutschland institutionell verankert wird. Die Tagesschau vermeldet: "Guten Abend meine Damen und Herren. Walter Wallmann, früherer Frankfurter Bürgermeister, hat heute als erster Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit sein Amt angetreten."
Inzwischen haben sich viele Ideen der Umweltbewegung durchgesetzt. Solarthermie und Windkraft helfen heute, den Verbrauch von fossilen Brennstoffen zu vermindern. Und aus den unangepassten Widerständlern der Frühzeit, mit Turnschuhen und Jeans, sind heute Polit-Profis in Zwirn geworden.
Letzte Änderung am: 11.05.2011, 18.44 Uhr