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SENDETERMIN Do, 13.8.2009 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Strukturelle Körpertherapie Rückgrat der Seele

Jaqueline Braun hat sich zu viel zugemutet: Zu der Arbeit als Friseurmeisterin, nicht gerade ein rückenschonender Beruf, und den zwei kleinen Kindern, kam die Belastung durch eine pflegebedürftige Großmutter. Irgendwann war das körperlich und seelisch war das zu viel. Ihr Körper meldete sich ziemlich drastisch zu Wort, um dem Stress zu entkommen: Mit einem Bandscheibenvorfall.

Krank an der Seele

"... erst einmal in ein tiefes Loch gefallen ..."

Jaqueline Braun: "Ich bin da erst einmal in ein tiefes Loch gefallen, Ich war ja gewohnt, alles immer zu managen, immer für die anderen da zu sein. Und plötzlich konnte ich mir selber nicht mehr helfen. Man ist von sich ganz schön enttäuscht und denkt: das muss doch gehen, das muss ich doch schaffen und man ist ganz schön verzweifelt."

"Das ist ein gängiges Muster bei vielen Schmerzpatienten", sagt Professor Monika Hasenbring vom Institut für Medizinische Psychologie an der Ruhr Universität Bochum, "Der typische Patient, der gefährdet ist chronische Rückenschmerzen entwickelt, neigt zu sogenannten Durchhaltestrategien. Er will trotz Schmerzen alle Aktivitäten erst mal zu Ende zu bringen. Nach dem Motto: Beiß die Zähne zusammen, Indianer kennen keinen Schmerz. Bei solchen Patienten ist es nötig, neben der medizinischen Versorgung, auch die Psyche anzugehen."

Die Schmerzen kamen immer wieder

Bei den Rückenschmerzen von Jaqueline Braun hatte daran keiner gedacht, obwohl ihr die Spritzen nur kurzfristig halfen. Die Schmerzen kamen immer wieder. Und mit ihnen Depressionen. Körperlich und seelisch im Abseits zu stehen, das war eine schlimme Erfahrung für die Friseurmeisterin. Zeitweilig verlor sie sogar ihre Stimme. Doch auch die orthopädischen Reha-Maßnahmen halfen weder ihrem Rücken, noch der angeknacksten Seele. Dann erfuhr sie von einer Therapie, die zweigleisig fährt, und sich sowohl um den Körper als auch um die Psyche kümmert. Die Strukturelle Körpertherapie.

Dr. Herbert Grassmann, der die Nürnberger Praxis für strukturelle Körpertherapie leitet, beschreibt den Kern der Methode so: "Strukturelle Körpertherapie ist eine Methode der inneren und äußeren Aufrichtung. Äußere Aufrichtung würde bedeuten den Körper wieder in die Stärke, in die Vitalität zu bringen, innere Aufrichtung heißt, der Seele wieder Zuversicht und Hoffnung zu geben. Dazu ist es unbedingt nötig, zusammen mit dem Patienten ein Körperlesen zu machen, um festzustellen, wo liegen denn eigentlich die Fähigkeiten des Patienten."

Den Körper wieder bewusst wahrnehmen

Den ganzen Körper wieder bewusst wahrzunehmen müssen viele Schmerzpatienten erst wieder lernen. Herbert Grassmann ist es wichtig, dass die Schmerzpatienten selbst erkennen, wo die Blockaden sitzen, welche Verspannungen den Körper in seiner freien Beweglichkeit behindern. Und: mit welchen Gefühlen diese Blockaden verbunden sind. Dann sucht er gemeinsam mit seinen Patienten nach Lösungen.

Die Grifftechniken der strukturellen Körpertherapie stammen großteils aus dem Rolfing, einer Methode zur Mobilisierung und Aufrichtung des Körpers, die in den USA weit verbreitet ist. Rolfing zielt auf das Bindegewebe, das quer durch den ganzen Körper die Spannung und damit die Haltung organisiert.

"Viele Menschen kommen mit chronischem Stress und können sich aus diesem Zustand gar nicht mehr alleine herunter holen", meint Dr. Grassmann, "Wir haben tiefe Grifftechniken, die ins Bindegewebe ein wirken und dadurch eine Tiefenentspannung auslösen. Und Menschen, die einmal so tief entspannt sind, können auch ihrer Welt wieder positiver begegnen. Und Entscheidungen wieder anders Fällen oder zuversichtlicher sein."

Die eigenen Grenzen wahrnehmen und schützen

Zur strukturellen Körpertherapie gehören auch verhaltenstherapeutische Übungen, zum Beispiel, um die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu schützen. In einer Übung zeichnet Jaqueline Braun ihre Grenzlinie kreisförmig um sich auf den Boden. Diese sogenannte "Pysikalisierung" stärkt die unsichtbare Grenze, den Abstand den Jaqueline Braun braucht. So fühlt sich unabhängiger und selbständiger.

Grenzen müssen mitunter auch verteidigt werden. Dr. Grassmann simuliert daher auch das Eindringen in den Grenzkreis. Spontan muss Jaqueline Braun den "Eindringling" zurückweisen. Die Übung hilft ihr, sich gegen Ansprüche von außen besser zu schützen. Ohne Rückzugsräume kann weder der Körper, noch die Seele neue Kräfte sammeln.

Dass psychischer Stress "körperlichen" Schmerz verursacht, und zwar immer wieder an den gleichen Stellen, dass ist für Prof. Monika Hasenbring ganz offensichtlich:

"Stress, das können die unterschiedlichsten Faktoren sein: Ständige Konflikte oder Ärger mit Kollegen im Beruf. Es können aber auch familiäre Dinge sein, wie die Trennung von Angehörigen. Wir neigen dazu immer mit einem bestimmten körperlichen System ganz besonders stark zu reagieren, zum Beispiel mit der Anspannung der Muskulatur im unteren Rücken oder mit der Anspannung der Magenmuskulatur. Beim nächsten ist es die Haut. Die Art zu reagieren ist eine individuelle Neigung. Vielleicht sind diese Neigungen erlernt, vielleicht sind sie aber auch genetisch festgelegt, das wissen wir bis heute nicht."

Aus dem Teufelskreis ausbrechen

Die strukturelle Körpertherapie hat Jaqueline Braun geholfen, aus dem Teufelskreis von Schmerzen und Depression auszubrechen. Unter Anleitung des erfahrenen Therapeuten hat sie sich körperlich und seelisch aufgerichtet. Und sie hat gelernt, in den Körper hinein zu fühlen, auf seine Signale zu achten.

Jaqueline Braun: "Das Körpergefühl hat sich stark verändert. Dahingehend, dass mir jetzt viel schneller auffällt, wenn ich in diese alte Haltung zurückfalle. Und das ich dadurch eben auch spüre, wenn mir Sachen zu viel werden. Auch das Schreiten, das Laufen, es ist nicht mehr so zögerlich, auch nicht mehr so zart. Ich habe jetzt einfach wieder mehr Power."

Die richtige Balance zwischen Anspannung und Ruhe hat Jaqueline Braun geholfen, die Rückenschmerzen zu besiegen.

aus der Sendung vom

Do, 13.8.2009 | 22:00 Uhr

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