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SENDETERMIN Do, 2.2.2006 | 22:15 Uhr | SWR Fernsehen

Zweifel an der Heilkraft Ist die Homöopathie am Ende?

Viele Menschen glauben an alternative Behandlungsmethoden wie etwa die Homöopathie. Jetzt übernehmen mehr als 30 Gesetzliche Krankenkassen die Behandlungskosten der ärztlichen Homöopathie. Und das Geschäft mit den homöopathischen Heilmitteln brummt. Doch unter Experten glauben wohl nur noch eingefleischte Fans an die Wirksamkeit dieser Arzneien.

Eine Reihe kleiner brauner Flaschen, die als homöopathische Arznei beschriftet sind

Kein Unterschied zu Placebos

"Nach allem was wir bislang wissen, und auf der Basis der Studien die wir haben, und der Zusammenfassungen dieser Studien, kann man sagen: es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für die Wirksamkeit homöopathischer Präparate im Vergleich zu Placebo", sagt der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft Prof. Bruno Müller-Oerlinghausen. "Sie unterscheiden sich von Placebo nicht."

Trotzdem läuft die Produktion der homöopathischen Wässerchen weiter auf Hochtouren. Und von der vernichtenden Kritik an ihren "Mittelchen" sind die Homöopathen kaum beeindruckt. "Keineswegs ist die Homöopathie am Ende", widerspricht Dr. Wolfgang Kern von der Firma Ergo-Pharm in Baden-Baden. "Es gibt auf der ganzen Welt Millionen von Therapeuten und Patienten, die die homöopathischen Arzneimittel beziehungsweise die Homöopathie mit Erfolg anwenden. Zusätzlich gibt es viele Studien, die die Wirksamkeit der Homöopathie eindeutig belegen. All das sind natürlich untrügliche Zeichen dafür, dass die Homöopathie eher immer beliebter wird."

Der wissenschaftliche Beweis fehlt

Zwar gibt es über die heilende Wirkung der Kügelchen tatsächlich viele Berichte - aber einen wissenschaftlichen Beweis der Wirksamkeit gibt es keineswegs. Vielmehr sind schon die Grundideen der Homöopathie, die Samuel Hahnemann vor über 200 Jahren entwickelte, aus heutiger Sicht reichlich sonderbar.

Angefangen hat alles mit der Chinarinde. Sie war damals, im 18. Jahrhundert, ein Mittel gegen die Malaria, das Wechselfieber. Hahnemann wollte wissen, warum die Chinarinde wirkt - und nahm etwas davon ein. Prompt bekam er fieberähnliche Symptome und schloss daraus: Chinarinde wirkt gegen Fieber, weil sie selber Fieber auslöst. Das Grundprinzip der Homöopathie war gefunden: Gleiches mit Gleichem. Das klingt zwar gut, ist biologisch aber kaum nachvollziehbar. Zudem hat das "große Schlüsselexperiment" einen Fehler: Chinarinde löst gar kein Fieber aus, das haben Versuche gezeigt. Das homöopathische "Gleiches-mit-Gleichem-Prinzip" steht also seit jeher auf wackligen Füßen.

Um das zweite Standbein der Homöopathie steht es auch nicht viel besser: die "Potenzierung", wie es die Homöopathen nennen. Dabei wird der Wirkstoff extrem verdünnt. Nicht irgendwie, sondern streng nach Hahnemann: von Hand "verschüttelt" - mindestens zehn Mal. Das soll "geistartige Heilkräfte" freisetzen. Das Verdünnte wird dann wieder verdünnt. Und wieder. Und wieder. Zum Schluss ist häufig überhaupt kein Wirkstoff mehr in der Lösung. Nicht ein Molekül. Dafür soll aber um so mehr "geistartige Heilkraft" wirken. Wissenschaftlich ist das nicht nachvollziehbar.

Warum sollten homöopathische Arzneien wirken?

Es gibt Versuche, den beschworenen Effekt mit einer Art "Wassergedächtnis" zu erklären. Das Wasser soll irgendwie beim Verschütteln Informationen des Wirkstoffs aufnehmen. Schwierig. So ein Wasser "erlebt" im Lauf der Zeit ja so einiges, auf seinem Weg durch die Flüsse und Ozeane der Welt. Zudem ist Wasser auch nie ganz rein - ganz gleich wie groß die Sauberkeit ist. Wieso soll es sich dann ausgerechnet an den Wirkstoff "erinnern" und nicht an irgendeine harmlose Verschmutzung? Warum die homöopathische Arzneien wirken sollten, ist also vollkommen unklar. Darum glaubt den Homöopathen kaum je-mand, dass ihre Wässerchen überhaupt wirken.

Doch dann der großen Durchbruch: ein Experiment mit Rattendärmen bringt vor zwei Jahren den langersehnten Beweis: Homöopathische Arznei ist doch besser als ein Scheinmedikament. Die Rattendärme wurden zum Teil mit einer homöopathischen Lösung, und zum Teil mit einer Lösung ohne Wirkstoff behandelt. Nur die homöopathische Lösung zeigte Wirkung. Das wurde von den Homöopathen groß gefeiert. Aber mittlerweile schweigt man darüber lieber. Denn gerade erst wurde den Forschern "wissenschaftliches Fehlverhalten" bescheinigt - sie haben schlampig gearbeitet: die angeblichen Beweise sind keine.

Wenn die Homöopathen heilen, liegt es also doch nicht an ihren Mittelchen. "Man kann nur annehmen, dass sie in einer häufig wirklich begabten und eindrucksvollen Weise eben eine Placebo-Therapie betreiben", so der Kommentar von Prof. Bruno Müller-Oerlinghausen. Diese Placebo-Therapie wird von den großen gesetzlichen Kassen nicht mehr bezahlt. Trotzdem bleibt die Homöopathie ein Renner, und nicht nur die Apotheker sind auf Kundenfang mit den Kügelchen. Prof. Müller-Oerlinghausen: "Es gibt natürlich gute Gründe für Versicherungen, die Homöopathie in ihren Leistungskatalog mit hinein zu nehmen. Das ist einfach die Jagd nach dem Kunden."

Die Wirkung ist eine andere

Immer mehr Kassen zahlen deshalb wieder - mit gutem Gewissen. Denn "Homöopathie wirkt" - auch wenn die Kügelchen nichts bringen. "Die Wirksamkeit schätze ich insbesondere im Bezug auf die sprechende Medizin - so nenne ich das immer gerne - ein", sagt Ralf Sjuts von der Deutschen BKK. "Der Arzt hat viel mehr Zeit, die er dem Patienten zuwenden kann. Die bekommt er von uns auch bezahlt - im Gegensatz zu allen anderen Maßnahmen, wo das ja eher technisch abläuft, wo nach Punkten bezahlt wird. Und damit hat er viel mehr Möglichkeiten, auf den Patienten einzugehen, auch das Umfeld zu durchleuchten. Und das ist eigentlich der entscheidende Punkt."

An die Heilkraft der Kügelchen glauben also auch die Kassen nicht - und zahlen trotzdem. Und vielleicht sparen sie damit sogar Geld, denn Homöopathie-Fans sollen gesundheitsbewusster sein und somit billiger für die Kasse. Zudem kommt die Homöopathie auch den Bedürfnissen vieler Patienten entgegen, meint auch Prof. Müller-Oerlinghausen: "Das Bedürfnis ist: Gespräch, Zuwendung, Beratung in vielen Lebenslagen. Und das ist etwas, das homöopathische Ärzte und Ärztinnen wohl oft besser machen als wir, die Vertreter der wissenschaftlichen Medizin."

Zucker und Zuwendung - das ist und bleibt das Geheimnis der Kügelchenmedizin.

aus der Sendung vom

Do, 2.2.2006 | 22:15 Uhr

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