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Anlaufstelle der "Steinzeit-EU" Sonnen-Observatorium Goseck

aus der Sendung vom Donnerstag, 2.2.2006 | 22.15 Uhr | SWR Fernsehen

In Sachsen-Anhalt wurde vor wenigen Jahren ein spektakulärer Steinzeit-Fund gemacht: Ein Sonnenobservatorium, das bereits 2.000 Jahre vor Stonehenge gebaut wurde. Archäologen der Universität Halle haben den ältesten himmlischen Kalender Europas rekonstruiert.

Mit der Rekonstruktion des 7.000 Jahre alten Kreis-Monumentes bringen uns die Archäologen Francois Bertemes und Andreas Northe ein Stück Steinzeit zurück. Durch den Wiederaufbau können die Forscher zeigen, wozu die Anlage 4.800 Jahre vor Christus diente. Der Kreis aus Holzpalisaden war eine Art Observatorium zur Bestimmung der Wintersonnenwende. An bestimmten Stellen bilden die Palisaden aus Eichenstämmen größere Lücken. Diese Lücken sind eine Art Visier. Sobald sich die Sonne genau zwischen den Palisaden zeigte, war der 21. Dezember - die Sonnenwende - gekommen.

Sonnenwende als Orientierungspunkt

"Dieser längste Tag des Jahres war für die Menschen, die einst hier lebten, vermutlich eine Zeitmarke, um zu wissen, wie lange die Vorräte noch reichen mussten", erzählt Andreas Northe. "Für diese ersten bäuerlichen Gemeinschaften war es unwahrscheinlich wichtig, sich in ihrem Jahr zurechtzufinden, nach Wendepunkten zu suchen, wo sie wussten, der Zyklus geht von vorne los. So ein Wendepunkt ist die Sonnenwende: nach der Sonnenwende wird das Licht wieder geboren, das Leben entsteht von neuem. Das ist der religiöse Hintergrund und sicher hat das auch einen funktionalen Hintergrund, dass man, ausgehend von diesem Datum, die Aussaat bestimmen konnte und wann die Felder bestellt werden mussten".

300 Generationen später, am 21.Dezember 2005, sind die Menschen von Goseck allerdings nicht der Landwirtschaft wegen zu dem Kreis-Monument gekommen sonder vielmehr, um die Rekonstruktion einzuweihen - und um die Kultur und Kunst von einst zu bewundern: die Epoche der Stichbandkeramik. Töpfe, Becher und auch die Haut wurden damals mit Stich-Bändern verziert. Die Symbole dienten vermutlich als Mode, aber auch als besondere Auszeichnung. Und so wurde sicher auch das Ringmonument mit solchen Zeichen geehrt, denn es ist eines der größten seiner Art in ganz Europa.

Eine Anlage von überregionaler Bedeutung

Am Institut für prähistorische Archäologie der Universität Halle hat Prof. Francois Bertemes mit seinem Team die Funde von Goseck gesammelt. Sie zeigen, dass die Ringanlage ein überregional bedeutender Ort für die Menschen der Region war. Allein die zahlreichen Scherbenfunde - allesamt mit Stichbändern verziert - belegen: das Sonnenobservatorium diente einer Art "Steinzeit - EU" als Anlaufpunkt. Bertemes findet "Steinzeit-EU" keinen schlechten Begriff, um die Kultur von einst zu beschreiben: "Die Kultur, die eigentlich auch an der Basis von Goseck steht, kommt ursprünglich aus dem Karpatenbecken, das ist die Linienbandkeramik. Diese Leute haben in kürzester Zeit fast den gesamten europäischen Raum kolonisiert, und zwar ausgehend vom Pariser Becken im Westen, bis in die Ukraine im Osten, im Norden bis etwa auf die Höhe von Hannover. Also ein riesengroßer Raum von Leuten die die gleiche Sprache sprachen, die gleiche Kultur hatten, die gleichen Häuser gebaut haben".

Dass über das Leben der Stichbandkeramiker vor 7.000 Jahren derart genaue Kenntnisse existieren, verdankt die Forschung einem Zufall: Anfang der 90er Jahre startete ein Archäologe von Süddeutschland zu einem Flug in die neuen Bundesländer, um aus der Vogelperspektive nach unentdeckten Bauwerken zu suchen. Im Luftraum über dem kleinen Örtchen Goseck machte er eine Entdeckung, die er als Luftbild festhielt. Weitere zehn Jahre vergingen, bis endlich Grabungen das Bauwerk ans Licht brachten.

Hatte die Anlage noch einen weiteren Zweck?

Die exakte Vermessung der Gräben, wo einst die Baumstämme standen, und der Vergleich mit dem Lauf der Sonne brachte die Archäologen schließlich zu der Erkenntnis, dass die Ringanlage zur Messung des Sonnenstandes genutzt wurde. Doch war die Sonne wirklich der einzige Grund für die Steinzeitmenschen, einen so aufwendigen Bau zu errichten?

Ein Graben, der die Anlage umfasst, zeigt, dass Goseck mehr war als ein Kalender. Die Archäologen glauben, dass das Ringmonument ein Heiligtum war, das durch den Graben nach außen begrenzt wurde. Im Inneren des Kreises wurden religiöse Handlungen abgehalten und Opfer dargebracht. "Die Reste dieser Opferungen wurden dann hier in diesem Graben versenkt", so Prof. Bertemes. "Man durfte ja diese Knochen nicht wieder in den Alltag hinaus tragen, sondern sie mussten im Bereich dieses Heiligtums wieder bestattet werden. Desgleichen auch Gegenstände, die da Verwendung fanden - eine Vielzahl von Scherben sind da gefunden worden, sie stammen sehr wahrscheinlich von Gefäßen, die bei Getränkeopfern zerbrochen wurden, wie das sehr häufig bei solchen Heiligtümern der Fall ist, die dann ebenfalls in diesem Graben hier bestattet wurden."

Was sich allerdings genau bei den Ritualen von einst abspielte, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Geblieben ist aber bis heute der Ort, an den die Menschen wie damals gekommen sind, um den Hauptdarsteller zu sehen, für den diese Bühne errichtet wurde: die Sonne.

Axel Wagner

Letzte Änderung am: 10.07.2007, 19.12 Uhr