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Die Herkunft der Ackerbaukultur Steinzeit-Vorfahren

aus der Sendung vom Donnerstag, 2.2.2006 | 22.15 Uhr | SWR Fernsehen

Eine gut erhaltene Mumie aus der Steinzeit, wie etwa der berühmte Ötzi, ist ein sehr seltener Glücksfall für Archäologen. Denn ein solcher Fund erzählt viel über die Bedingungen, unter denen die Menschen damals gelebt haben - im Fall von Ötzi vor immerhin gut 5.000 Jahren. Geht man in der Geschichte jedoch weiter zurück, müssen sich die Forscher meist mit weit weniger zufrieden geben: Ein paar Knochen und Scherben - viel mehr ist da oft nicht zu finden.

Eine Pinzette hält ein Stück Knochen, welches aus einem großen Knochen gesägt wurde

Uralte Knochen mit reichlich neuen Infos

Dass sich aber auch aus ein paar alten Knochen ganz erstaunlich viel herauslesen lässt, haben jetzt Mainzer Forscher bewiesen: Mit High-Tech-Methoden, die sonst eher in der modernen Gerichtsmedizin eingesetzt werden, haben sie eine Reihe von Steinzeit-Ackerbauern untersucht. Eine Suche nach unseren eigenen Wurzeln, denn diese Menschen, so meinen viele Experten, könnten unsere direkten Vorfahren gewesen sein.

Im Sicherheitsbereich des Spurenlabors der Uni Mainz: Forscher versuchen, aus dem Schädelknochen einer Ziege und dem Schädel eines Bauern Erbgut zu isolieren - die DNA. Sehr alte DNA. Denn gelebt haben die beiden in der Steinzeit, genauer: der Jungsteinzeit, vor gut siebeneinhalb tausend Jahren.

Ackerbau und Viehzucht brachten die Wende

Der Bauer gehörte damals zu den "Revolutionären" der Jungsteinzeit. Eine "Revolution" mit Bohnen und Korn. Denn Ackerbau und Viehzucht veränderten das Leben der Menschen damals von Grund auf. Die Bauern konnten Lebensmittel auf Vorrat produzieren und waren deshalb nicht so sehr dem Schicksal ausgeliefert, wie noch die Jäger und Sammler.

Sie bauten Dörfer und wurden sesshaft. Damit legten diese Bauern den Grundstein für unsere heutige Zivilisation. Die alles entscheidende Erfindung war dabei der Ackerbau. Und diese revolutionäre Kulturtechnik hatten die Steinzeitbauern aus Ihrer Heimat mitgebracht: aus Anatolien. Dort lernten sie, wie man die nahrhaften, wilden Gräser anbauen muss.

Aber dann verdorrten die Felder weil sich wohl plötzlich das Klima veränderte: die Bauern mussten wegziehen. In die Ägäis. Aber nach einigen Generationen vertrockneten auch hier die Äcker und sie zogen weiter nach Südosteuropa. Entlang der Donau kamen sie schließlich zu uns. Mit dem Ackerbau hatte die Jungsteinzeitliche Revolution Zentraleuropa erreicht.

Fragile Spuren

Das Problem der Forscher: Die Gebeine des Steinzeitbauern, die über Jahrtausende in der Erde lagen, enthalten nur noch minimale Mengen alter DNA - und die kann durch die kleinste Verunreinigung vernichtet werden, erklärt der Anthropologe Prof. Joachim Burger von der Uni Mainz: «Wir übertreiben es etwas mit der Sauberkeit, aber nicht ohne Grund. Denn wir müssen natürlich aufpassen, dass von den Bearbeitern, Mitarbeitern aber auch von den Chemikalien und Gegenständen, die in das Labor hineinkommen, keine Kontaminationen auf das Untersuchungsgut, sprich: die Knochen, fällt. Und das geht sehr schnell. Also während wir hier reden, sind hier im Prinzip schon Millionen von Kopien meiner DNA und Ihrer eben auch, auf dem Tisch. Und auch noch in ein paar Wochen könnte ich Ihre Gegenwart hier nachweisen. Sie können sich also vorstellen: die Bearbeiter selber sind die größte Gefahr für das Untersuchungsgut.»

Dass der Knochen von einem "modernen" Steinzeitbauern stammt und nicht von einem "Auslaufmodell Jäger und Sammler", wissen die Forscher aus den Funden in der Nähe des Skeletts. Denn die mit Bändern verzierten Keramik-Töpfe, die dort entdeckt wurden, sind ganz typisch für die jungsteinzeitlichen Bauern, die darin ihre Vorräte aufbewahrten. Dank ihrer überlegenen Ackerbautechnik haben diese Bauern wohl die Jäger und Sammler in Europa verdrängt und dürften unsere Vorväter sein.

Die Suche nach unseren Wurzeln

Die genetische Untersuchung im Spurenlabor ist also eine Suche nach unseren eigenen Wurzeln. Eine Art Vaterschaftstest: ist der revolutionäre Steinzeitbauer tatsächlich unser Urahn - stammen wir im Grunde aus Anatolien? Die Antwort steckt in den gemahlenen, uralten Knochen von über 50 Skeletten aus der Jungsteinzeit. Bei 24 Steinzeit-Ackerbauern haben es die Mainzer Forscher tatsächlich geschafft: sie konnten die uralte DNA herauslösen. Was sie dabei aber entdeckten, war eine große Überraschung:

«Wir dachten, wir untersuchen die frühen Ackerbauern und finden unsere Vorfahren. Tatsächlich haben wir ganz fremde Leute gefunden, die mit uns nichts zu tun haben. Das heißt: die sind, nachdem sie die Kultur hier in Europa implementiert haben, ausgestorben - warum auch immer. Die Kultur lebt weiter, bis zum heutigen Tag - mehr oder weniger - und die Leute sind weg», erzählt Joachim Burger.

Die "primitiven Wilden" überlebten

Stattdessen haben die Jäger und Sammler überlebt - obwohl viele Experten vom Gegenteil überzeugt waren. Diese vergleichsweise "primitiven Wilden" sind wohl unsere Vorfahren. Sie wurden nicht von den technisch weit überlegenen, modernen Ackerbauern verdrängt. Vermutlich, weil beide Gesellschaften nebeneinander existieren konnten. Wie, das erklärt der Archäologe Dr. Detlef Gronenborn vom Römisch-Germanisches-Zentralmuseum in Mainz: «Bauern und Sammler und Jäger hatten unterschiedliche ökologische Nischen besetzt. Die Bauern in den dichten Wäldern, die dann natürlich gerodet wurden - man spricht auch von Rodungsinseln. Und das zeigen auch die ganzen Rekonstruktionen, dass man sich diese Dörfer vorzustellen hat wie im Amazonas, im Urwald: Dass, umgeben von Unmengen Grün, dort so eine kleine bäuerliche Insel stand. Das haben die Bauern genutzt und die Jäger/Sammler waren in den Mittelgebirgen, die nicht so dichte Wälder hatten - oder eben in den großen Flusstälern, die aufgrund der saisonalen Überschwemmungen für die Bauern auch nicht genutzt werden konnten.»

In den Dörfern der Jungsteinzeit haben sich damals wohl die Jäger und Sammler und die Bauern getroffen. Dort haben unsere Vorfahren gelernt, wie Ackerbau und Viehzucht funktionieren. Die aus Anatolien stammenden "Entwicklungshelfer" sind dann ausgestorben - warum auch immer. Geblieben ist ihre moderne Technik, aus der schließlich unsere Kultur und Zivilisation hervorging.

Patrick Hünerfeld

Letzte Änderung am: 10.07.2007, 19.05 Uhr