aus der Sendung vom Donnerstag, 2.2.2006 | 22.15 Uhr | SWR Fernsehen
Wie lange die Steinzeit dauerte, ist eine schwierige Frage. Denn ob und in welcher Weise die ältesten bekannten Urmenschen vor 2,5 Millionen Jahren schon Werkzeuge aus Stein herstellten und benutzten, lässt sich nicht sicher klären. Und zu Ende ging die Steinzeit auch nicht mit einer präzisen Jahreszahl, von der ab sich metallische Werkzeuge in den Kulturen als Produktionsmittel durchsetzten.

Mit den Neandertalern begann es
Sicher ist nur, dass es in der langen Zeit - vom Auftauchen der ersten Hominiden bis zu den letzten europäischen "Jungsteinzeitlern" vor etwa 5000 Jahren - eine enorme Vielzahl steinzeitlicher Lebensformen gab. Dass Adam und Eva nicht die einzigen Ahnen in der langen Galerie sind, ist allerdings eine sehr, sehr junge Auffassung. Denn erst vor 150 Jahren begann mit den Neandertalern die Geschichte des Steinzeitmenschen - genauer: Er trat in die Geschichte ein und wurde zu einem der Kronzeugen der Evolutionstheorie. Seither suchen wir nach unseren ältesten Vorfahren.
Erst seit 1856 im Neandertal bei Düsseldorf etwa 40.000 Jahre alte Knochen gefunden wurden, machen wir uns ein Bild des Steinzeitmenschen. Es hat sich ständig gewandelt - mit dem Zeitgeist. Dass die Neandertaler ausstarben und nicht unsere direkten Vorfahren sind, wissen wir erst seit zehn Jahren.
David Friedrich Weinland schrieb 1875 den Steinzeitroman "Rulaman". Er und sein Illustrator stellten sich die Leute aus der Steinzeit als eine Art "edler Wilder" auf urgermanischem Territorium vor. Damals entsprach das Bild vom Steinzeitmenschen den Vorstellungen des Jahrhunderts - und hatte mit Darwins Ideen von den äffischen Vorfahren wenig zu tun. Geschichte und Menschenbilder gingen auf griechische und römische Antike zurück. Die Bilder schwanken zwischen dem Wunsch nach unverdorbenen Helden, die Gut und Böse noch klar trennen konnten, und Angst vor triebhaften Barbaren. Sie entsprechen den romantischen Ansichten des 19. Jahrhunderts.
Als um 1900 Kolonialtruppen aus Europa die letzten Winkel Afrikas unterwarfen, hatten sie keinen Sinn für Steinzeitromantik. Sie fühlten sich als "Herren" über Primitive - so wie der deutsche General von Trotha, der das Volk der Herero massakrieren ließ.
Romantisch verklärt wird die Steinzeit auch im 20.Jahrhundert immer wieder, beispielsweise in dem Stummfilm "Natur und Liebe" aus den 1920er Jahren. Der Zeitgeist der Freikörperbewegung setzte Natürlichkeit und Naivität der Nackten gegen eine bigotte und prüde Gesellschaft.
Noch in den 1970er Jahren wurden steinzeitliche Stämme entdeckt. Aber für viele der uralten Kulturen, etwa auf Neuguinea, brachte die Begegnung mit der modernen Welt das Ende. Ein Beweis für Matriarchate in Steinzeitkulturen findet sich bis heute weder dort noch bei den Fossilien, aber Feministinnen haben einen typischen Streit unserer Zeit auf sie projiziert. Aus Miniaturskulpturen von Frauen mit Riesenbrüsten und -schenkeln machten sie Königinnen oder Fruchtbarkeitsgöttinnen - es könnte sich aber ebenso gut um prähistorische Pornos handeln.
Wie immer sagen auch hier Geschichtsbilder viel über diejenigen, die sie konstruieren. Und so passt der 5000 Jahre alte Steinzeitjäger "Ötzi" als Medienstar perfekt in unsere Welt. Das Mordopfer in der Gerichtsmedizin: eine Story für alle Programme. Ob er in der Rolle unsterblich wird?
Chancen auf Unsterblichkeit hat auf jeden Fall ein Amerikaner, der steinstark sogar im Internet weiterlebt und die Wonnen des Kleinbürgerdaseins demonstriert: Fred Feuerstein. Yappadappadooooo!
Letzte Änderung am: 11.05.2011, 18.36 Uhr