Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 7.6.2007 | 22:21 Uhr | SWR Fernsehen

Das Jahrhunderthochwasser Die große Flut 2002

Chronik einer Katastrophe

Im Sommer 2002 traten die Elbe und ihre Zuflüsse über die Ufer. Das Jahrhunderthochwasser hinterließ eine Schneise der Verwüstung. Tausende Menschen verloren ihr Hab und Gut. Eine Chronik der Katastrophe.

Der 12. August 2002 war ein schwüler Tag. Der Wetterbericht versprach ein kühlendes Sommergewitter. Ob noch im Riesengebirge oder schon weiter unten im Elbsandsteingebirge: Naturfreunde richteten sich auf einen Abendspaziergang im warmen Regen ein - doch es kam anders.

Als sei ein Krieg darüber hinweggegangen

Blick auf ein teilweise eingestürztes Haus, das von Wasser umspült wird

Der Wetterbericht versprach ein kühlendes Sommergewitter

An diesem einen Augusttag stürzte so viel Wasser vom Himmel wie sonst in einem halben Jahr. Die Dörfer im Erzgebirge traf es als Erste. Der Elbzufluss Müglitz brachte den Tod nach Weesenstein. Zwei Bewohner ertranken, als sie frisch gebackenen Kuchen holen wollten. Das Hochwasser hinterlässt Trümmerlandschaften, als sei ein Krieg darüber hinweggegangen.

Monate später plätscherte die Müglitz - wieder schmal und flach - der Elbe entgegen. Ob der Wiederaufbau in Weesenstein von Dauer sein wird? Der nächste große Regen kommt garantiert, sagen die Klimaforscher. Das sommerliche Tief mit dem Namen "Ilse" war extrem regenreich, aber nicht einzigartig.

In Deutschland richtete die August-Flut einen Schaden von 9,2 Milliarden Euro an, sechs Milliarden allein in Sachsen. Die Riesensumme ist zwar nur halb so hoch wie die Regierung zunächst schätzte, dennoch: Um das alles zu bezahlen, musste Berlin die nächste Stufe der Steuerreform verschieben.

Auch wenn der Fluss sich wieder beruhigte - damals starben 21 Menschen. Eine Frau stürzte aus dem Rettungsgurt eines Helikopters, ein Katastrophentourist kenterte mit dem Schlauchboot, die meisten der Flutopfer ertranken.

14 mal so viel Wasser wie normalerweise

Durch den Dresdener Stadtteil Laubegast schaffte es nur noch das Militär. Ein schrecklicher Rekord: Die Elbe führte 14 mal so viel Wasser wie in normalen Zeiten. Der Fluss stieg damals bis zu den Fensterläden des kleinen Hauses von Daniel und Tabea Köbsch, doch die Besitzer hielten durch. Trotz Wasser und Schlamm im Haus - eine elementare Erfahrung für die Sozialpädagogin und den Krankenpfleger.

Längst verloren geglaubte Werte tauchten im Anblick der Katastrophe wieder auf: Heimat und Demut. Tabea Köbsch: "Also ich kann auch immer nur sagen, es war für mich auch in gewisser Weise eine, ja - fast heilsame Erfahrung zu merken, dass man wirklich manche Sachen einfach nicht beeinflussen kann. Also man ist nicht allmächtig über Wasser, über Wind, über was weiß ich!"

Wo normalerweise Dampfer durch Dresden ziehen, raste damals die Flut. Den Hauptbahnhof von Dresden nahm das Wasser von oben und von unten ein. Auf 9,40 Meter kletterte im August der Pegelstand der Elbe. Aus den Seitentälern stürzten Reißbäche wie die Weißeritz. Die Natur eroberte sich alles zurück. Der Meteorologe Gerd Tetzlaff: "Die Dresdner haben die Weißeritz umgeleitet, weil sie große Bauvorhaben vorhatten und das dafür notwendig war. Und dann hat man das so berechnet und bemessen, dass die Weißeritz eigentlich normalerweise nicht in ihr altes Bett zurück kann. Aber natürlich war auch vorgesehen, dass, wenn ganz besonders große Niederschlagsereignisse entstehen, das Hochwasser so hoch werden kann, dass es eben zu Überflutungen kommt. Und wenn es dann zu Überflutungen kommt, dann sucht sich der Fluss natürlich den Lauf, der ihm von der Natur großräumig vorgezeichnet ist. Und der führt dann in diesem Fall durch den Dresdner Hauptbahnhof."

Die Elbe - eine Seenlandschaft

Die Elbe bei Dresden war in jenem August eine Seenlandschaft. Das Wasser strömte von unten aus der Kanalisation, es strömte in die Semperoper und in den Zwinger und es strömte in die Galerie "Alte Meister". Eine nasskalte Gefahr für die unersetzlichen Werke von Rembrandt und Rubens.

In nur fünf Stunden überrollte die August-Flutwelle Grimma, begrub die Gassen der Altstadt unter sich; Straßen, auf denen die Menschen am Morgen noch zur Arbeit gingen, waren am Abend reißende Ströme - Ausnahmezustand in dem mittelalterlichen Städtchen 80 Kilometer westlich von Dresden. Über Stunden waren die Bewohner in den oberen Stockwerken gefangen.

Mit Schaufelladern wurden Menschen gerettet. Der Bürgermeister leitete den Einsatz, ans Dach der Baumaschine geklammert. Doch selbst schweres Gerät versagte in den Fluten. Die beschauliche Mulde übersprang an diesem Augusttag ihre eigenen Brücken.

Wo das Wasser im August bis zum ersten Stock stand, hämmern die Handwerker Wochen später emsig am Wiederaufbau. In kaum einer Stadt in Sachsen hat das Leben im Zentrum so sehr gelitten. Aber auch in kaum einer Stadt in Sachsen ging es so schnell wieder bergauf.

Ein ganzer Damm - einfach weg

Eine Radiomeldung: "In Bitterfeld begannen in der Nacht Evakuierungsmaßnahmen in zunächst zwei Stadtteilen. Noch immer strömt Wasser durch den gebrochenen Damm an der Mulde." Ein ganzer Damm - einfach weg. Tagelang strömte das Mulde-Hochwasser in den Goitzschesee bei Bitterfeld.

Der ehemalige Braunkohle-Tagebau - eigentlich ein Erholungsgebiet. Ein Ort, an dem die Bitterfelder gern spazieren gingen. Dann bedrohte der See die Stadt, die Wasserfront verlief am Sandsackdeich.

Viele fürchteten damals, Bitterfelds Chemiefabriken könnten im August-Hochwasser versinken. Ein Szenario des Schreckens. Bei Bayer standen Lehrlinge neben Abteilungsleitern, eine ganze Belegschaft schaufelte Sand. Vier Kilometer weiter war der Kampf bereits verloren. Die Polizei bat die Bewohner, den Innenstadtbereich zu räumen. Der Damm am Fritz Heinrich Stadion hatte nachgegeben.

Bitterfeld - eine Geisterstadt. An nur einem Tag verloren viele, wofür sie nach der Wende zehn Jahre lang geschuftet hatten. Und sie durften noch nicht einmal zusehen, wie ihr Hab und Gut in den August-Fluten versank.

Deichbruch an der Elbe - nördlich von Torgau

An der Elbe hofften sie noch. Bundeswehr und Grenzschutz versuchten die Deiche zu retten. Viele davon sind alt, das Hochwasser machte sie weich. Nördlich von Torgau, gegenüber einer Fabrik geschah es dann doch: Der Deichbruch. In weniger als einer Stunde klaffte ein Loch von über 100 Metern. Im Hinterland überschwemmte das Wasser selbst Dörfer die viele Kilometer von der Elbe entfernt liegen. Das Feld hinter dem gebrochenen Deich war auch Monate später immer noch verwüstet.

Der Deutschlandfunk meldetet: "Das Hochwasser der Elbe bewegt sich weiter Richtung Norden. Nach mehreren Deichbrüchen bei Wittenberg in Sachsen-Anhalt mussten in der Region rund 40.000 Menschen ihre Wohnungen verlassen."

Auch Gunhild Scheffler musste ihr Haus räumen. Ihr war es fast egal, die meiste Zeit verbrachte sie ohnehin im Stall. Kein Gedanke ans eigene Heim, an Schlaf, an Essen - zuerst die Tiere, so haben es die Schefflers immer schon gehalten. Doch der Kampf der Augusttage nützte wenig: Von den 750 Schweinen kam jedes dritte im Hochwasser um.

Mehr als 70.000 Soldaten, Grenzschützer, Feuerwehrleute, das Technische Hilfswerk, das Rote Kreuz und andere zivile Organisationen standen im August an den Deichen. Mehr als die Hälfte davon schickte die Bundeswehr, es war der größte Katastropheneinsatz in ihrer Geschichte. Die Zweifel, ob die Helfer immer sinnvoll eingesetzt waren, kamen erst später.

Der große Plan, der fehlte im August. Viel menschliche Kraft ging so verloren, trotz Disziplin und Organisation, sagen die Kritiker.

aus der Sendung vom

Do, 7.6.2007 | 22:21 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2012

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.

Aktuell im SWR