aus der Sendung vom Donnerstag, 19.4.2007 | 22.01 Uhr | SWR Fernsehen
Während es bei der richtigen Dosierung von Medikamenten bei Kindern noch an Wissen fehlt, gibt es bei der Kindertauglichkeit von Impfstoffen kaum Probleme, denn dort wurde schon frühzeitig investiert und entwickelt. Die Geschichte der Impfungen wurde ganz entscheidend von Kinderkrankheiten vorangetrieben.

Das 18. Jahrhundert
Es gab sie schon immer: gefürchtete Infektionskrankheiten, die sich wie ein Flächenbrand unter der Bevölkerung ausbreiteten. Im 18. Jahrhundert lösen die Pocken die Schrecken der Pest als schlimmste Krankheit ab. In dieser Zeit fällt jedes zehnte Kind noch vor seinem zehnten Lebensjahr dieser Vireninfektion zum Opfer. Deswegen gelten die Pocken vielerorts auch als Kinderkrankheit. Oft zählen Kinder erst dann zur Familie, wenn sie die Pocken überstanden haben. Denn es zeigt sich, dass sie danach gegen eine weitere Ansteckung immun sind.
Einen entscheidenden Fortschritt im Kampf gegen die Pocken gelingt dem britischen Landarzt Dr. Edward Jenner. Er entdeckt, dass jemand, der sich einmal mit Kuhpocken infiziert hatte, ebenfalls gegen menschliche Pocken immun ist. Jenner wagt ein heikles Experiment: Zum Schutz impft er Gesunde mit den harmlosen Kuhpocken - und hat Erfolg. Die Impfung mit Kuhpocken kann die Ansteckung mit den echten Pocken verhindern.
Das 19. Jahrhundert
Die systematische Ausrottung der Pocken beginnt aber erst rund 100 Jahre später mit einer Zwangsmaßnahme. Im 19. Jahrhundert tritt nach und nach das Pockenimpfgesetz in Kraft. Gegen den Willen der Kirche - aber mit Erfolg. 1980 erklärt die WHO die Pocken für ausgerottet.
Das 20. Jahrhundert
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Kinderlähmung, die Poliomyelitis, die wohl schlimmste Epidemie nach den Pocken. Polioviren zerstören die muskelsteuernden Nervenzellen des Rückenmarks. Die Folge sind schwere, dauerhafte Lähmungen. In einigen besonders schweren Fällen kann nur die eiserne Lunge den Patienten das Atmen ermöglichen. Bis zu 20 Prozent der an Kinderlähmung Erkrankten sterben. Die Krankheit betrifft überwiegend Kinder zwischen drei und acht Jahren.
Dr. Elisabeth Schwarzhaupt, Gesundheitsministerin in den 60er Jahren, fasst die Situation zusammen: "Es ist jedenfalls richtig, dass in den beiden letzten Jahren in Deutschland, im Vergleich mit allen anderen europäischen Ländern, prozentual die meisten Menschen an Kinderlähmung erkrankt sind, nämlich 4.605 Menschen im Jahr 1961."
Die 1960er Jahre
Anfang der 60er Jahre geben neuentwickelte Impfstoffe Hoffnung. In der DDR wird 1960, in der BRD 1962 die Schluckimpfung eingeführt. "Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam" wird der bundesweite Slogan. Der Impfstoff besteht aus abgeschwächten, lebensfähigen Viren. Das Misstrauen ist Anfangs groß, vor allem wegen der möglichen Impfrisiken. Denn die Erreger aus dem Lebendimpfstoff können einige Zeit nach der Schluckimpfung ausgeschieden werden. In einigen Fällen haben sich so Ungeimpfte beim Wickeln von Kleinkindern infiziert. Trotzdem zeigt die Schluckimpfung Wirkung. Nur vier Jahre nach der Einführung der Schluckimpfung konnte ein Rückgang der Neuerkrankungen von über 90 Prozent verbucht werden.
Nach der Kinderlähmung ist in den 60ern der Keuchhusten eine der gefürchtetsten Infektionskrankheiten mit der höchsten Säuglingssterblichkeit. Erkrankten Kindern versucht man mit ungewöhnlichen Methoden zu helfen: Etwa mit so genannten Keuchhustenflügen. Der Flug in die Zonen des Unterdrucks, der Staub und die keimfreie Luft sollen den kranken Kindern Linderung verschaffen. Die Uniklinik Freiburg bescheinigte dieser Therapie einen Erfolg von 82 Prozent.
Unterdruck und Luftbeschaffenheit wirken sich offenbar recht günstig auf die erkrankten Atmungsorgane aus. Trotzdem ist die Höhentherapie umstritten. Nicht zuletzt deshalb weil sie erst dann angewendet werden kann, wenn ein Kind bereits an Keuchhusten erkrankt ist. Viele Ärzte fordern deshalb, dass die moderne Medizin auch für Keuchhusten vorbeugend wirken müsse. Darum gesetzliche Schutzimpfung.
Anfang 1990
Anfang der 90er. Im Westteil Berlins steigt die Zahl der Masernfälle um das fünf- bis zehnfache. In einigen Fällen treten Folgeschäden auf wie Lungen- und Mittelohrentzündung oder die gefährliche Hirnhautentzündung. Folgen, die oft unterschätzt werden. Im Westen der Stadt nehmen, laut behandelnder Ärzte, nur etwa 60 Prozent der Eltern die Chance wahr, ihr Kind durch eine Impfung vor Masern zu schützen. Im Osten Deutschlands gab es bis 1989 die Pflichtimpfung, wodurch dort noch über 95 Prozent der Bevölkerung geschützt sind. Aber in Zeiten, in denen die Kinderkrankheit ihre Schrecken verloren haben, wachsen Vergessen und Impfmüdigkeit.
Andrea Wengel
Letzte Änderung am: 09.07.2007, 17.58 Uhr