aus der Sendung vom Donnerstag, 8.3.2007 | 22.01 Uhr | SWR Fernsehen
Man kann zwar nicht sagen, dass damit alles angefangen hat, aber für das frühe Mittelalter ist es ein entscheidender Moment: Im Mittelpunkt steht ein Gelenk. Heinrich IV. geht 1077 nach Canossa und fällt vor dem Papst auf die Knie. Zu diesem Zeitpunkt ist die Medizin noch nicht einmal in den Kinderschuhen. Und von dem, was im Körper vor sich geht, hat man nur eine vage Vorstellung. Wenn es im Knie zwickt, dann geht es zum Bader oder Barbier. Der ist neben Haare schneiden auch dafür zuständig schmerzende Zähne zu ziehen oder bei Verletzungen Hand anzulegen. Oft heißt das Mittel der Wahl Amputation.
Das 19. Jahrhundert
Im ausgehenden 19. Jahrhundert entdeckt der preußische Militarismus, dass das Knie an und für sich überflüssig ist. Kaiser und Generäle erfreuen sich am zackigen Stechschritt ihrer Soldaten. Bei dem Paradeschritt bleiben beide Beine möglichst steif. Etwa zur gleichen Zeit hat die moderne Medizin auch in der Chirurgie beachtliche Fortschritte gemacht: Operationen am Meniskus sind Ende des 19. Jahrhunderts durchaus üblich. Und auch an ein künstliches Kniegelenk wird schon gedacht. Der Arzt und Chirurg Themistocles Gluck stellt das erste künstliche Kniegelenk vor. Es ist aus Elfenbein.
Die 1920er
In den goldenen zwanziger Jahren feiert das Volk, und die neuen Tänze bringen das Knie wieder in den Vordergrund. Das Zeitalter der modernen Chirurgie beginnt. Der berühmte Arzt Dr. Sauerbruch erfindet OP-Methoden am laufenden Band und seine Kollegen aus der Orthopädie versuchen, verletzte Kreuzbänder zu reparieren.
Die 1950er
In den fünfziger Jahren bringt das Wirtschaftwunder den Menschen nach einem arbeitsreichen Tag mehr Freizeit. Sie entdecken den Sport und damit neue Aufgaben für das Knie. Die daraus resultierenden häufigeren Unfälle vermehren die Zahl der Knieleiden. Doch nicht nur das. Die Menschen werden älter und der Verschleiß in den Kniegelenken spielt eine größere Rolle als früher.
Die 1970er
Fast 900 Jahre nach dem Kniefall Heinrichs des IV. rückt Willy Brandt das Knie erneut ins Zentrum des Weltgeschehens. Das Bild seines Kniefalls am Mahnmal in Warschau geht um die Welt. Gleichzeitig entdecken Sportler und Mediziner ein kleines Teil im Knie, das gerne Probleme macht: den Meniskus. Mangelnde Kenntnis und medizinische Überheblichkeit lässt die Chirurgen glauben, der Meniskus sei verzichtbar - sie entfernen ihn kurzerhand. 20 Jahre später sind die Mediziner schlauer. Und die am Meniskus Operierten leiden unter verstärkten Verschleiß des Kniegelenks.
Die 1980er
Ende der achtziger Jahre wird die Kniechirurgie durch eine Operationsmethode revolutioniert, die bereits sechzig Jahre zuvor, Anfang 1920, entwickelt wurde. Bei der Arthroskopie wird das Knie für die Operation nicht mehr aufgeschnitten. Statt dessen wird das OP-Besteck durch ein kleines Loch geführt. So werden die Operationsmethoden immer raffinierter, während die Ansprüche an das Knie immer größer werden.
Letzte Änderung am: 18.10.2007, 18.20 Uhr