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Fernsehen im SWR

Hilfe, Selbstmord und Abhängigkeit Zeitreise: Schlaftabletten

aus der Sendung vom Donnerstag, 21.12.2006 | 22.01 Uhr | SWR Fernsehen

Schon die alten Griechen um den Philosophen Aristoteles beschäftigen sich mit dem Schlaf. Seit Urzeiten versuchen die Menschen Mittel zu finden, die den Schlaf verlängern, verbessern und künstlich, zu jeder Tages- und Nachtzeit herbeiführen sollen. Lange helfen dabei Heilpflanzen wie Baldrian und Hopfen, es wird aber auch mit stärkeren und wirkungsvolleren Mitteln experimentiert. Alkohol, Opium und Haschisch werden als Schlafhilfen verwendet. Auch die Alchemisten versuchen schon früh, Schlafmittel zu mischen.

Justus von Liebig wird als Sohn eines Drogisten und Farbenhändlers geboren. Schon sehr früh experimentiert er mit chemischen Substanzen. Viele bedeutende Entdeckungen begleiten das Forscherleben des deutschen Autodidakten. So erfindet er Backpulver, Kunstdünger und beschreibt 1832 erstmals die chemische Formel von Chloralhydrat, dem ersten chemischen Schlafmittel. In den folgenden Jahrzehnten gibt es verschiedene Ansätze für neue Schlafmittel. Ende des 19ten Jahrhunderts übernimmt die Gruppe der Barbiturate die Führungsrolle unter den Schlafmitteln.

Die industrialisierte Welt verlangt nach Schlafmitteln

Der Tagesablauf der Menschen wird in zunehmendem Maß vom Takt der Maschinen bestimmt, und die standen nicht still: produziert wurde Tag und Nacht, Sonntags und Feiertags. Die Arbeiter, welche die Kohle aus den Bergwerken holten oder die Hochöfen bedienten, müssen ihren Lebensrhythmus anpassen. Mit dieser Entwicklung wird der Schlaf zum Problem. Es wird zu wenig und zu unregelmäßig geschlafen.

Erstmals in der Pharmaziegeschichte werden Arzneimittel außerhalb der Apotheken hergestellt. Die Industrialisierung setzt sich auch bei Chemiefirmen durch. Neue Mittel finden schnell den Weg zu den Händlern. Doch da es keine einheitlichen Arzneimittelgesetze gibt, kann die Abgabe von Schlafmitteln nicht genügend kontrolliert werden. Bei Barbituraten hat das schwere Folgen, denn die Schlafmittel bergen ein hohes Suchtpotential und sind bei Überdosierung tödlich.

Ein neues Wundermittel wird angepriesen: Contergan

Mit Contergan beginnt das dunkelste Kapitel der deutschen Pharmaziegeschichte. Weltweit werden über 10.000 Fälle von contergangeschädigten Kindern gemeldet. Tausende sterben an dem vermeintlichen Wundermittel. Erst nach vier Jahren und ungezählten Hinweisen aus Medizinerkreisen wird das Mittel vom Markt genommen. Der anschließende Prozess dauert Jahre und bringt für die Verantwortlichen des Pharmaunternehmens Grünenthal Freisprüche. Den Betroffenen wird eine geringe Rente zugesprochen. Nach dem Skandal wird weiter nach Lösungen für das Sucht- und Überdosisproblem bei Schlafmitteln gesucht.

In den 1960ern erobert eine neue Gruppe Schlafmittel den Markt: Die Tranquilizer oder Benzodiazepine mit dem wohl bekanntesten Markennamen Valium. Die entscheidende Verbesserung dieser Mittel ist die nicht mehr tödlich wirkende Überdosis. Trotzdem bleibt ein hohes Suchtpotential. In den Sechzigern wird das erste deutsche Arzneimittelgesetz verabschiedet. Es kommt 100 Jahre nachdem die Arzneimittelherstellung die Apotheken verlassen hat. Ausreichend ist es allerdings noch immer nicht, erst das zweite Arzneimittelgesetz schreibt den Produzenten neuer Arzneimittel vor, über Wirkungsweise und Nebenwirkungen aufzuklären.

Die großangelegte Schlaflaborforschung

Nach den USA wurde jetzt auch in Deutschland die systematische Erforschung des Schlafs im Labor vorangetrieben. Es zeigte sich, dass verschiedene Schlafmittel das zentrale Nervensystem hemmen und den Tiefschlaf unterdrücken. Der künstliche Schlaf macht bewusstlos und bietet keine Erholung. Ein wirkungsvolles Produkt, frei von Nebenwirkungen, ist bis heute nicht gefunden.

Thomas Niemietz

Letzte Änderung am: 11.05.2011, 18.29 Uhr