aus der Sendung vom Donnerstag, 23.11.2006 | 22.02 Uhr | SWR Fernsehen
Die Zahl der Verkehrstoten ist seit dem Höchststand Anfang der 70er Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Doch die absoluten Zahlen sind nach wie vor erschreckend: Im vergangenen Jahr wurden 5.361 Menschen auf deutschen Straßen getötet und fast 440.000 verletzt. Diese Zahlen lassen nur einen Schluss zu: Nicht der Mensch sollte sich dem Verkehr anpassen, sondern der Verkehr dem Menschen - mit all seinen Fehlern. Das würde allerdings ein komplettes Umdenken in der Verkehrssicherheit erfordern. Wir haben einmal einen Blick zurück geworfen.

Sicherheit verkauft sich gut. Das war schon in den Fünfzigern so. Ob Scheibenwischanlage, Leuchtreifen oder Anti-Rutsch-Bezug fürs Gaspedal, der Kunde kauft damit auch - Geborgenheit. Der "Technische Überwachungs-Verein", der bis dato vorrangig für Dampfkesselprüfung zuständig war, checkt nun auch die Fahrzeugsicherheit. Die Behörde ruft, der Bürger folgt. Vor den heiligen TÜV-Hallen bilden sich lange Fahrzeugschlangen. Auch wenn so mancher Autofahrer zugibt, nicht zu wissen, was die Prüfplakette bedeutet.
Außer der Technik spielt bei der Verkehrssicherheit aber auch Psychologie eine Rolle: Politessen erhalten in Seminaren Nachhilfeunterricht im korrekten Umgang mit Verkehrsteilnehmern. Und es werden Psychogramme von Verkehrsschülern oder -sündern erstellt. Der unschöne Begriff "Idiotentest" kommt auf. Und schließlich werden seit 1953 alle Verkehrsdelikte und Unfälle statistisch erfasst. Die Sicherheit auf deutschen Straßen lässt sich nun in Punkt und Komma ausdrücken: Vor der Jahresstatistik des automobilen Wahnsinns gibt es kein Entrinnen.
1966 eröffnet das Fernsehen seinen Verkehrsgarten: Die WDR-Serie "Der 7. Sinn" zeigt dem deutschen Autofahrer, wo es lang geht. Etwa wenn die markante Sprecherstimme von Egon Hoegen die Zuschauer über Unfallursachen aufklärt: "Sehen Sie sich das mal schematisch an: Sie schneiden die Kurve, aber sie sehen nicht. Sie können nicht sehen was auf der anderen Seite vor sich geht."
Doch der "7. Sinn" am Steuer lässt sich nicht verordnen. Moderne Autos müssen daher etwas wegstecken können: Spektakuläre Crash-Tests bringen den Experten die notwendige Knautschzonen-Erkenntnis. Gesucht: Das sicherheitstechnisch perfekte Fahrzeug.
Da kommt der "rettende Riemen" 1967 gerade recht: Der Sicherheitsgurt. Und der wird gleich zum Aufreger: "Gefesselt ans Auto!" heißt es. Und das trotz Werbeeinsatz von Sympathieträgern wie Dieter Kürten, der sich in einem Fernsehspot beherzt anschnallt - der "Gurtmuffel" ist nicht klein zu kriegen.
In der folgenden Zeit dann steigende Unfallzahlen: 1970 wird mit 21.000 Verkehrstoten ein trauriges Rekordjahr. Das Klima wird rauer. Ein Entertainer im Fernsehen kalauert: "Bei mir nur noch rigoros: Wenn mich einer ärgert im Straßenverkehr: Aussteigen, Meinung sagen, Leiche verscharren, weiterfahren!"
1980 ist die Zeit reif für den großen Knall: Der Airbag, in Deutschland entwickelt, wird zur Ikone der Sicherheitstechnik: Das sanfte Ruhekissen im Stahlgewitter. Wer braucht da Tempo 100 auf Autobahnen? 1985 wird ein Großversuch in Deutschland abgeblasen: Zu wenig Schadstoffreduzierung für den ganzen Aufwand ? "nur" 10 Prozent weniger Stickoxide wurden während der Zeit des Tempolimits gemessen. Es darf weiter geheizt werden, auf deutschen Autobahnen.
Die Autolobby atmet auf und arbeitet weiter an kostspieliger moderner Sicherheitstechnik, an der Illusion der weichen Landung trotz Bleifuß - und das verkauft sich immer noch gut.
Letzte Änderung am: 11.05.2011, 18.52 Uhr