aus der Sendung vom Donnerstag, 6.7.2006 | 22.08 Uhr | SWR Fernsehen
Schon im Mittelalter, bei der Gründung der Universitäten, wurden die Frauen per Gesetz vom Studium ausgeschlossen. Die weibliche Konkurrenz einfach ausgeschaltet. So entwickelte sich auch die akademische Medizin in den Universitäten bis weit ins 19. Jahrhundert ohne die Beteiligung von Frauen. Außer in Italien: Dort gab es in der wissenschaftlichen Medizin immer Frauen, so etwa die Anatomieprofessorin Anna Manzolini, die im 18. Jahrhundert an der Universität Bologna lehrte.

Am längsten hielt sich die medizinisch-akademische Männerfestung in Deutschland. In Preußen dauerte es bis zum Jahr 1908, bis die ersten Studentinnen zum Medizinstudium zugelassen wurden. Frauenvereine hatten dafür jahrzehntelang gekämpft. Die medizinischen Lehrstühle blieben allerdings weiterhin eine männliche Bastion - bis in die Weimarer Republik. Lydia Rabinowitsch Kempner war 1920 die erste Frau, die in Deutschland eine ordentliche Professur und eine leitende Stellung an einem Institut innehatte. Sie unterrichtete und leitete die Abteilung für Bakteriologie am Berliner Krankenhaus Moabit.
Der Rückschlag kam im Nazideutschland. Akademikerinnen passten nicht zu Hitlers Frauenbild. Zu Vorwürfen, er wolle Frauen generell aus dem Berufsleben drängen, entgegnete Adolf Hitler in einer Rede: "Nein! Ich will ihnen nur im weitesten Ausmaß die Möglichkeit verschaffen heiraten zu können, Kinder bekommen zu können. Weil sie dann - und das ist meine feste Überzeugung - unserem Volk natürlich am allermeisten nutzt."
Im Zweiten Weltkrieg wurden Frauen in der Medizin wieder wichtig. In einem Wochenschau-Bericht von 1940 heißt es: "Im Berliner Sportpalast wurden 4.000 freiwillige Helferinnen des Roten Kreuzes vereidigt. Nach gründlichster Führung und Prüfung gehen sie jetzt in die Lazarette an der Front und in der Heimat."
Arztserien im Fernsehen spiegeln die medizinische Rangordnung bis in die 80er Jahre wider. Frauen sind allenfalls fürsorgliche Krankenschwestern, Männer die verehrten Chefs. An diesen Klischees hat sich bis heute wenig geändert. Ob "Im Krankenhaus am Rande der Stadt", in der "Schwarzwaldklinik" oder im tatsächlichen Leben: Frauen finden sich vorzugsweise in den niederen Rängen.
Allerdings: Die Zahl der Medizinstudentinnen stieg in Deutschland seit der Wiedervereinigung stark an. Mittlerweile sind zu Vorlesungsbeginn 70 Prozent der Plätze mit Frauen besetzt. Viele Männer sind wegen den schlechten Arbeitsbedingungen und der geringen Bezahlung in attraktivere Berufsfelder abgewandert. Nur die Leitungspositionen im medizinischen Betrieb sind weiter zu neunzig Prozent in Männerhand.
Letzte Änderung am: 18.07.2007, 11.46 Uhr