aus der Sendung vom Donnerstag, 16.3.2006 | 22.06 Uhr | SWR Fernsehen
Keine andere Nation hat zum Wald ein so sprichwörtlich enges Verhältnis wie die Deutschen. Das beginnt beim Sagen- und Märchenschatz und schreibt sich in der Literaturgeschichte fort. Die Wanderlust der Deutschen ist ungebrochen - und ihr Interesse am "gesunden Wald" ebenfalls.
Von Drachen und Unholden

Die alte deutsche Eiche
Seine wahre Kraft entfaltete der Mythos Wald allerdings erst seit dem 19. Jahrhundert - als die Legende von der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre Neun nach Christus zur Grundfeste der Nation erklärt wurde. Hermann der Cherusker und sein mutiges Waldvolk wurden Geschichte - obwohl weder im Teutoburger Wald gekämpft, noch aus den damaligen Germanen die spätere deutsche Bevölkerung wurde. Dennoch hält sich der Mythos unserer Herkunft aus den undurchdringlichen Wäldern bis heute.
Um das Jahr Tausend war fast das ganze Land christianisiert. Der Heilige Bonifatius legte die Axt an die Wodanseichen und entmachtete die alten Naturgötter der Germanen. Mit Brandrodungen drangen die Bauern tief in die Wälder der Dämonen und Geistwesen vor.
Und mit ihren Kuhherden, Ziegen und Schweinen trieben sie den Mythos bis ins tiefste Waldesdunkel. Doch der Ursprungsmythos Wald lebte weiter - als düstere Bedrohung. Drachen und phantastische Unholde malte beispielsweise Matthias Grünewald um 1515 auf den berühmten Isenheimer Altar. Für die Menschen seiner Zeit waren das völlig reale Wesen.
Romantik im Wohnzimmer

An Weihnachten unverzichtbar
Trotzdem wurde immer mehr Holz geschlagen - für Bauten und als Brennstoff. Im 15. und 16. Jahrhundert wuchsen Städte und Landwirtschaft. Die Wälder wurden zum reinen Wirtschaftsgut und die Flößerei zum Großunternehmen. An der Schwelle des 18. zum 19. Jahrhundert fraß die Industrie den Wald schneller als je zuvor - zugleich aber verwandelte sich, was davon zurückblieb, in einen romantischen Ort. Märchen wie Rotkäppchen oder Schneewittchen erzählten zwar immer noch von wilden Tieren, doch der Wald wurde zum Schutzraum gegen eine nüchterne, von Geld und Maschinen beherrschte Welt. Als Weihnachtsbaum zog der romantisch verklärte Wald in die Wohnstuben ein, und mit ihm das Wunschbild einer harmonischen, bürgerlichen Familie.
In den Heimatfilmen des 20. Jahrhunderts spielte der Wald eine tragende Rolle: Der "Förster vom Silberwald", die "Försterchristel", "Köhlerliesel" und wie sie alle hießen entsprangen diesem Biotop in all ihrer liebenswert unverdorbenen Naivität und Lebensferne.
Die Freizeitgesellschaft der sechziger Jahre erfand den Märchenwald gegen Eintritt. Die Parks mit ihren Märchenfiguren boten Romantik aus Plastik und Pappmaché mit mechanischen Innereien. Doch auch diese Übergriffe konnten den Wald nicht ganz entzaubern.
Und so ziehen die Deutschen weiter hinaus in die grünen Dome, wo sie die Konflikte des Alltags vergessen wollen. Und wehe, wenn dieser Ort bedroht wird! Dann wird sogar eine Naturgewalt namens "Lothar" zum nationalen Notstand, obwohl der Wald danach nichts anderes tut als die Jahrtausende zuvor: er wächst - mit oder ohne Mythen.
Letzte Änderung am: 11.07.2007, 16.18 Uhr